Porträt Alfred Brehm – Was uns der Tierversteher heute noch zu sagen hat

Dass auch Tiere denken und fühlen können, das glaubte Alfred Brehm schon vor 150 Jahren. In Thüringen durchstreifte er mit seinem Vater, dem "Vogelpastor", Wald und Wiesen rund um Renthendorf, ehe ihn Expeditionen bis nach Afrika führten. Sein zehnbändiges "Tierleben" machte den fabulierenden Forscher weltbekannt. Mit seinen Beobachtungen verblüfft der "Tiervater" bis heute.

Dass auch Tiere denken und Freude, Trauer oder Schmerz fühlen können, das glaubte Alfred Brehm schon vor 150 Jahren. Damit steht er damals noch ziemlich allein da, stellt Jochen Süß, der Leiter der Gedenkstätte in Renthendorf, klar. Als die ersten sechs Bände von Brehms illustriertem "Tierleben" zwischen 1863 und 1869 erscheinen, sind Kirche und wissenschaftliche Fachwelt empört. Nicht so Charles Darwin, der gerade heftig für die Veröffentlichung seiner Theorie über die Entstehung der Arten angefeindet wird, weil sie sowohl einen göttlichen Bauplan als auch den Menschen als Krone der Schöpfung in Frage stellt. Der Engländer bekommt Brehms Werk zugeschickt und äußert sich begeistert, wie ungeheuer plastisch und allgemeinverständlich Brehm das Verhalten der Tiere zu beschreiben weiß.

Von Vögeln und Menschen

Szene aus: Lebensläufe: Alfred Brehm - Der Tierforscher aus Thüringen
Blick auf Renthendorf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brehms Gabe, Tiere genau beobachten und beschreiben zu können, gerade so als seien sie eigentlich auch nur Menschen, gründet in seiner Kindheit. 1829 wird er in Unter-Renthendorf im heutigen Saale-Holzland-Kreis als zweites von sieben Kindern geboren. Die Wälder und Wiesen rundum durchstreift er schon als kleiner Junge mit seinem Vater. Christian Ludwig Brehm ist eigentlich Pfarrer, wird aber wegen seiner Leidenschaft für die Ornithologie nur "Vogelpastor" genannt.

Szene aus: Lebensläufe: Alfred Brehm - Der Tierforscher aus Thüringen
Brehms Goldammer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zum 8. Geburtstag schenkt er seinem Sohn bereits eine Flinte. Der erste Vogel, den Alfred damit schießt – eine Goldammer – wird immer noch in der Gedenkstätte verwahrt. Gemeinsam mit einigen anderen der insgesamt rund 9.000 Vogelbälger, die Christian Ludwig mit Hilfe seiner gesamten Familie über fünf Jahrzehnte präpariert. Brehm lernt dabei, wie man die einzelnen Körperteile vermisst und was die Ergebnisse über Lebens- oder Ernährungsweise aussagen. Doch nicht nur für wissenschaftliche Zwecke werden Vögel erlegt. Die Pfarrersfamilie deckt damit – wie damals gang und gäbe – auch ihren Fleischkonsum.

Auf Expedition bis nach Afrika

Alfred Brehm
Brehm als Expeditionsreisender Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als ein Freund des Vaters, der Baron Johann Wilhelm von Müller aus dem Schwäbischen, einen kundigen Präparator und Begleiter für seine Afrika-Expedition sucht, ergreift der 18-Jährige die Chance seines Lebens, lässt Mauerausbildung und angefangenes Architekturstudium hinter sich. Mit Einverständnis des Vaters, der seine Sammlung wohl um einige exotische Exemplare zu erweitern hofft. Die Reise führt ab 1847 von Ägypten bis in den Sudan. Brehm kämpft sich durch die Stromschnellen des Nil, glutheiße Steppen und Savannen. Er beobachtet exotische Tiere in freier Wildbahn. Dem Baron wird es zu anstrengend. Er reist eher ab. Brehm bleibt, trotz Hunger, Geldnot und Malaria. Nach fünf Jahren kehrt er zurück nach Renthendorf, im Gepäck hat er abenteuerliche Geschichten und neue Erkenntnisse, tatsächlich 1.000 exotische Vogelbälger für den Vater und auch zwei Affen.

Kein Wissenschaftler hat sich damals mit dem lebenden Tier beschäftigt. Damit hat Brehm aufgeräumt, indem er tierisches Verhalten beschrieben hat.

Karsten Brensing, Meeresbiologe und Verhaltensforscher

Autor, Forscher und Zoo-Direktor: "Kein Kuschel-Typ"

Szene aus: Lebensläufe: Alfred Brehm - Der Tierforscher aus Thüringen
"Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit denen wird er fortan in Jena gesehen. Dort beginnt er nach seiner Rückkehr, Zoologie zu studieren. Schon nach vier Semestern absolviert er sein Examen. Da ihm seine "Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika" als Dissertationsschrift anerkannt werden, kann er bereits 1855 promovieren. 1861 heiratet er seine Cousine Mathilde Reiz. Sie ziehen nach Leipzig, wo sich Brehm als freier Autor versuchen möchte. Die Honorare sind spärlich. So verdient er den Lebensunterhalt als Lehrer für Naturkunde und Geografie. "Das Leben der Vögel" erscheint als sein erstes populärwissenschaftliches Werk, das er seinem Vater widmet. Lange vor dem Aufkommen der modernen Verhaltensforschung beschreibt er Lebensweise, aber auch Gesänge und Lockrufe seiner Lieblinge sowie deren Verwurzelung in der Mythologie. Bis ihn erneut das Reisefieber packt. Wieder geht es nach Afrika, diesmal begleitet ihn seine Frau. Die Expedition endet aus Krankheitsgründen vorzeitig.

Szene aus: Lebensläufe: Alfred Brehm - Der Tierforscher aus Thüringen
Fasziniert von Vögeln Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Mann, der sich inzwischen eine Namen als Reise- und Tierschriftsteller gemacht hat, der Star-Autor der "Gartenlaube", dem führenden deutschen Familienblatt, ist, wird nun Praktiker. Als erster Direktor des Hamburger Zoologischen Gartens modernisiert er ab 1863 in kurzer Zeit die Gehege, erweitert die Anlage und erwirbt zahlreiche neue Tiere. Auch Exoten. Er will mehr Platz für deren Haltung. Das kostet Geld und führt zu Reibereien mit seinen Vorgesetzten. Nach drei Jahren legt man ihm nahe, zu kündigen. Brehm hat bereits neue Pläne. In Berlin konzipiert er ab 1867 das "Aquarium Unter den Linden", die Besucher sollen durch Höhlen und geheimnisvolle Gänge geleitet werden und in erleuchtete Aquarien und Terrarien blicken. Wieder gibt es Probleme mit der Verwaltung und Brehm muss die Leitung 1874 abgeben. "Er war kein Kuscheltyp", sagt Jochen Süß vom Museum in Renthendorf über Brehms Karriere.

Tiere sind auch nur Menschen?

Am Ende wird sein in Hildburghausen beim Verlag Herrmann Julius Meyer erscheinendes "Tierleben" der große Wurf. In zweiter Auflage und auf zehn Bände erweitert erscheint es zwischen 1876 und 1883. Nicht nur die Erlebnisse und Erkenntnisse der Expeditionen, die Brehm nach Afrika, Lappland, Sibirien, Spanien oder Ungarn führen, werden geschildert. Auch Forscher wie Humboldt "kommen zu Wort". Außerdem fließen Zitate aus der Bibel, Tierfabeln und Mythologisches ein. Das Werk gilt bis heute als das berühmteste Tierbuch der Welt.

Schon aus dem bis jetzt Mitgeteilten ist hervorgegangen, daß der Maulwurf im Verhältnis zu seiner Größe ein wahrhaft furchtbares Raubtier ist. Dem entsprechen auch seine geistigen Eigenschaften. Er ist wild, außerordentlich wütend, blutdürstig, grausam und rachsüchtig und lebt eigentlich mit keinem einzigen Geschöpf im Frieden, außer mit seinem Weibchen, mit diesem aber auch bloß während der Paarungszeit und solange die Jungen klein sind.

Alfred Brehm über den Maulwurf

Auch wenn Brehm Tiere bisweilen zu sehr vermenschliche, sie in gute und böse, nützliche und unnütze unterteilt, bleibt ihm aus Sicht von Verhaltensforscher Karsten Brensing ein Verdienst; nämlich Darwins Idee von der Entstehung der Arten zu befördert zu haben, in dem er zeigte, wie Tiere sich entwickelten und wie ähnlich sie sich seien. So habe er Darwins Evolutionstherorie verständlicher gemacht, erklärt Brensing und verweist auf die politische Sprengkraft, die sie hatte: "Wenn nicht die Bibel die Welt erklärt und wenn die Herrschaftshäuser nicht Gott gegeben sind, dann ist ja alles in Entstehung, dann ist alles Evolution. Und das hatte natürlich damals Brisanz."

Alfred Brehm hat durch seine Beobachtungen Dinge entdeckt, die die Wissenschaft erst in den letzten Jahrzehnten bestätigt hat: Dass Tiere logisch denken können, dass sie Emotionen haben (...) Er hat Tieren viel zugetraut. Wenn man sich seinen einleitenden Absatz über die Säugetiere durchliest, dann hat man dort vielfältige Beschreibungen über Familiensinn, über Freundschaft .... Und diesen Absatz würde ich heute unterschreiben.

Karsten Brensing, Meeresbiologe und Verhaltensforscher

Renthendorf als Heimat und Begegnungssort

Szene aus: Lebensläufe: Alfred Brehm - Der Tierforscher aus Thüringen
Blick ins Wohnhaus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In zahlreichen Vorträgen referiert Brehm damals über einen ethischen Umgang mit dem Tier. Als Ornithologe und Botaniker klärt er auf, welche dramatischen Folgen die Rodung oder der Verlust von Vogel-Brutstätten hat. Auch das macht sein Erbe hochaktuell, wie Jochen Süß von der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf findet. Das gesamte Ensemble mit Pfarrhaus, Friedhof und dem vom Verfall bedrohten Wohnhaus wurde inzwischen aufwändig für 1,5 Millionen Euro saniert. Süß wünscht sich, 2020 die neue Dauerausstellung zu eröffnen und zeigen zu können, wie modern Brehm dachte.

Noch sind wir weit davon entfernt, das tierische Leben erkannt zu haben, und noch studieren wir am Tiere in der Absicht, uns selbst kennenzulernen.

Alfred Brehm

Renthendorf war für Alfred Brehm immer Heimat. Dort hat er seine Reiseberichte geschrieben. Dorthin kehrt er nach den Schicksalsschlägen der letzten Lebensjahre zurück. Schon während seiner ersten Afrika-Reise ertrinkt sein Bruder im Nil. Seine Frau stirbt mit 38 Jahren im Kindbett. Kurz bevor der Witwer 1884, inzwischen 49, aus finanziellen Gründen zu einer Vortragsreise in die USA aufbricht, erkranken vier seiner Kinder an Diphtherie. Sein jüngster Sohn Oskar stirbt, bevor Brehm überhaupt in Amerika ankommt. Völlig entkräftet kehrt er nach vier Monaten zurück. 1884 stirbt er im Alter von 55 Jahren in seinem Haus in Renthendorf – dort, wo alles begonnen hat.

Quelle: Lebensläufe: Alfred Brehm – Der Tierforscher aus Thüringen von Christel Sperlich

Alfred Brehm
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Jochen Süß, Leiter der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf/Thüringen 4 min
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Die Alfred-Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf ist in den letzten Jahren umfassend restauriert worden. Sabine Frank war dort und hat sich bei Leiter Jochen Süß nach dem Stand der Dinge erkundigt.

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Jochen Süß, Leiter der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf/Thüringen 4 min
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Die Alfred-Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf ist in den letzten Jahren umfassend restauriert worden. Sabine Frank war dort und hat sich bei Leiter Jochen Süß nach dem Stand der Dinge erkundigt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 19. September 2019 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2019, 04:00 Uhr

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