Schauspielerin im Interview Anna Thalbach hofft auf einen Wandel des kapitalistischen Systems

Mieten seien zu hoch, Lebensmittel enthielten Müll, Medizin sei zum Geschäft geworden: Für die Berliner Schauspielerin Anna Thalbach läuft vieles schief in der heutigen Zeit. Als Konsequenz müsse jeder Einzelne den eigenen Lebenswandel hinterfragen, sagte sie im Gespräch mit MDR KULTUR.

Die Schauspielerin Anna Thalbach sitzt im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf der Bühne.
Anna Thalbach spielte unter anderem in den Filmen "Vier Zauberhafte Schwestern", "Alles ist Liebe" und "Frau Ella" mit. Sie spricht auch Hörspiele. Bildrechte: dpa

Die Schauspielerin Anna Thalbach hofft auf einen Wandel des kapitalistischen Systems – und setzt dabei auch auf die junge Generation. Der Kapitalismus sei kein moralisches und funktionierendes Prinzip, sagte Thalbach bei MDR KULTUR. Dieser Erkenntnis könne sich heute keiner mehr entziehen.

Als Beispiel nannte die Berlinerin steigende Mieten: "Wohnen wird verkauft. Jemand, der auf die Welt kommt, hat ja eigentlich ein Recht zu wohnen. Inzwischen müssen die Rentner mehr als die Hälfte ihrer Rente für Miete bezahlen. Das ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit." Auch Medizin sei ein Geschäft und in die Würste werde Müll gequetscht, damit man am Essen verdiene, so Thalbach weiter.

Wenn der Kapitalismus sich da dran vergreift – tut mir leid, dann finde ich jeden, der das System noch gut findet, einfach nur bescheuert.

Anna Thalbach, Schauspielerin

Politik spielte schon immer eine Rolle

Thomas Brasch, 2001
Dramatiker und Schriftsteller Thomas Brasch ist der Stiefvater von Anna Thalbach. Bildrechte: imago images / Mike Schmidt

Ihre Haltung habe auch mit der Prägung durch ihre Eltern zu tun, erklärte die Schauspielerin und Sprecherin weiter. Ihre Mutter ist die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach, ihr leiblicher Vater der Schauspieler Vladimir Weigl. Aufgewachsen ist Anna Thalbach aber bei ihrem Stiefvater, dem Autor Thomas Brasch. Sie würde ihre Familie aber nicht als antikapitalistisch bezeichnen, so Thalbach weiter: "Mein Vater hat auch der Dekadenz gefrönt und war nicht das Sozialamt. Aber man war trotzdem in der Lage, politische Systeme irgendwie zu fassen."

Die Gesellschaft ist gefragt, den Wandel einzuleiten

Schauspielerin Anna Thalbach (r.) in der Rolle des Kronprinzen und jungen Königs neben Schauspielerin Katharina Thalbach in der Rolle des "Alten Fritz".
2012 spielte Anna Thalbach den jungen Friedrich II. im Film "Friedrich - Ein deutscher König". Bildrechte: rbb/Thorsten Jander

Anna Thalbach fordert jeden Einzelnen auf, den Wandel des Systems anzugehen. Sie selbst sei auch nicht unschuldig, versuche aber, ihren Konsum zu hinterfragen. "Und ich versuche, mich mit vielen Leuten zu unterhalten, um Denkprozesse wach zu halten und die Leute aufzufordern, die Dinge immer wieder zu hinterfragen: Ist das richtig? Möchte ich so leben? Möchte ich, dass meine Kinder so leben?"

In die Kinder und die jüngeren Generationen setzt die 46-jährige Thalbach dabei auch ihre Hoffnungen. Zugleich wünsche sie sich aber, dass die jungen Leute auch die entsprechenden Werkzeuge hätten, um etwas zu ändern. Denn zugleich höre man ja auch, dass sie kaum noch schreiben und lesen könnten.

Zur Person

Anna Thalbach stammt aus einer Ost-Berliner Theaterfamilie. Ihr Großvater Benno Besson war 1949 auf Einladung Bertolt Brechts aus der Schweiz nach Berlin gekommen. Am Berliner Ensemble lernte er die Schauspielerin Sabine Thalbach, Anna Thalbachs Großmutter, kennen. Anna selbst spielte schon als Kind kleinere Rollen. Als beste Nachwuchsdarstellerin wurde sie mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Außerdem bekam sie den Deutschen Fernsehpreis. Mit ihrer Mutter Katharina und ihrer Tochter Nellie steht sie inzwischen oft gemeinsam auf der Bühne. Anna Thalbach arbeitet auch als Hörbuchsprecherin.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Café | 08. Dezember 2019 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2019, 04:00 Uhr