Alexander Solschenizyn
Alexander Solschenizyn Bildrechte: imago/Leemage

100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers Wer Alexander Solschenizyn liest, dem läuft es kalt den Rücken runter

Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Alexander Solschenizyn geboren. Wegen bissiger Bemerkungen über Stalin wurde er 1945 zu acht Jahren Haft verurteilt. Was er in den Gulags der kommunistischen Diktatur erduldete, beschrieb er in seinem Debütroman "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" (1962). Solschenizyn war in seiner Heimat zunächst äußerst populär, doch die Regierung von Leonid Breshnew bespitzelte und zwang ihn, seine Heimat zu verlassen. Was hat Solschenizyn uns heute noch zu sagen?

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Alexander Solschenizyn
Alexander Solschenizyn Bildrechte: imago/Leemage

Wladimir Putin rief 2018 zum Solschenizyn-Jahr aus. Doch das Echo ist relativ bescheiden geblieben. Immerhin richtete man die ehemalige Moskauer Wohnung des Autors als Museum ein. Sein sehr umfangreicher Prosazyklus "Das rote Rad" wurde für die Bühne adaptiert und sein Roman "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" kommt als Oper am Moskauer Bolschoi-Theater zur Aufführung, dirigiert von seinem Sohn Ignat.

Zu Lebzeiten durfte Solschenizyn in einer eigenen Fernsehsendung wöchentlich zehn Minuten lang seinen Mitbürgern die Welt erklären. Auch vor der Duma, also dem Parlament, hielt er feurige Reden. Selbst wenn der Autor noch unter uns weilen würde, wäre an so etwas gegenwärtig nicht mehr zu denken.

Putin zeichnete den Schriftsteller 2007 mit dem Staatspreis der Föderation aus und traf sich mehrfach mit ihm. Was ihm an dem Künstler gefiel, war die Tatsache, dass er einen nationalen Sonderweg für die Russen forderte, ganz im Gegensatz zu einem Dissidenten wie Andrej Sacharow, der sich an liberalen, westlichen Werten orientiert hatte.

Seine Witwe lobte Putin im Ukraine-Konflikt

Solschenizyn seinerseits, der sich stets sehr kritisch zu Gorbatschow und dessen Perestroika äußerte, liebte an Putin, dass er den starken Mann markierte, der um jeden Preis auf den Zusammenhalt des Landes pochte.

Es ist sehr interessant, dass Solschenizyns Witwe Putin für sein Agieren im Ukraine-Konflikt mit Lob überhäufte. "Russland hat in Putins Zeiten wieder zu militärischer, internationaler Macht gefunden", erklärte sie und fügte hinzu, ihr verstorbener Gatte habe dauernd vor einem Bruch mit der Ukraine gewarnt. Dass Solschenizyn sich von einem Präsidenten hofieren ließ, der einst für den berüchtigten KGB arbeitete, obwohl ihn genau dieser Geheimdienst früher drangsaliert hatte, verübelten ihm allerdings viele Opfer des Stalin-Regimes.

1974 wurde Solschenizyn wegen Landesverrat ausgebürgert. Die erste Station seines Exils war Köln, wo er bei seinem Freund Heinrich Böll wohnte. Damals führte er in Deutschland die Bestsellerlisten an. Aber heute sieht es hierzulande mit seinen Erfolgen armselig aus. Das kann man schon daran ablesen, dass sein Jubiläumsjahr in der Bundesrepublik fast sang- und klanglos verstreicht. Es gibt weder aktuelle Nachauflagen seiner Werke noch eine neue Biografie.

1974 zog er zu Heinrich Böll nach Köln

Das letzte der bisher noch nicht ins Deutsche übertragenen Bücher Solschenizyns, das hierzulande erschien, nämlich "Meine amerikanischen Jahre", datiert von 2007. Diese Tendenz passt ins internationale Bild. Zwar richtete die UNESCO 2018 in Paris eine Solschenizyn-Konferenz aus, doch die Solschenizyn-Stiftung in Moskau betont, dass das Interesse an dem Schriftsteller weltweit drastisch erlahmt. Ob die 2006 vom Wremja-Verlag begonnene, auf rund 30 Bände berechnete Ausgabe seiner Werke je zur Vollendung gelangt, weiß niemand.

Als Solschenizyn 1994 aus der Emigration nach Russland zurückkehrte, feierte man ihn als Helden. Seither schwindet seine Popularität stetig. Als er damals per Flugzeug in Wladiwostok landete, begrüßten ihn rund 200 Journalisten und jede Menge Schaulustige. Mit der Eisenbahn fuhr er dann quer durch Russland nach Moskau, begleitet von einem Team der BBC.

Bei "Archipel Gulag" läuft es einem kalt über den Rücken

Doch er war zu lange in den USA gewesen, hatte sich im Exil von seinem Volk entfremdet. Dessen Probleme waren einfach nicht mehr seine Probleme. Die Leute bestaunten ihn daher wie einen Dinosaurier. Ein Reporter kommentierte: "Jeder kennt seinen Namen, aber niemand liest seine Bücher. Unser Voltaire von Vermont ist ein geistiges Denkmal, ein Hutständer in einem Vestibül. Wir sollten ihn für immer einmotten". Mit seinem sehr harten Urteil täuschte er sich nicht, denn über den einst als "Russlands Gewissen" bejubelten Autor senkte sich nach seinem Tod 2008 rasch Stille.

1970 erhielt Solschenizyn den Nobelpreis für Literatur. Er war ein enorm authentischer Chronist des Alltags im Gulag, der ungeheure Pein durchlitt. Er dokumentierte die Tretmühle des Schreckens in seinem beklemmenden Hauptwerk "Der Archipel Gulag" so akribisch, dass es einem kalt über den Rücken läuft.

Der Nobelpreis war berechtigt

Und doch verbirgt sich in dieser Exaktheit eine Gefahr, nämlich die der literarischen Bürokratie. Solschenizyn neigt zu weit ausholenden, langatmigen Betrachtungen und zu Wiederholungen. Er ist kein großer Stilist, teilweise wirkt seine Sprache knöchern.

Einen Extrafall verkörpert sein Roman "Krebsstation". Darin erreichte er absolute Meisterschaft. Trotzdem schilderten Kollegen wie Imre Kertesz oder Jorge Semprun das Grauen in den Konzentrationslagern verstörender.

Die Wahl Solschenizyns zum Nobelpreisträger war damals ein symbolischer Akt. Die Stockholmer Akademie krönte bewusst einen Zeitzeugen, der mit nie dagewesener Präzision und Wucht das Elend in den Lagern fixiert hatte. Sie wollte außerdem unterstreichen, dass solche Lager nicht nur unter den Nazis, sondern auch unter den Kommunisten existierten. Das ist höchst verdienstvoll und rechtfertigt die Entscheidung absolut.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2018, 17:55 Uhr