Jugendliche betrachten eine im rechten Bereich agierende Webseite
Die Identitäre Bewegung ist besonders im Internet präsent - hier ein Screenshot. Bildrechte: dpa

Sachbuch-Besprechung Identitäre Bewegung: Neues Sachbuch gibt Einblicke in neurechte Szene

Der Publizist Andreas Speit hat schon diverse Bücher über Rechtsextremismus geschrieben. Nun hat er mit "Das Netzwerk der Identitären" den bisher detailreichsten Band über die rechtsextreme Identitäre Bewegung herausgegeben.

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR

Jugendliche betrachten eine im rechten Bereich agierende Webseite
Die Identitäre Bewegung ist besonders im Internet präsent - hier ein Screenshot. Bildrechte: dpa

Die Aktivisten der Identitären Bewegung erfüllen mit Jutebeuteln, Hipster-Bärten und Polohemden rein optisch nicht das hergebrachte Bild vom klassischen Neonazi. Statt "Ausländer raus!" fordern sie auf Demonstrationen "Macht die Grenzen dicht" oder "Multikulti Endstation".

"Die Identitäre Bewegung ist eine Gruppe, die versucht, im vorpolitischen Raum durch gezielte Aktionen insbesondere gegen Geflüchtete […] Stimmung zu machen", sagt der Herausgeber des Sachbuchs "Das Netzwerk der Identitären", Andreas Speit: "Das heißt, sie versuchen mehr und mehr unsere Denk- und Verhaltensmuster zu verändern, aus der Logik heraus, dass, wenn wir hier immer weiter nach rechts rücken, irgendwann auch die Gesellschaft mehr nach rechts gerückt werden kann."

Rechtsextreme mit Sinn für modische Kleidung

Um eine Kulturrevolution von rechts, um den Kampf um kulturelle Hegemonie geht es der Identitären Bewegung sowie dem gesamten extrem rechten Milieu. In nahezu allen Facetten beleuchtet Andreas Speit die rechtsextreme Gruppierung, die auf Popkultur und modischen Schick setzt. Sein Buch ist das bisher umfang- und detailreichste über die bundesweit verstreuten Aktivisten, die sich von klassischen Neonazis distanzieren.

Speit sowie elf Autoren analysieren die rassistische und völkisch-nationalistische Ideologie der Identitären, deren Entwicklung und Vorbilder in Frankreich und Österreich, deren Propaganda-Methoden und Marketing-Strategien sowie die geistigen Grundlagen der Rechtsextremisten.

Die Aktivisten berufen sich auf autoritär-konservative Denker der 20er- und 30er-Jahre, auf Ernst Jünger oder Carl Schmitt. Antiliberal, antidemokratisch, antiemanzipatorisch.

"Der Ekel der konservativen Revolutionäre vor einer egalitären Gesellschaft, ihr Hass auf liberale Werte und ihre Hetze gegen humanistische Hoffnungen sind der Hintergrundsound der Identitären, sie prägen ihren Habitus als Avantgarde, ihre Positionen gegen die Moderne und ihre Rhetorik für das Eigene und gegen alles Fremde." Aus: "Das Netzwerk der Identitären" von Andreas Speit

Verbindungen von AfD-Abgeordneten und Identitären

ein Haus wurde mit Farbbeuteln beworfen
In diesem Haus in Halle betreibt die Identitäre Bewegung eines ihrer Zentren. Bildrechte: IMAGO

Brisant wird Speits Sachbuch, wenn es um die Verquickungen der Identitären Bewegung mit der AfD sowie mit deren Jugendorganisation geht. Offiziell distanziert sich die Partei zwar von den Rechtsextremisten. Die Realität allerdings sieht anders aus. Nicht nur in Bremen oder Leverkusen, Berlin, Rostock oder Halle (Saale) arbeiten AfD-Funktionäre eng zusammen mit identitären Aktivisten.

"Identitäre helfen beim Wahlkampf, schützen Veranstaltungen, besorgen Infrastruktur für die Partei: Seit Jahren berichten Medien über Verbindungen der Rechtsextremen zur AfD aus allen Ecken der Republik. Andersrum profitiert auch die Identitäre Bewegung von der AfD. Wie Recherchen im April 2018 zeigten, sind über die Hälfte aller 92 Bundestagsabgeordneten der AfD in ihren Bundestagsbüros mit der extremen und neuen Rechten verknüpft, am häufigsten aber mit der Identitären Bewegung. Sie arbeiten in den Büros im Bundestag, gelangen an geheime Informationen, bereiten Ausschusssitzungen vor – prägen die politische Arbeit mit. Und: Sie haben Zugang zu Ressourcen." Aus: "Das Netzwerk der Identitären" von Andreas Speit

Auch im extrem rechten Milieu abseits der AfD findet die Identitäre Bewegung reichlich Unterstützer und Förderer. Götz Kubitschek etwa, neurechter Verleger aus Sachsen-Anhalt, unterstützt die Rechtsextremen mit Hilfe des von ihm mitinitiierten fremdenfeindlichen Vereins "Ein Prozent für unser Land".

In einem Interview, aus dem Herausgeber Speit zitiert, bezieht sich Kubitschek auf eine der Sponti- Aktionen der Rechtsextremisten in Berlin. Im Sommer 2016 besetzen einige von ihnen kurzzeitig das Brandenburger Tor.

"'Wäre ich zwanzig, fänden Sie mich auf dem Brandenburger Tor!' Doch nun sei es seine Aufgabe, 'für die Aktivisten ein finanzielles, juristisches, publizistisches Auffangnetz zu knüpfen'. Im Interview sagt Kubitschek, dass er auch versuche, 'die Theorie für ihr Handeln zu liefern'." Aus: "Das Netzwerk der Identitären" von Andreas Speit

Geschickte Inszenierungen in Sozialen Medien

Buchvcover Andreas Speit: Das Netzwerk der Identitären
"Das Netzwerk der Identitären" ist das bislang umfassendste Buch zum Thema. Bildrechte: Ch. Links Verlag

Speit nennt diese Theorie für das Handeln der Identitären eine "Kriegserklärung an die offene, gesprächsorientierte Gesellschaft" mit dem Ziel der "Zerstörung der demokratischen Kultur und dem Ende der libertären Gesellschaft".

In dieser Auseinandersetzung spielt der äußere Schein eine enorm wichtige Rolle für die rechtsextremen Aktivisten. Sie setzen auf bunte T-Shirts statt auf klobige Springerstiefel und auf Rap- statt auf Marschmusik.

Ihre Aktionen wie in Berlin inszenieren sie professionell und verbreiten die Videos davon geschickt im Internet. 10.000 folgen ihnen bei Facebook und Twitter. Extrem rechte Pop- statt Skinhead-Kultur.

"Der neue Schein der Identitären durch popkulturelle Adaptionen, subversive Aktionen und modisches Aussehen sollte das rückwärtsgewandte Sein nicht überblenden. Die Identitären haben sich für den antimodernistischen Kampf mit dem Hass und der Verachtung ihrer Urgroßväter gegen die libertäre Welt des Dialogs und Konsens munitioniert und bekennen sich dazu anzugreifen. […] Dass ihre geistigen Ahnen einst mit 'Feuer in den Herzen' schrieben, hebt die Neue Rechte gern hervor, dass sie damals Brände mit Millionen Toten auslösten, wird geflissentlich übergangen und abgestritten." Aus: "Das Netzwerk der Identitären" von Andreas Speit

Eine Bewegung mit höchstens 500 Mitgliedern

Der Verfassungsschutz schätzt, dass es nur etwa 500 Aktivisten der Identitären Bewegung in Deutschland gibt. Andreas Speit sagt das auch. Andere Investigativ-Journalisten wie etwa von der ZEIT oder von ZEIT-online gehen von noch weniger identitärem Personal aus und bezeichnen die Gruppierung als Scheinriesen. Ein Verdienst von Andreas Speits Buch ist es, zu zeigen, dass auch ein kleiner Haufen gefährlich sein kann.

Angaben zum Buch Andreas Speit: "Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten"
Ch. Links Verlag
264 Seiten
18 Euro (E-Book: 12,99 Euro)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Januar 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 13:52 Uhr

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