Barbara Kostolnik
In Frankreich befürchten einige Frauen um Catherine Deneuve durch die #Metoo-Debatte das Ende des Flirtens - Barbara Kostolnik widerspricht. Bildrechte: Tagesschau.de

Interview Warum Catherine Deneuve bei #MeToo falsch liegt

Einige Frauen in Frankreich haben genug von der #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung. 100 Frauen, darunter die Schauspielerin Catherine Deneuve, fordern in einem offenen Brief in der Zeitung "Le Monde" die "Freiheit, jemandem lästig zu werden" und warnen vor einer "Denunziations-Kampagne" gegen Männer. ARD-Frankreich-Korrespondentin Barbara Kostolnik kritisiert das: Es gehe bei der #MeToo-Debatte nicht ums Flirten, sondern um Machtmissbrauch.

Barbara Kostolnik
In Frankreich befürchten einige Frauen um Catherine Deneuve durch die #Metoo-Debatte das Ende des Flirtens - Barbara Kostolnik widerspricht. Bildrechte: Tagesschau.de

MDR KULTUR: Catherine Deneuve und ihre 99 Mitunterzeichnerinnen des offenen Briefes sind besorgt, dass #MeToo zu einem Klima der Denunziation führen könnte in Frankreich. Verstehen Sie diese Sorge?

Barbara Kostolnik: Ich verstehe die Sorge. Catherine Deneuve sagt, es gebe jetzt Männer, die mittlerweile Angst haben, eine Frau zu kontaktieren, die ihnen gefällt. Gerade in Frankreich ist die Galanterie – also das Ritterliche, Männer hofieren Frauen – sehr weit verbreitet. Die Unterzeichnerinnen dieses Briefes haben Angst, dass es mit dieser Galanterie im Zuge der #MeToo-Kampagne vorbei ist. Aber das sind zwei unterschiedliche Dinge: Bei der #MeToo-Debatte geht es um sexuellen Missbrauch, um Aggressionen. Es geht eben nicht um einen einfachen Flirt. Das wird in der Debatte vermischt.

Was die 100 Frauen komplett ignorieren, ist, dass es bei Kampagnen wie #metoo eben nicht um Sexualität, also um Anmache, Flirt oder Galanterie geht, sondern schlicht um Macht und den Missbrauch dieser Macht.

Aus Barbara Kostolniks Kommentar zur Diskussion auf tagesschau.de

Demonstranten halten Plakate
Den französischen Feministinnen missfielen die Äußerungen der Schauspielerin Catherine Deneuve schon mehrfach, wie hier bei einer Demonstration im Oktober letzten Jahres. Bildrechte: IMAGO

Sie würden also sauberer trennen zwischen Flirt und einem Machtmissbrauch. Aber differenziert #MeToo denn? Bei den Protestaktionen der Bewegung in Frankreich, da protestieren Frauen gegen Vergewaltigung und gleich daneben gegen Sexismus im Internet. Da stehen ganz verschiedene Dinge nebeneinander.

Man muss diese Ängste und das Unwohlsein der Frauen ernst nehmen. Beides gab es ja schon länger, nur hat niemand darüber gesprochen, aus Angst nicht ernst genommen zu werden. Man hofft, dass mit diesem Schweigen jetzt endlich aufgeräumt wird. Natürlich sind nicht alle Männer so. Aber dass ein Bewusstsein entsteht, was geht und was nicht geht, das wäre ein gutes Ergebnis der #MeToo-Debatte.

Die französische Variante von #MeToo heißt "balancetonporc", zu Deutsch "verpfeif dein Schwein". Würden Sie sagen, diese Art, die Debatte zu beginnen, war für Frankreich die Richtige?

Es ist natürlich eine sehr viel aggressivere Debatte. "Balancetonporc", das ist sehr deutlich und sehr offensiv. Die französischen Feministinnen sind sehr offensiv. Wenn sie sich wehren, dann wehren sie sich richtig. Das hat die Tonart der Diskussion bestimmt. Die Feministin Caroline De Haas schreibt: Selbstverständlich darf man noch etwas sagen, aber dass man nicht mehr alles sagen darf – zum Beispiel, dass man in Gesprächen homophobe, sexistische, rassistische Bemerkungen macht und dass das einfach so durchläuft – es ist wichtig, dass das nicht mehr passiert. Dass man aufpasst, in dem, was man sagt und wie man es sagt.

Svenja Flaßpöhler vom Philosophie Magazin sagte uns vor wenigen Tagen: Das Problem an der #MeToo-Debatte sei, dass eine bestimmte Geschlechterkonstellation weiter fortgesetzt wird. Der Mann geht nach vorn. Seine Sexualität ist die treibende Kraft. Die Frau wird reduziert aufs Reagieren. Kann es sein, dass in Frankreich beide Bewegungen – die Anhängerinnen von "balancetonporc" und die selbsternannten Verteidigerinnen der Anmache – dieses Rollenbild selbst auch noch in sich haben und darüber nicht hinaus sind? Vertreten nicht beide Frauengruppen noch immer das passive Frauenbild?

Das glaube ich auch. In dem offenen Brief schreibt man auch, Sexualität ist etwas Aggressives, etwas Gefährliches. Und sie wollen diese Sexualität. Diese männliche Sexualität wird als aktiver gesehen, die weibliche Sexualität als passiv. Das ist das uralte Rollenverhältnis, was hier weiter verfolgt wird, das man auch im Patriarchat wiederfindet: Der Mann geht voran und die Frau geht hinterher.

Ich denke, die "balancetonporc"-Frauen und die Frauen des Briefes sollten sich zusammentun. Das wird nicht klappen, weil sie sich unversöhnlich gegenüber stehen. Aber es geht um einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Dass Männer einfach aufpassen, was sie sagen und wie sie es sagen.

Das Interview führte Ellen Schweda.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Januar 2018 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2018, 17:29 Uhr

Mehr zum Thema