Anja Kampmann spricht über ihr Werk.
Anja Kampmann hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Bildrechte: IMAGO

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse Ein Buch, das nach Meerwasser und Männerschweiß riecht

von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Anja Kampmann spricht über ihr Werk.
Anja Kampmann hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Bildrechte: IMAGO

Der Debütroman der Leipziger Lyrikerin Anja Kampmann hat einen beeindruckenden Handlungsort: Er spielt zum Teil auf einer Bohrplattform im Atlantik. Die Autorin erzählt uns eine Geschichte über die moderne Arbeitswelt, denn das Leben der Arbeiter auf einer Bohrinsel ist auch nicht viel anders als das der Arbeitsnomaden, die von Stadt zu Stadt ziehen. Die Bohrarbeiter müssen sich alle paar Monate ein neues Feld suchen und ziehen von Bohrplattform zu Bohrplattform.

In diesem Rhythmus sorgt der Unfall eines Arbeiters für eine Unterbrechung: Ein Arbeiter stirbt in einer stürmischen Nacht - zurück bleibt sein Freund und Kabinennachbar Waclaw. Er wuchs im Ruhrgebiet auf, sein Vater war Bergarbeiter – Waclaw tritt in dessen Fußstapfen und wählt einen ähnlichen Beruf, wenn auch unter anderen, teils schwierigeren Bedingungen. Kurzentschlossen packt Waclaw die Sachen seines Freundes zusammen und beschließt, sie zu dessen Familie zu bringen. Es folgt eine Reise durch halb Europa – und dabei hinterfragt er auch sein Leben, wie er es bis hierher gelebt hat.

Beim Lesen spürt man die Enge der Gänge und Kabinen der Bohrplattform, man meint Meerwasser und Männerschweiß zu riechen.

Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Durch genaue Beschreibung die Wirklichkeit hinterfragen

Buch - Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen
"Wie hoch die Wasser steigen" ist der erste Roman der Lyrikerin Anja Kampmann Bildrechte: Hanser Verlag

Anja Kampmann erzählt ihre Geschichte so, dass die Lyrikerin deutlich spürbar ist. Der Roman überzeugt durch sprachlich genau gearbeitete Bilder, die er vom Alltag gibt. Beim Lesen spürt man die Enge der Gänge und Kabinen der Bohrplattform, man meint Meerwasser und Männerschweiß zu riechen, eine ganz eigene Welt, die nur wenige verlassen können.

Zu der Welt an Land, die oft nur in abgegriffenen Bildern in den Spinden der Arbeiter festgehalten ist, schaffen es nur wenige zurück. Waclaw macht nun selbst die Erfahrung, wie schwierig die Rückkehr in die Welt ist, die ihm durch die Arbeit fremd geworden ist – auch hier viele Bilder, die uns zum Beispiel die weiten Landschaften Ungarns oder die Bergarbeiterwelt des Ruhrgebiets vor Augen führen. Hier wird die Wirklichkeit hinterfragt, indem sie genau beschrieben wird – die Tiefenbohrung als poetisches Verfahren hat Anja Kampmann schon in ihrem ersten Lyrik-Band gezeigt, "Proben von Stein und Licht" erschien vor ein paar Jahren und nutzte ein ähnliches Prinzip.

Entschleunigtes Erzählen über die beschleunigte Welt

Anja Kampmann lässt sich mit anderen Lyrikern vergleichen, die einen Roman vorgelegt haben, etwa mit Lutz Seiler. Die poetische Annäherung an die Welt erinnert an Seilers "Kruso" und seine starken Bilder von der Steilküste Hiddensees, der Gaststätte über dem Meer, den Bergen von Abwasch. Bei Kampmann ist es eher die Welt der Bohrarbeiter und Bergleute, die immer wieder im Roman vorkommt und die poetisch aufgeladen ist: Bergleute sprechen zum Beispiel von "schlagenden Wettern" und stellten sich Ungeheuer vor, wegen denen Bergleute unter Tage tot umfielen.

Die Bewegung ist die umgekehrte als in Lutz Seilers Roman - hier geht es nicht um Flucht, sondern um eine schwierige Heimkehr. Je näher Waclaw seiner Heimat kommt, umso mehr Bilder und Szenen blitzen aus seiner Erinnerung auf: an seine Familie, an eine Freundin, die es nicht mehr gibt. Auch das meint die poetische Tiefenbohrung, Schicht für Schicht kommt der Roman zum Kern von Waclaws Heimatlosigkeit.

Anja Kampmann hat ein starkes Thema, das sie stark umsetzen kann. Der Roman beschreibt unsere beschleunigte Welt und ist doch ein Gegenentwurf dazu: durch genaues Beobachten entsteht ein behutsames und vollkommen entschleunigtes Erzählen – ein starker Roman!

Angaben zum Buch Anja Kampmann: "Wie hoch die Wasser steigen"
erschienen bei Hanser
352 Seiten
ISBN : 978-3-446-25815-0
23,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2018, 07:40 Uhr