Interview Wie die AfD im Osten Wahlkampf macht

"Vollende die Wende", "Werde Bürgerrechtler", "Wir schreiben Geschichte" – steht derzeit vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg großflächig auf Wahlplakaten der AfD. So knüpft die Partei an die Friedliche Revolution an. Inwieweit sollten die Friedliche Revolution, die Wende und der Mauerfall überhaupt eine Rolle spielen im Wahlkampf der Parteien in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg? Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der unter anderem Mitglied der Enquete-Kommission zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur" des Deutschen Bundestages war und zu den besten Kennern der DDR-Geschichte zählt, im Interview.

Ilko-Sascha Kowalczuk, 2009 7 min
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"Vollende die Wende" plakatiert derzeit die AfD. Wir fragten Ilko-Sascha Kowalczuk, einen der besten Kenner der DDR-Geschichte, was er von diesem Versuch, Geschichte umzuschreiben, hält.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 09.08.2019 07:10Uhr 07:18 min

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MDR KULTUR: Sich die Friedliche Revolution aneignen: Dürfen die das von der AfD in der Form?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Wir leben in einer freien Gesellschaft, da dürfen wir erstmal alles, was vom Grundgesetz gedeckt ist. Das ist gut so. Dafür sind die Demonstrantinnen und Demonstranten 1989 auch auf die Straße gegangen. Gleichwohl ist es natürlich außerordentlich geschmacklos, was die AfD da macht.

Wir erleben zurzeit den Versuch von Rechts und von Links, sich die Friedliche Revolution anzueignen und umzudeuten. Die Linkspartei tut so, als ob sie die Wende mit eingeleitet hätte, verbunden mit dem Impetus, davor gewarnt zu haben, was alles kommen würde. Die AfD setzt die gesellschaftliche Situation in der DDR 1989 mit der heutigen in der Bundesrepublik nicht nur gleich, sondern suggeriert im Prinzip, es sei jetzt alles noch viel schlimmer.

Das ist nicht nur absurd, sondern geschichtsvergessen und auch lächerlich, wenn Vorderleute der AfD wie Gauland und Höcke behaupten, sie hätten die Revolution nicht gemacht, um heute in solchen Verhältnissen zu leben. Zumal sie aus dem Westen kommen und damit gar nichts zu tun hatten.

Ist das in dieser Debatte ein wichtiger Aspekt, woher die Parteiführer kommen?

Also prinzipiell nicht, wir leben in einem geeinten Deutschland und da sollte die Herkunft nicht mehr wichtig sein. Aber wenn es um die Revolution von 1989 geht und um die Frage, was wollten die Menschen damals, wofür sind sie eingetreten ... Wenn dann Leute im Namen einer völkischen und rassistischen Ideologie auftreten und sie vereinnahmen, ohne dabeigewesen zu sein, dann ist das schon interessant. Geschichtsinterpretationen sind ja immer sehr pluralistisch und umstritten. Insofern muss man schon darauf hinweisen, wer was mit welcher Absicht sagt.

Wer in der DDR solche Parolen wie Höcke oder Gauland verkündet hätte, wäre im Zuchthaus in Cottbus oder Bautzen gelandet, über den würde auch nicht in den Medien berichtet. Allein daran sieht man, wie absurd die Gleichsetzung der damaligen Verhältnisse mit den heutigen ist.

Offenbar fallen die Vergleiche aber auf fruchtbaren Boden, die AfD scheint etwas anzusprechen, was einige potenzielle Wähler beschäftigt.

Das ist fraglos so, dass das einige Wähler beschäftigt. Nur weiß ich nicht so genau, wer das ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die in der DDR unter dem Regime gelitten haben, dass die heute die Verhältnisse in der Bundesrepublik mit denen damals gleichsetzen. Das können ja nur Menschen sein, die in der Bundesrepublik gelebt und die DDR nicht als das wahrgenommen haben, was sie war: eine Diktatur. Oder Menschen, die sich in der DDR eigentlich ganz gut zurechtfanden, durchwurschtelten oder das System auch aktiv mittrugen. Wie wir wissen, tummeln sich in der AfD ja auch eine Menge Stasi-, Polizei- und SED-Kader.

Das können nur verirrte Einzelfälle sein und gewiss kein Mainstream innerhalb derer, die AfD wählen. Nicht alle, die diese Partei wählen oder das beabsichtigen, fallen auf diese Geschichtslüge herein. Für sie gibt es sicher noch andere Gründe, die AfD zu wählen.

Sie sagten, auch die Linkspartei mache sich die Friedliche Revolution zu eigen. Wie tut sie das im Vergleich zur Strategie der AfD?

Die AfD versucht, die Verhältnisse von damals und heute gleichzusetzen. Die Linkspartei, namentlich Gregor Gysi versucht, sich zu legitimieren, überhaupt darüber reden zu können; indem sie sagen, sie hätten ja die Mauer geöffnet und überhaupt für die Friedlichkeit der Ereignisse gesorgt. Was beides so nicht stimmt. Ihre Absicht ist aber nicht so sehr, die Revolution für sich zu reklamieren, sondern darauf hinzuweisen, dass sie schon 1990 unentwegt vor den politischen, sozialen, kulturellen Folgen einer überstürzten Einheit gewarnt hätten, die dann aus ihrer Sicht auch katastrophal so eingetreten seien. Insofern wären sie auch heute berufen, politisch mitzuspielen.

Insofern haben wir zwei unterschiedliche Inspirationen, sich mit der Friedlichen Revolution zu beschäftigen. Die einen wollen die Umstände parallelisieren und gleichsetzen, während die anderen über die Folgen reden wollen.

Wie weit sollte die Friedliche Revolution, die Wende und der Mauerfall eine Rolle spielen im Wahlkampf in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg?

In Wahlkämpfen spielt der Blick zurück immer eine große Frage. Erinnern ist wichtig. Zumal wir ja gerade vor der Frage stehen: Was ist los in Ostdeutschland? Was ist los in Europa? Da muss man schon zurückschauen, um zu verstehen, wie etwas gekommen und was vielleicht noch zu korrigieren ist. Vieles ist auch gut gelaufen.

Ich glaube, die anderen Parteien – die CDU, die SPD, die FDP, Bündnis 90/Die Grünen – die wären gut beraten, viel stärker auf das Erbe von 89/90 im Osten zu setzen und zu sagen: Guckt mal, was wir geschafft haben. Wir haben die grundlegenden Menschenrechte durchgesetzt, die sind garantiert in der Bundesrepublik. Wir haben noch viel zu tun, damit es insbesondere Ostdeutschland besser geht. Wir können aber auch optimistisch sein und Energie aus dem ziehen, was wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten geschafft haben.

Zurzeit hat man ja den Eindruck, dass wir in Ostdeutschland wie in einem großen Jammertal sitzen. Ich glaube, die Stimmung bei den meisten ist eine andere, wird aber überformt von der Miesepeterei, die von Links- und Rechtsaußen kommt.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2019, 13:14 Uhr

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