Eine junge Frau sitzt am geöffneten Fenster und liest in einem Buch.
Der Heldin des Buches "Schäfchen im Trockenen" wird die Altbauwohnung gekündigt – daraus entspinnt sich ein Nachdenken über ihre gesamte Existenz. Bildrechte: IMAGO

Buch "Schäfchen im Trockenen" – Anke Stellings Roman über die Existenzangst der Mittelschicht

Resi, Mitte vierzig, Mutter von vier Kindern, wird die Wohnung gekündigt. Was nun? Mit dem Roman "Schäfchen im Trockenen" greift Anke Stelling aktuelle Ängste, wie Gentrifizierung und sozialer Abstieg, auf. Er ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019.

von Hans-Michael Marten, MDR KULTUR

Eine junge Frau sitzt am geöffneten Fenster und liest in einem Buch.
Der Heldin des Buches "Schäfchen im Trockenen" wird die Altbauwohnung gekündigt – daraus entspinnt sich ein Nachdenken über ihre gesamte Existenz. Bildrechte: IMAGO

Resi wird ihre bezahlbare Altbauwohnung gekündigt. Die Gentrifizierung steht in voller Blüte. Die Schriftstellerin Resi, mit ihrem Mann, der was mit Kunst macht, folgerichtig brotlos, steigert sich wütend in die Vorstellung, an den Rand der Stadt, in die Platte, ins Abseits zu geraten. Das ist dabei so witzig und überaus geschickt erzählt, dass man die gesellschaftlichen Unwuchten spürt. Wie lebt man mit der Angst, seine Privilegien zu verlieren, als sogenannte Mittelschicht? Wie stellt man sich dagegen, wie weit fügt man sich?

Fortan stellt sie alles in Frage: Habe ich den Richtigen geheiratet, waren wirklich vier Kinder nötig, ist meine beste Freundin nicht eigentlich eine Egoistin, sind Freunde wirklich Freunde, warum hat mich meine Mutter nicht davor gewarnt? Kurzum: Es geht um die Existenzangst der Mittelschicht.

Autorin schreibt nah am eigenen Leben

Anke Stelling, Jahrgang 1971, ist in Stuttgart aufgewachsen und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Berlin. Den Roman hat sie an ihrer Gegenwart entlang geschrieben, wie sie sagt. Ihrer Heldin Resi fehlt das Geld, um bei einem Bauprojekt mit Freunden dabei zu sein – und damit dem Traum vom gemeinsam Leben und Wohnen. Zu allem Überfluss schreibt sie über die Freunde und Bauherren einen Text, der das Projekt hinterfragt. Ihr öffentliches Nachdenken wird als Verrat gewertet. So zerbrechen langjährige Freundschaften und Resi empfindet sich zu Unrecht ausgegrenzt.

Anke Stelling
Anke Stelling hat in den 90er-Jahren am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, heute lebt sie in Berlin. Bildrechte: dpa

"Resi heißt ja nicht umsonst Resi", sagt Anke Stelling. "Es kommt nicht von Theresa, sondern von 'Parrhesia' – und das ist das Wahrsprechen, den Tatsachen ins Auge sehen, auch wenn es unangenehm ist, wenn es weh tut." Stelling findet: "Es ist eine Freiheit, erzählen zu dürfen, sich selbst wahrnehmen zu dürfen, die Umgebung wahrnehmen zu dürfen, das System erkennen zu können, sein eigenen Platz darin zu sehen, erstmal, um ihn dann vielleicht zu verändern."

Wir sind am Ziel unserer Träume, haben unsere Fronten und Fassaden, Katzen und Kinder; wir sind Meisterinnen des schönen Scheins, der Beschwörung des heilen und heilenden Familienlebens, darin wurden wir von unseren Müttern geschult. Glauben wirklich, es sei gut so. Weshalb wir uns selbst und einander nicht mehr daran erinnern dürfen, wer und wie wir einmal waren.

aus "Schäfchen im Trockenen" von Anke Stelling

Warum wurde Resi nicht gewarnt?

Buchcover: Anke Stelling - Schäfchen im Trockenen
Anke Stelling "Schäfchen im Trockenen" Bildrechte: dpa

Resi wurde von ihrer Mutter nicht davor gewarnt, wie es ist, vier Kinder zu erziehen. Das ist ihr Vorwurf. Sie wurde nicht davor gewarnt, eine Ehe zu führen. Als Kind hat Resi gesehen, wie ihre emanzipierte Mutter, mit Tränen in den Augen, die Küche wischte und nicht darüber sprach. Resi will reden, alles ihrer Tochter Bea erzählen. Vielleicht, um es selbst zu begreifen. Und so wird der Text zu einem Brief an Bea. Der Name "Bea" bedeutet "Die Glückliche".

Es gehe darum, Resi zuzugucken, wie sie ihre Gedanken entwickelt, so die Schriftstellerin, "wie sie sich auch selbst ins Wort fällt oder sich selbst erschrickt vor zu viel Wahrheit der Tochter gegenüber. Denn das hat ja wirklich was Brutales, Kinder gnadenlos aufzuklären. Das macht ja auch Angst." Erinnerungen drängen den Text voran, mal im Konjunktiv, mal vollendet, wissend.

'Hungriges Herz' klingt in meinen Ohren einfach besser als 'Borderline', denkt Resi.

aus "Schäfchen im Trockenen" von Anke Stelling

Resis Tochter Bea wurde in Leipzig geboren. Und hier studierte Anke Stelling in den 90er-Jahren am Literaturinstitut, als es noch billige Wohnungen gab und man auf Lesebühnen noch rauchen durfte. Ihre Heldin lässt sie Warnungen schreiben, Listen für Bea: "Sei vorsichtig, dass du dich nicht abhängig machst. Weder von Autobahnen noch von Zucker oder Zigaretten, erst recht nicht vom Verstandenwerden oder auch nur äußerer Aufmerksamkeit. Es kann jederzeit damit vorbei sein."

"Sie kapiert vieles erst, während sie es erzählt", so Stelling über ihre Protagonistin. "Sie erzählt das Ganze ja auch ihrer ältesten Tochter. Das ist eigentlich ein Aufklärungsroman, und dabei wird ihr selber ganz vieles klar, was ihr vorher so nicht klar war. Und da gibt es dann auch einiges, um wütend zu werden."

Auch die Welt der Brotboxen und Doodlelisten, Kontoauszüge und Komposteimer muss eine Hinterseite haben, und ich werde nicht aufhören, mich zu drehen und alles zu verwirbeln, damit sie vorkommt, damit ich selbst noch vorkomme in dem Leben, das mein einziges ist. Klingt pathetisch? Ist mir egal.

Fazit

"Schäfchen im Trockenen" ist ein Text wie hingeschmettert – atemraubend. Ein Monolog mit vielen Gesprächen, mal rotzig, überheblich, mal feinfühlig, ist es der Ruf danach, mal wirklich miteinander zu reden.

Angaben zum Buch: "Schäfchen im Trockenen" von Anke Stelling
erschienen im Verbrecher Verlag
gebundenes Buch, 300 Seiten

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 14. März 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2019, 13:45 Uhr

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