Besucherzahlen mehr als verdoppelt Der Museumsumkrempler: Alfred Weidinger verlässt das Leipziger MdbK

Alfred Weidinger, Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste, verlässt die Institution vorzeitig nach nur zweieinhalb Jahren Amtszeit. Die unumwunden rasant zu nennen war: Mit einer ungeheuer hohen Schlagzahl an Ausstellungen belebte Weidinger die Stadt mit Kunst und versagte auch der lokalen Kunstszene nicht die Weihen musealer Anerkennung. Eine Bilanz.

Alfred Weidinger
Alfred Weidinger vor der Figurengruppe "Große Stehende" von Frank Seidel aus dem Jahr 1983. Die Skulpturen wurden im Rahmen der Schau "Point of no return" gezeigt. Bildrechte: dpa

Als Alfred Weidinger ins Amt des Museumsdirektors eingeführt wurde, sprach er – nicht blumig – davon, dass er nun der so genannte "frische Wind" sei, er ließ das Leipziger Museum der bildenden Künste kurzerhand umräumen. Zu seiner ersten Schau im Herbst 2017 erblickten die Besucher denn auch an der bislang erhaben-nackten 17 Meter hohen Betonwand des Museumscafés Plakate, die der chinesische Künstler Wang Qingsong schlichtweg dort aufgeklebt hatte. Ein für manche schockierendes Menetekel dafür, dass Weidinger die großen leeren Flure und Plattformen des Hauses, von den Star-Architekten eigens so konzipiert, zu Ausstellungsflächen umfunktioniert hatte. Eine interessante Idee zu schwer bespielbarer Architektur, die sich im Gedächtnis des Leipziger Publikums verhakt hat, wenn auch die Substanz des erst 2004 eingeweihten Neubaus darunter litt.

Eine Auswahl Von Yoko Ono bis Christoph Ruckhäberle: Weidingers Ausstellungen am MdbK

Ausstellung - Carina Brandes: «Zwischen Hunden und Wölfen»
Carina Brandes
Zwischen Hunden und Wölfen
12.01. — 02.04.2018
Bildrechte: Roman März
Ausstellung - Carina Brandes: «Zwischen Hunden und Wölfen»
Carina Brandes
Zwischen Hunden und Wölfen
12.01. — 02.04.2018
Bildrechte: Roman März
Nakeya Brown, Kanekalon on a Fork, aus der Serie The Refutation of Good Hair, 2012 © The Artist
Virtual Normality
Netzkünstlerinnen 2.0
12.01. — 21.05.2018
Bildrechte: Nakeya Brown
Der Kiosk, 2012 , Öl und Acryl auf Leinwand , 100 x 170 cm
Titus Schade
Plateau
29.06. — 26.08.2018
Bildrechte: Uwe Walter, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Ausstellungsansicht Klaus Hähner-Springmühl. Kandidat
Klaus Hähner-Springmühl
Kandidat
07.09.2018 — 10.02.2019
Bildrechte: PUNCTUM/A. Schmidt
Künstlerin Yoko Ono besucht ihre Ausstellung "PEACE is POWER" im Museum der bildenden Künste in Leipzig.
YOKO ONO
PEACE is POWER
04.04. — 07.07.2019
Bildrechte: dpa
Doris Ziegler, Große Passage, 1989-1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295x350cm, Privatbesitz
Point of No Return
Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst
23.07. — 03.11.2019
Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Der Musiker Udo Lindenberg sitzt in seiner Ausstellung "Zwischentöne" im Museum der bildenden Künste in Leipzig auf einem von ihm signierten Trabant.
Udo Lindenberg / Zwischentöne/Nuances
06.09.2019 — 05.01.2020
Bildrechte: dpa
Eine Frau geht durch eine Ausstellung mit Werken von Max Klinger im Museum der bildenden Künste (MdbK). 
Klinger 2020
06.03. — 14.06.2020
Bildrechte: dpa
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Wie es so ist, das Erste ist einem oft das Liebste, und so wertschätzt Alfred Weidinger heute seine ersten drei Ausstellungen am höchsten, mit nicht von jedem verstandenen, ästhetisierenden Fotos junger Menschen des Chinesen Ren Hang als auch den grafischen Interpretationen von Menstruationsblut durch die Leipziger Künstlerin Petra Mattheis. Interpretationen,  gewöhnungsbedürftig für manches Publikum, eher weniger für diejenigen, die feministische Kunst schon länger betrachten.

Das MdbK vor Weidinger: unauffällig und belehrend

Der so genannte "frische Wind" hatte Leipzigs Kunstszene zuvor dringend gefehlt. 2017, mit dem Ausscheiden von Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt, war das Bildermuseum ein Musentempel mit leeren marmornen Fluren, mit einer beschaulichen Schlagzahl an Ausstellungen, die meist Kunst aus der westlichen Welt den überschaubaren Besuchern leicht belehrend vor Augen führte. Alfred Weidinger änderte das: Er holte die lebendige Leipziger Kunstszene, die sich seit 1990 ohne nennenswerte Förderung entwickelt hatte, ins Haus, verlieh ihr museale Weihen, die sein Vorgänger versagt hatte. Es sei ihm von Beginn an wichtig gewesen, den Puls der Stadt zu fühlen, erinnert er sich heute. So kam er mit vielen Kunstschaffenden ins Gespräch.

Besucherzahlen mehr als verdoppelt

Außenansicht des Museums der bildenden Künste Leipzig.
Das Museum der bildenden Künste in Leipzig. Bildrechte: MDR/Bertram Kober

Wer in Leipzig und Sachsen als Künstler oder Künstlerin einen Namen hat, schaffte es in den letzten zweieinhalb Jahren mit einer Schau ins Leipziger Bildermuseum. Besonders machte sich Weidinger um die Wiederwertschätzung der ostdeutschen Kunst verdient, mit der Überblicksschau "Point of No return", die international für Aufsehen sorgte. In der New York Times etwa schaffte es das Museum damit gar auf die Titelseite.

Kunst-Liebhaber wurden jedoch eher enttäuscht. Vor allem Retrospektiven zu Größen der Popwelt wie Yoko Ono oder Udo Lindenberg brachten Besucher ins Haus, die sonst die berühmte Schwellenangst davon abhält. Die Besucherzahl ließ sich so im Jahr 2019 mehr als verdoppeln, von einst 90.000 pro Jahr auf knapp 200.000. Ein Kraftakt, der oft zulasten der Museumsmitarbeiter ging, die die hohe Zahl der Ausstellungen organisierten. Das Museumsbudget blieb ebenfalls das gleiche, weshalb viele Künstler ihre Ausstellungen gleich selbst kuratierten und aufbauten. Was nicht immer gut für die Künstler war, oft zeigten sie ihre Kunst direkt aus dem Atelier kommend, intensivere  Blicke eines Kurators hätten mehr bewirken können. Wie ein Zirkus-Direktor kämpfte Weidinger mit Attraktionen um Aufmerksamkeit, mit teils drei Ausstellungseröffnungen in einer Woche, was die Vernissagen leider teils inflationär werden ließ.

Weidinger hinterlässt große Fußstapfen

Im Juni letzten Jahres dann – die Leipziger Kunstszene steckte mitten im Streit um den AfD-nahen Künstler Axel Krause und das Bildermuseum mittendrin – ereilte die Stadt die Nachricht, dass Alfred Weidinger vorzeitig aus dem Amt scheiden werde und als Museumschef in Linz eine lukrativere Stelle am Oberösterreichischen Landesmuseum übernimmt. In der Messestadt hat bislang keiner so richtig verstanden, warum er das Museum nach so kurzer Zeit verlässt. 'Nicht traurig sein', gibt Weidinger zur Antwort, die hohe Schlagzahl der Ausstellungen sei von vornherein nur auf drei Jahre begrenzt gewesen.

Seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin hinterlässt Alfred Weidinger ein schweres Erbe: Er hat gezeigt, was ein Kunstmuseum einer mittelgroßen Stadt mit begrenztem Personalstand und Budget zu leisten im Stande ist – für knapp drei Jahre. Eine Höchstleistung mit Feuerwerk und Schatten, von der bereits absehbar ist, dass sie nicht zu halten sein wird – und dass dies auch nicht jeder will.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. März 2020 | 07:10 Uhr

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