Besonderes Erbe Wie Dresdens Kunsthochschule mit ihrer Anatomischen Sammlung umgeht

Giovanni Battista Casanova, jüngerer Bruder des Abenteurers und Schriftstellers, hielt im 18. Jahrhundert Anatomievorlesungen in der Dresdner Kunstakademie und regte an, die Studierenden sollten doch an Leichensektionen teilnehmen. Zudem wurde damals für die Kunststudenten ein Skelett als Vorlage angeschafft - der Anfang der anatomischen Sammlungen der Akademie. Inzwischen gibt es solche Akademien nur noch in Paris und St. Petersburg - und auch die in Dresden kann künftig wieder von Studierenden genutzt werden, denn sie wurde neu aufgestellt und wiedereröffnet. Bei ihrer Erforschung in den letzten Jahren taten sich jedoch die dunklen Seiten ihrer Geschichte auf.

Die Dresdner Hochschule für Bildende Künste hat ihre Anatomische Sammlung in den vergangenen zwei Jahren erforscht und neu aufgestellt. Künftig sollen die rund 700 Exponate "im Sinne ihres Ursprungs wieder für Lehre und Forschung genutzt" werden, wie Projektleiterin Sandra Mühlen-Behrendt erklärte. Zudem stehe sie der Öffentlichkeit zur Verfügung, allerdings nur mit Anmeldung.

"Surrogat für den lebendigen Körper"

Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Auch Tierpräparate gehören zur Sammlung. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis

Mühlen-Behrendt zufolge handelt es sich um die einzige, derartige noch erhaltene Lehrsammlung an einer Kunsthochschule in Deutschland, europaweit gebe es nur noch zwei, in St. Petersburg und Paris. Mit Gründung der Dresdner Kunstakademie 1764 seien die Objekte gesammelt und für den Zeichen-Unterricht genutzt und auch an andere Schulen ausgeliehen worden: "Sie waren quasi das Surrogat für einen lebendigen Körper, der nicht immer verfügbar war oder still hielt", erläutert Mühlen-Behrendt. Die Anfänge künstlerischer Anatomiestudien reichten bis ins 16. Jahrhundert zurück: "Das heißt, wenn man sich mit der menschlichen Figur beschäftigt, sollte man sie von innen nach außen begreifen."

Eine Ehrbezeugung für die Menschen, deren Überreste ohne deren Einwilligung in die Anatomische Sammlung eingegangen sind, ist der Ausstellung nun vorangestellt. Nicht die einzige Neuerung: Statt des offenen roten Ziegelmauerwerks gibt es jetzt verputzte weiße Wände und helles Licht. Human- und tieranatomische Objekte sind voneinander getrennt aufgestellt. Objektbeschriftungen gibt es nicht, um deutlich zu machen, es handelt sich nicht um ein Museum, sondern eine wertvolle Studiensammlung, mit der noch gearbeitet wird.

Bilder Blick in die Anatomische Sammlung

Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Mit Gründung der Dresdner Kunstakademie 1764 begann der Aufbau der Sammlung. Auf über 700 Objekte der Human- und Tieranatomie wuchs sie an. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis
Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Mit Gründung der Dresdner Kunstakademie 1764 begann der Aufbau der Sammlung. Auf über 700 Objekte der Human- und Tieranatomie wuchs sie an. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis
Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Im Projekt "Körper und Malerei" wurde die Sammlung seit 2017 erforscht und nun neu aufgestellt, Tier- und Human-Exponate sind nun getrennt voneinander aufgestellt. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis
Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Bis heute ist der Anatomie-Unterricht Wahlpflichtfach an der Dresdner Kunsthochschule. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis
Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Objektbeschriftungen gibt es nicht, um deutlich zu machen, es handelt sich nicht um ein Museum, sondern eine wertvolle Studiensammlung, mit der noch gearbeitet wird. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis
Blick in die Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden
Nach Anmeldung und zu bestimmten, vorher publizierten Terminen kann die Sammlung besucht werden. Bildrechte: Anatomische Sammlung der Hochschule für Bildende Künste Dresden / Robert Vanis
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Anatomie-Unterricht alter Schule, Kestings Totentanz

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verschwanden viele Anatomie-Sammlungen aus den deutschen Kunsthochschulen, in Dresden hielt man an der Tradition fest. Auch heute noch gibt es Anatomie-Unterricht als Wahlpflichtfach, wie Rektor Matthias Flügge erklärt. Und der sei immer gut besucht: "Es hat einen Paradigmenwechsel gegeben, dass man sich wieder mehr auf die handwerklichen und Materialfragen im künstlerischen Schaffen konzentriert. Insofern ist es ein Lehrkonzept, dass wir bewusst, jedenfalls noch pflegen.

Zum Bestand, der auch durch die Auflösung der chirurgisch-medizinischen Akademie im 19. Jahrhundert vermehrt wurde, gehört auch die Gruppe der 15 Bänder-Skelette. Sieben dieser Gebeine nehmen antike Posen ein. Den "Dornauszieher" restaurierte Projektmitarbeiter Jakob Fuchs, der erklärte, das Besondere an den Bänder-Skeletten sei, dass sie ohne Hilfsmittel, also Metallverbindungen aufgestellt worden seien: "Man sieht also die natürlichen Bänder und Kapseln, die die Gelenke zusammenhalten. Man erkennt die hohe Qualität der Präparationstechnik."

Nicht die anatomische, sondern die metaphorische Qualität nutzte Edmund Kesting für seine nach dem Krieg entstandene Serie "Dresdner Totentanz", in der er die Skelette vor den Ruinen der Dresdner Innenstadt ablichtete.

Dunkle Vergangenheit, Bestattung der Lose-Beinsammlung

Mit der Sammlung sind nicht nur schwierige Fragen der Restaurierung und Konservierung, der Ausstellung und Nutzung verbunden, sondern durch die Zurschaustellung menschlicher Überreste auch ethische Probleme. Heute weiß man, dass vor allem bis in die 30er-Jahre über das Wohlfahrtspolizeiamt Leichen zugewiesen wurden, für die sich niemand verwandtschaftlich verantwortlich fühlte. In der NS-Zeit habe der Künstler Fritz Otto Sauerstein den Unterricht gemäß den Zielen der nationalsozialistischen Ideologie ausgerichtet und einen Lehrgang für "Rassenkunde" und "Rassenpflege" eingeführt. Er habe Leichname von der Hinrichtungsstätte am Münchner Platz angefordert, wo die Nazis politische Gegner umbrachten.

Genaue Zuordnungen seien heute nicht mehr möglich, erklärt Mühlen-Behrendt und stellt fest: "Damit war klar, dass wir die Gebeinsammlung und die Überreste, von denen wir nicht genau Bescheid wissen, aus der Sammlung, aus dem Schau- Lehrraum herausnehmen. Für die Lose-Beinsammlung wird im nächsten Jahr eine Bestattung stattfinden."

Das Projekt "Körper und Malerei" zur Inventarisierung und Neuaufstellung der Anatomischen Sammlung wurde vom Bundesforschungsministerium gefördert. Die Anatomische Sammlung kann nach Anmeldung und zu festen, vorher bekannt gegebenen Terminen besucht werden.

Zur Aufbau der Sammlung Die Sammlung besteht aus mehr als 700 Modellen, Präparaten und Lehrtafeln zur Human- und Tieranatomie. Gegliedert ist sie zu Themen wie Skelett-, Muskelaufbau und Oberflächenanatomie. Es gibt auch Organmodelle aus Wachs oder Kleinplastiken von Tieren.

Neben den Sammlungen in Paris und St. Petersburg sind die Dresdner Exponate letzte Zeugnisse einer anatomischen Lehre, wie sie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis hinein ins 20. Jahrhundert an europäischen Kunstakademien vermittelt wurde.

Mediziner und Künstler entwickelten die anatomischen Objekte als Anschauungsmaterial und Zeichenvorlagen dienten.

Die Anfänge in Dresden sind mit einem berühmten Namen verbunden: Giovanni Battista Casanova, der jüngere Bruder des Abenteurers und Schriftstellers hielt an der Dresdner Akademie Anatomievorlesungen. Später wurde er Direktor. Casanova regte an, die Studierenden an Leichensektionen teilnehmen zu lassen. Außerdem wurde damals ein Skelett angekauft, das als Beginn der Sammlung gilt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. November 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2019, 11:00 Uhr

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