"Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt" "Prügel": Antje Joel fragt, warum Männer Frauen schlagen

Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Ehemann, Freund oder Ex-Freund umgebracht. Die offizielle Statistik spricht von 114.000 Fällen so genannter häuslicher Gewalt von Bedrohung bis Nötigung. Schonungslos erzählt die Journalistin Antje Joel jetzt ihre Geschichte und analysiert zugleich das große Tabu, das über dem Thema liegt. Warum es Jahrzehnte dauerte, bis sie in die Öffentlichkeit ging und was sie sich davon erhofft, weiß MDR KULTUR-Redakteurin Regine Schneider.

Antje Joel: Prügel - Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt
Das Buch von Antje Joel, das die eigene Geschichte mit faktenreicher Analyse verbindet. Bildrechte: Rowohlt

MDR KULTUR: "Prügel" heißt das Buch der Journalistin Antje Joel, sie berichtet darin über "häusliche Gewalt", die Sie selbst über Jahre in zwei Ehen erfahren hat. Es ist also ihre eigene, lange verschwiegene Geschichte. Wie beginnt die und wann kommt sie ans Licht?

Regine Schneider, MDR KULTUR-Redakteurin: Überraschend. Dem Leser begegnet zuerst ein junges Mädchen, mit Bundeswehr-Hosen, Bomberjacke und klirrenden Ketten behangen. Sie hat orange-rote Haare, was schon mutig ist, wenn man in einer Kleinstadt lebt. Mit 16 Jahren lernt sie nach der Jugendliebe den ersten Mann kennen. Er ist zehn Jahre älter. Sie ist verliebt, er schlägt sie, so geht sie mit aufgeplatzter Lippe und geschwollenem Auge in die Schule. Ein Lehrer weiß Bescheid, fragt aber nicht nach. Mit 17 heiratet sie diesen Mann, mit 23 ist sie geschieden. Sie glaubt, die Mechanismen der Gewalt durchschaut zu haben. Sie hat inzwischen den Klassiker zum Thema gelesen: "Wenn Frauen zu sehr lieben", hält sogar selber Vorträge zu Gewalt in Beziehungen und dennoch ist sie, wie sie schreibt, für diese subtile Art der Gewalt ihres zweiten Mannes taub und blind. Auch er beginnt, sie zu schlagen. Sie lässt sich zum zweiten Mal scheiden. Inzwischen hat sie sechs Kinder.

Sie schreibt ihre Geschichte auf, unter Pseudonym, für ein Schweizer Frauenmagazin. Der Redakteur lobt den Text und kommentiert, wie froh er doch sei, das ihm diese kaputte Welt so fremd sei. Sie fühlt Scham. "Ich war die kaputte", schreibt sie. Inzwischen ist sie Journalistin, arbeitet für den "Spiegel", "Die Welt" und "Brigitte". Ausgezeichnet wird sie mit dem Egon-Erwin-Kisch- Preis und dem Axel-Springer-Preis. Von alledem erzählt sie im Buch, aber nicht chronologisch, sondern so, dass man beim Lesen immer wieder eine andere Seite von ihr entdeckt. Sie ist nicht die Punkerin, die Abgeklärte, Aufgeklärte. Auf sie passen keine Klischees und Vorurteile.

Der Untertitel lautet: "Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt". Warum erzählt Antje Joel sie jetzt?

Sie verweist darauf, dass es nicht nur ihre Geschichte ist. Jede dritte Frau, heißt es in der Statistik, erlebt Beziehungsgewalt in all ihren Formen: Schläge jeglicher Art, Abhängigkeit, Kontrolle, Verachtung, Erniedrigung. Sie sei mit dem Leben davongekommen, sagt Antje Joel. Aber viele Frauen sterben an Schlägen und Fußtritten ihrer Lebenspartner oder werden von ihnen ermordet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Gewalt gegen Frauen zu einem globalen Problem von epidemischem Ausmaß erklärt. Und genau darauf will sie mit ihrem Buch auch aufmerksam machen.

Eine Frau geht an Plakaten der Kampagne 'Just because I am a Woman' (Nur weil ich eine Frau bin) vorbei, die Aung San Suu Kyi, Angela Merkel, Alexandria Ocasio-Cortez, Brigitte Macron , Michelle Obama und Hillary Clinton mit blauen Flecken zeigen.
Drastische Plakat-Kampagne von Alexsandro Palombo: "Just because I am a Woman" (Nur weil ich eine Frau bin), die darauf hinweist, dass es keine Schwäche der Betroffenen ist, wenn sie Opfer von Gewalt wird. Bildrechte: dpa

Was sagt sie konkret über Muster, auch über ihr Schweigen am Anfang? Was sagt sie über die Männer, die prügeln?

Sie lässt uns erstmal ganz tief in ihre Geschichte gucken, schildert einige Gewaltszenen, schreibt über ihre psychosoziale Verfasstheit, ihr Rollenbild als Frau. Über das Schweigen sagt sie, einer der Gründe dafür, sei ihre Scham gewesen. Wörtlich schreibt sie: "Ich schämte mich für meine Erbärmlichkeit. (...) Ich wollte nicht klein, hilflos und erbärmlich sein. In meiner Vorstellung von mir selbst war ich eine ganz andere Frau." Damit ist sie bei sich und zugleich bei der gesellschaftlichen Dimension, bei den Zuschreibungen an Frauen und Männer, mit denen wir aufwachsen und die wir verinnerlichen. Sie hat oft die Frage gehört: Warum lässt du dir das gefallen? Da schwingt mit: Du bist selber Schuld.

Aber die Frage ist doch, wo diese Gewalt gegen Frauen herkommt. Und sie vermisst sie im gesellschaftlichen Diskurs. Deswegen, schreibt sie, ist das Buch nicht nur eins über Frauen, sondern auch eins über Männer und die gesellschaftliche Norm, zu der wir alle mit beitragen.

Etwa weil über Gewalt hinter der Wohnungstür nicht geredet wird, sie sozusagen der Privatsphäre zugeordnet wird?

Ja, diese Gewalt hinter der Wohnungstür gibt es und sie wird toleriert, sie wird umgedeutet und auch weggeredet. Antje Joel zitiert dazu den US-amerikanischen Autor und Pädagogen Jackson Katz, der sich für Gewaltprävention einsetzt. Von ihm gibt es ein eindrucksvolles Beispiel aus dem täglichen Sprachgebrauch. Da wird aus: "John schlägt Mary", im nächsten Satz "Mary wird von John geschlagen." Dieser John rückt weiter nach hinten, bis er dann, als derjenige, von dem die Gewalt ausgeht, ganz weggeredet ist: "Mary ist eine geschlagene Frau", heißt es am Ende. So, sagt Katz, wird seine Gewalttätigkeit zu ihrer Identität. Wir kennen das ja alle auch irgendwie aus Filmen, diese Frage der Richter an Frauen, die den Mut zu einer Anzeige haben: Was haben Sie zu ihm gesagt? Was haben Sie getan, dass er so gereizt war, dass er zuschlagen musste? Antje Joel nennt das "Opfer-Beschuldigung".

Der Autorin geht es nicht so sehr darum, im Detail ihre persönliche Geschichte zu erzählen, sondern um die Frage, die ihr fast nie in Gesprächen gestellt wurde: Wo kommt diese Gewalt her und wie können wir diese Gewalt verhindern?

Das Gespräch führte Carsten Tesch, MDR KULTUR.

Angaben zum Buch Antje Joel: Prügel
Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt
Rowohlt, rororo
336 Seiten
ISBN: 978-3-499-68043-4

Aus Scham konnte sie lange nicht darüber reden, sagt Antje Joel. Doch ihr Buch macht deutlich, dass Frauen aus allen sozialen Schichten, unabhängig von Bildung oder Alter Opfer so genannter häuslicher Gewalt werden können. Nach Mustern funktioniert eher das Vorgehen der Täter, die es verstehen, ein System emotionaler Abhängigkeit aufzubauen. Joel erzählt und analysiert zugleich, wie aus ihrer schnellen Bindung - sie heiratet mit 17 einen blendend aussehenden, zehn Jahre älteren Fußballspieler aus England - für sie eine Ehe voller Gewalterfahrungen wird. Auf übertriebene Kontrolle und Eifersucht folgen verbale Ausfälle und irgendwann Prügel, dann Liebesschwüre und Entschuldigungen, ehe alles wieder von vorn losgeht. Auch in ihrer zweiten Ehe.

Schon der Name - "häusliche" Gewalt - legt nahe, dass es sich um private Vorfälle handelt. Antje Joels Buch rührt an dieses Tabu so wie gerade tausende Frauen, die zuletzt in Deutschland, Russland oder Mexiko auf die Straße gingen. Sie fragt, woher diese Gewalt kommt, was Rollenbilder damit zu tun haben und was wir dagegen tun können?

Auch Männer werden Opfer von Partnerschaftsgewalt, laut der aktuellen BKA-Statistik liegt aber der Anteil von Frauen, die durch Mord oder Totschlag ums Leben kommen ebenso wie bei Körperverletzung (mit möglicher Todesfolge) bei knapp 80 Prozent. Bei sexuellen Übergriffen, Nötigung und Vergewaltigung sowie bei Bedrohungen und Freiheitsberaubung sind es weit über 80 Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2020 | 07:40 Uhr

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