Gewandhauskapellmeister Nr. 21 Der Dirigent als Teamplayer: Andris Nelsons im Porträt

Unter seinen Vorgängern im Amt des Gewandhauskapellmeisters sind viele große Namen, heute gilt Andris Nelsons selbst als einer der besten Dirigenten weltweit. Dabei begann der schüchterne Junge aus Riga einst mit der Trompete, ehe er zum Taktstock griff. Heute leitet er neben dem Gewandhausorchester auch die Bostoner Symphoniker und brachte beide Spitzenensembles auch schon zusammen auf eine Bühne. Er steht naturgemäß immer vorne und sieht sich dennoch nicht im Mittelpunkt. Ein Porträt.

Andris Nelsons
Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons Bildrechte: Accentus Music/Geoffrey Sheil

Würde Andris Nelsons beim Dirigieren ein Fußballtrikot tragen, dann eins mit der Nummer 21. Unter seinen Vorgängern im Amt des Gewandhauskapellmeisters sind viele große Namen, von Felix Mendelssohn Bartholdy über Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler bis zu Kurt Masur oder Herbert Blomstedt. Doch mit gerade Anfang 40 zählt Andris Nelsons selbst schon zu den besten Dirigenten seiner Zeit. Seit 2018 leitet er in Leipzig das älteste bürgerliche Sinfonieorchester der Welt, gleichzeitig ist er Musikdirektor des Boston Symphony Orchestras.

Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Nelsons vor einer Probe mit Baiba Skride Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Regelmäßig arbeitet er mit herausragenden Solisten, etwa mit der Violinistin Baiba Skride, die ebenfalls aus Lettland stammt und erklärt, warum Nelsons und das Gewandhausorchester gut zusammenpassen: Sie kenne Nelsons lange, liebe seine herzliche und warmherzige Art, seine Persönlichkeit harmoniere gut mit einem Orchester, das sich auszeichne durch "diesem warmen Klang". Nelsons sei ein Maestro ohne Allüren, trotz aller Erfolge: bodenständig und bescheiden, wie übrigens viele lettische Musiker, findet Skride. Dabei staunten wohl einige seiner Weggefährten, dass aus dem schüchternen Jungen ausgerechnet ein Dirigent geworden ist.

Wenn ich dirigiere, vergesse ich mich selbst und dann ist da nur noch die Musik – und natürlich die Musiker.

Tränen beim "Tannhäuser", Trompete statt Fußball

Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Der Maestro über die Musik Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geboren wird Andris Nelsons am 18. Novemver 1978 im lettischen Riga, seine Eltern lieben die Musik. Als Fünfjähriger beginnt er mit dem Klavierspiel. Mit elf Jahren lernt er Trompete. Seine Begeisterung für die Musik führt er auf ein prägendes Erlebnis zurück: Mit seinen Eltern besucht er die Aufführung von Wagners "Tannhäuser" im Rigaer Opernhaus. Den Moment, als der Dirigent die Bühne betrat und die Ouvertüre begann, beschreibt er als einen "fast schockierenden Moment": "Ich war emotional völlig aufgewühlt und zitterte, als es losging. Am Ende habe ich geweint, weil es so traurig ist, dass Tannhäuser und Elisabeth sterben."

Das Tolle an der Musik ist, dass sie über den Verstand hinaus geht, in Bereiche, die wir nicht mit Worten erklären können.

Aus dem Land der "Singenden Revolution"

Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Die Oper in Riga Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nelsons wächst auf im Lettland zu Zeiten der Sowjetunion, als der Eiserne Vorhang fällt, ist er 12. Rückblickend sagt er, hätte es in der Schule nicht diese strenge, frühmusikalische Erziehung gegeben, wäre er vielleicht lieber Fußballspielen gegangen. Dass Musik nichts nur Privates ist, sondern etwas bewegen kann, erlebt er während der "Singenden Revolution" in seiner Heimat: "Es ist fast so, als würde uns der Gesang vereinen, als würde sich die ganze Nation mit den Liedern identifizieren." Auf den Umbruch folgen die harten 1990er-Jahre. Dennoch verfolgt Nelsons sein Ziel, Musik zu studieren.

Ich wollte unbedingt ein guter Trompeter werden und übte sechs Stunden am Tag. Das ist nicht gerade gesund – manchmal blieb ich sogar in der Schule und übte die ganze Nacht.

Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Zur Amtseinführung mit OB Jung (r.) und Gewandhausdirektor Schulz (l.) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sein Ehrgeiz wird belohnt. Mit 18 Jahren spielt Andris Nelsons an der Lettischen Nationaloper vor, bekommt ein festes Engagement als Trompeter im Orchester – und steht bald vor einer großen Bewährungsprobe: Er muss plötzlich ein Gastspiel der Osloer Philharmoniker unter Leitung seines berühmten Landsmannes Mariss Jansons in Riga retten, dass er eigentlich nur als Zuhörer erleben wolte. Tatsächlich springt er ohne Probe für den erkrankten Trompeter ein und besteht.

Inzwischen studiert Nelsons außerdem Dirigieren am Konservatorium in St. Petersburg. Jansons erkennt sein Talent und erteilt ihm ab 2002 Privatunterricht. Schon 2003 wird Nelsons mit erst 24 Jahren zum Chefdirigenten der Lettischen Nationaloper ernannt – als Jüngster in der Geschichte. Eine nicht unumstrittene Entscheidung, zeigt sich der junge Mann am Pult zwar sehr leidenschfatlich, ansonsten aber reserviert, fast zurückgezogen. Der künstlerische Erfolg lässt die Kritiker verstummen. Andris Nelsons taucht ein in die Welt der Oper, die ihm viel bedeutet.

Seine Karriere geht in atemberaubendem Tempo voran: von der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford über das City of Birmingham Orchestra zum Boston Symphony, daneben gibt er regelmäßig Gastdirigate mit namhaften Solisten und Klangköpern weltweit. Im Februar 2018 wird Andris Nelsons im Alten Rathaus in Leipzig zum Gewandhauskapellmeister ernannt.

Ich habe meine Karriere nie wirklich geplant. Ich habe studiert und mich vorbereitet und das getan, was ich tun musste. Ich habe Angebote als Gastdirigent erhalten und eine Beziehung zu den Orchestern aufgebaut. Dafür gibt es aber kein Rezept.

Im Dienst der Musik: Maestro ohne Allüren

Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Blick ins Arbeitszimmer im Leipziger Gewandhaus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Orchester spielt nicht nur Sinfoniekonzerte, sondern auch regelmäßig in der Leipziger Oper und in der Thomaskirche. Das damit verbundene vielfältige Repertoire kommt dem neuen Chefdirigenten entgegen.

Konzertmeister Frank-Michael Erben lobt seine Unbefangenheit: "Ich sehe keinen Schatten. Dass er diese Aufgabe so natürlich annimmt, das überträgt sich auf uns Musiker." Mit dem Gewandhausorchester geht Nelsons die wichtigen Zyklen der Sinfonik an: Beethoven, Bruckner, Tschaikowsky und Schostakowitsch.

Für seine Verdienste um den russischen Komponisten bekommt er 2019 den Schostakowitsch-Preis im sächsischen Gohrisch. Ein magischer Ort, sagt Nelsons, weiß er doch, dass der Komponist dort zu DDR-Zeiten eines seiner Schlüsselwerke, das 8. Streichquartett, geschrieben hat.

Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Beim Open-Air im Leipziger Rosental Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er sieht sich als Diener der Komponisten. Ein Anliegen ist es ihm, dass er mit seiner Musik möglichst viele Menschen erreicht. Bei den Konzerten im Gewandhaus, aber auch open air, im Juni im Leipziger Rosental. Inzwischen pendelt er nicht nur zwischen zwei Orchestern, sondern sorgt für Austausch zwischen Gewandhaus und Boston Symphony Orchestra. Was seine Musiker dort an ihm schätzen, erklärt eine Streicherin so: "Dass er uns beim Konzert loslässt. Er vertraut unserem Stilgefühl, und unserem Gestaltungswillen. Man muss auch bereit sein, Fehler zuzugeben. Damit hat Andris kein Problem!"

Er kann mit Stereotypen brechen. Er kommt in den Saal und entwaffnet die Leute unvermittelt mit einem Lächeln, ganz einfach mit seiner Art.

Arturs Maskats Lettischer Komponist, Freund und Förderer
Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Porträt
Proben mit Humor Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit der Leitung des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker 2020, das in über 90 Länder live übertragen wird, ist Andris Nelsons endgültig im Dirigenten-Olymp angekommen.

Zur Selbstdarstellung verleitet ihn das nicht. Ein Jahr lang, sagt er, hat er sich auf diesen besonderrn Auftritt vorbereitet, am Ende möchte er vor allem eines: die Musik mit seinem Publikum genießen.

Alles, was er sagen möchte, sagt er in der Musik. Wenn jemand nach dem Konzert fragt: 'Wie war's?', antwortet er immer: 'Wir sind bis zum Ende gekommen.'

Gunda Vaivode Musikwissenschaftlerin

Das Gewandhaus in Zeiten von Corona & Botschaft von Andris Nelsons Trotz Corona-Krise stellte das Leipzuger Gewandhaus gerade das Programm seiner neuen Spielzeit vor. Im Mittelpunkt stehen Beethoven, Strawinsky und vor allem das lange geplante Internationale Mahler-Festival im Mai 2021.

Doch zunächst musiziert das Orchester im Internet. Von dieser Woche an soll je donnerstags und freitags eine Konzertaufzeichnung online gehen.

Wegen der Coronavirus-Pandemie musste das Leipziger Gewandhaus bereits 80 Veranstaltungen bis zum 20. April absagen. Die Schäden seien noch nicht absehbar, erklärte Gewandhausdirektor Schulz. Er habe den "sehnsüchtigen Wunsch", dass das Open-Air-Festival "Klassik Airleben" im Leipziger Rosental Ende Juni stattfinden könne.

Kultur-Empfehlungen für die Corona-Krise

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 26. März 2020 | 23:05 Uhr

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