Premiere am Hauptmann-Theater "Endland" am GHT Görlitz-Zittau: Überzeugende Dystopie über Rechtsruck

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Seit fünf Jahren werden die Debatten um Flucht, Integration und Rechtsruck wieder lauter: 2015 suchten zahlreiche Menschen Asyl in Deutschland. Die zwischenzeitlichen Koordinierungsschwierigkeiten sorgten auch für ein Erstarken der rechtspopulistischen AfD und von anderen rechten Kräften. Diese Entwicklung verarbeitete Martin Schäuble in dem Roman "Endland". Das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau hat die Geschichte für die Bühne adaptiert, auf der Profis neben jugendlichen Amateuren stehen.

Darsteller auf der Bühne im Stück ''Endland'' am Theater Zittau.
Markus Weickert, Tilo Werner, TheaterJugendClub und Hannah Götze Bildrechte: Pawel Sosnowski

Das Stück "Endland" am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau basiert auf dem gleichnamigen Roman von Martin Schäuble, der nach der sogenannten Flüchtlingswelle samt Reaktionen hierzulande verfasst wurde: Willkommenskultur und scharfe Ablehnung treffen hier aufeinander. Das Erstarken der AfD kann – besser muss – bei diesem Abend also mitgedacht werden. Dass sich der Schriftsteller aus Baden-Württemberg immer wieder mit Flüchtlingsbewegungen auf der Welt auseinandersetzt oder sich mit Nationalismus beschäftigt, liegt auch in seiner anderen Arbeit begründet: Als Journalist berichtete er unter anderem für die "Freie Presse" in Chemnitz.

Rechtsruck weitergedacht

In "Endland" kombiniert Schäuble zwei Parallelgeschichten: Die eine beginnt in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, wo die junge Frau Fana in einem Krankenhaus als Übersetzerin für die deutsche Sprache arbeitet. Sie ist Schwarz, Christin, will Medizin studieren und begibt sich auf die Flucht nach Deutschland, wobei sie sich als Geflüchtete aus Eritrea ausgibt, um ihre Chancen auf Asyl zu erhöhen. Die andere Geschichte dreht sich um Anton, einen jungen Soldaten aus Deutschland, der die Grenze zu Polen bewacht, damit keine Flüchtlinge – hier "Invasoren" genannt – ins Land kommen. Als guter Soldat im Sinn der neuen Ideologie (die hier "Nationale Alternative" heißt) wird Anton für einen Spezialauftrag ausgesucht: Er wird als ostukrainischer Geflüchteter in das Flüchtlingslager eingeschleust, um dort eine Bombe zu zünden. Er soll so einen Anschlag vorzutäuschen. In diesem Lager trifft Anton auf Fana und beide Handlungsstränge laufen zusammen. Am Ende gibt es auch einen Anschlag, der allerdings nicht von rechts instrumentalisiert werden kann – Anton hat auf eine Wand gesprayt: "Wir hassen euch raus" – "hassen" und "raus" mit SS-Runen geschrieben. Im Stück hinterfragen die Haupt- und Nebenfiguren das eigene Handeln. Die Politik der "Nationalen Alternative" wird kritisch hinterfragt. Unterm Strich ist es also eine Handlung, die die Gegenwart – ein bisschen nach dem Vorbild von George Orwells "1984" – in die Zukunft als eine Dystopie weiterspinnt.

Darsteller auf der Bühne im Stück ''Endland'' am Theater Zittau.
Hannah Götze als Fana Bildrechte: Pawel Sosnowski

Die Inszenierung am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau ist eine Kooperation des Ensembles mit dem TheaterJugendClub. Auf der Bühne stehen fünf professionelle Darstellerinnen und elf Amateure. So wird Anton von Paul Nörpel aus dem Ensemble übernommen und Fana von Hannah Götze aus dem Jugendclub. Natürlich haben die ausgebildeten Schauspielerinnen und Schauspieler mehr Bühnenpräsenz, aber insgesamt mischt sich gut, was sich Regisseurin Patricia Hachtel hier ausgedacht hat. Der Jugendclub ist mehr als nur nette Deko oder Statisterie und bekommt durch Fana und auch dem Soldaten Noah, der aus der "Nationalen Alternative" aussteigen wird und mit dem System hadert, wirklich ein eigenes Gewicht. 

Von der Realität eingeholt

Übrigens fehlt ein Junge aus dem Jugendclub: Falakniaz Safi ist im Programmheft als "in Abwesenheit" aufgeführt. Er ist ein Geflüchteter aus Afghanistan, kam 2015 nach Zittau und hatte im Jugendclub mitgespielt. Im März wurde er abgeschoben, drei Tage vor der Premiere, die dann wegen Corona verschoben wurde. Die Geschichte von Falakniaz Safi wurde im März in mehreren deutschen Zeitungen erzählt. Die Süddeutsche Zeitung zitierte das Zittauer Theater, das von "einem Sarkasmus des Schicksals" spricht. Der Flüchtling sei engagiert und gut integriert gewesen. Er habe das, was im Stück als Dystopie beschrieben wird, nun am eigenen Leib erfahren müssen.

Die Inszenierung nimmt nun in den Aufführungen auf diese Vorgeschichte Bezug: Die Rolle des Geflüchteten wurde nicht neu besetzt, sondern von der Souffleuse eingesprochen. Dazu wurde seine Silhouette als Projektion auf einer Leinwand gezeigt, die das zentrale Element des Bühnenbildes war: Diese Leinwand ist ungefähr zwei mal vier Meter groß und der Zittauer Modi Jeroushi hat dafür gezeichnet. Sie zeigen meist die Orte des Geschehens: das Krankenhaus in Afrika, wo Fana arbeitet, die Kaserne, in der Anton stationiert ist oder verschiedene Fluchtbilder. Alles wirkt wie Comiczeichnungen. Das ist zeichenhaft verdichtet und gut gemacht. Die Atmosphäre und die Stimmung werden hier äußerst überzeugend eingefangen.

Die Inszenierung passt somit doppelt in unsere Zeit, weil nicht nur das Stück wichtige Fragen verhandelt, sondern auch das, was das Stück behauptet, durch die Realität bestätigt wurde. Wobei sich auch die Polizei vor Ort laut Presseberichten für ein Verbleiben oder zumindest eine Überprüfung eingesetzt hatte. Vor Ort hat sich die Situation des Geflüchteten offenbar positiver dargestellt, als es die Gesetzeslage allgemein hergibt. Daraus könnte man lernen, wie wichtig eine individuelle Überprüfung ist.

Übergreifendes Projekt

Darsteller auf der Bühne im Stück ''Endland'' am Theater Zittau.
Szene aus "Endland" Bildrechte: Pawel Sosnowski

Insgesamt ist "Endland" am Gerhart-Hauptmann-Theater ein gelungener Abend, auch wenn die Handlung manchmal zu sehr illustriert wird, wenn zum Beispiel der TheaterJugendClub nachspielt, wie Flüchtlinge im Tiefkühllaster nach Luft japsen. Vor allem bemerkenswert ist die Kooperation, nicht nur zwischen Theaterensemble und Jugendclub, sondern auch mit dem Museum der Stadt Zittau. Die Produktion "Endland" ist Teil eines großen Projekts mit dem Titel "entKOMMEN. Das Dreiländereck zwischen Vertreibung, Flucht und Ankunft". Es geht um Glaubensflüchtlinge im 17. Jahrhundert, die aus Böhmen kamen, es geht um Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg und es geht um Migration in der heutigen globalen Welt.

In der Premiere saßen viele Jugendliche im Publikum, dazu Eltern und Verwandte der Mitspielenden. Das ist schön zu sehen, wenn man im Hinterkopf hat, wie sehr sich das Theater lange Zeit über Abonnenten und ein klassisches Stadttheater-Programm definiert hat. Mit "Endland" und dem Dreiländereck-Projekt zu Flucht und Vertreibung ist das Theater jetzt ein Partner bei der Recherche zur Identität der eigenen Stadt und Heimat, zu Fluchtgründen und Willkommenskultur. Da macht das Theater also genau das, was gerade als neue Rolle hinzukommt: mitspielen bei der politischen Meinungsbildung und Raum geben für Sichtweisen aus unterschiedlichen Perspektiven. Das ist gut so!

Informationen zum Stück "Endland" nach dem Roman von Martin Schäuble
am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

Regie und Ausstattung: Patricia Hachtel
Grafik: Modi Jeroushi
Dramaturgie: Urs Ochsner
Soufflage/Hospitanz: Erik Dowideit
Mit: Paul Nörpel, Hannah Götze, Josef Pietschmann, Tilo Werner, Markus Weickert, Sabine Krug

Weitere Termine:
9. Oktober, um 19.30 Uhr
14. Oktober, um 19.30 Uhr
1. November, um 18 Uhr
18. November, um 18 Uhr

Die Ausstellung "entKOMMEN. Das Dreiländereck zwischen Vertreibung, Flucht und Ankunft" ist noch bis zum 18. Oktober im Zittauer Stadtmuseum zu sehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Oktober 2020 | 16:10 Uhr