Mitglieder des Roma-Kinder- und Jugendensembles "Kesaj Tchavé" aus der Slowakei beim Rudolstadt-Festival 2016
Mitglieder des Roma-Kinder- und Jugendensembles "Kesaj Tchavé" aus der Slowakei beim Rudolstadt-Festival 2016 Bildrechte: MDR/Holger John

"Arche Noah reloaded" Multiethnical mit Musik, Tanz und schwarzem Humor

Am 9. Juli gab es auf der Heidecksburg ein "Multiethnical" zu erleben. Unter dem Motto "Arche Noah reloaded" erzählten Musiker, Tänzer und Schaupieler von drei Kontinenten ein "aberwitziges Sommermärchen" über Menschen auf der Flucht. Eine reichliche Woche vor dem Rudolstadt-Festival sprachen wir mit der Autorin und Regisseurin Petra Paschinger.

Mitglieder des Roma-Kinder- und Jugendensembles "Kesaj Tchavé" aus der Slowakei beim Rudolstadt-Festival 2016
Mitglieder des Roma-Kinder- und Jugendensembles "Kesaj Tchavé" aus der Slowakei beim Rudolstadt-Festival 2016 Bildrechte: MDR/Holger John

"Arche Noah reloaded" ist der Beitrag des Rudolstadt-Festivals 2016 zur Flüchtlings-Debatte, die zurzeit Deutschland spaltet. Woher stammt die Anregung?

Die Festivalmacher sind mit der Idee an mich herangetreten. Mich hat daran interessiert, Musiker und Schauspieler aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenzubringen und mit ihnen gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. 

Was ist das für eine Geschichte?

"Arche Noah reloaded" spielt mit Motiven der biblischen Geschichte um Noah und seine Arche. Erzählt wird von einem Mann namens Noah, der im Hier und Heute lebt, in einem exemplarischen Dorf namens Archenbach. Nachdem ihn seine Frau verlassen hat, ist er zum Menschenfeind geworden. Erst als seine frühere Nachbarin Paloma in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt und es als Unterkunft für Geflüchtete wieder belebt, bekommt Noah neuen Lebensmut.

Die Handlung wird mit schwarzem Humor und in absurden Szenen auf die Spitze getrieben. Gerade das soll den Blick auf die Schicksale der Geflüchteten lenken. Man darf also trotz des ernsten Themas einen unterhaltsamen Abend erwarten, bei dem Musik, Tanz und Spiel ineinandergreifen – wobei der Schwerpunkt auf der Musik liegt.

Am Projekt wirken Künstler von drei Kontinenten mit. Wie haben Sie sie gefunden? Anders gefragt: Wonach haben Sie gesucht?

Neben der musikalischen Qualität und Professionalität war es uns wichtig, Musiker zu finden, die selbst Migrations- und Fluchterfahrung haben. Das ermöglicht es, die Geschichte authentisch zu erzählen. Entschieden haben wir uns für das Dagan-Ensemble und den Musiker Salah Ammo aus Syrien, für die Band "Lanaya" aus Burkina Faso und für "Kesaj Tchavé", ein musikalisches Projekt von Roma, die in der Slowakei leben. Wir wollen damit an eine Tatsache erinnern, die in den Debatten häufig übersehen wird: dass nicht nur Frieden für ein menschenwürdiges Leben wichtig ist, sondern auch Chancengleichheit und Minderheitenrechte. Ihre Mitwirkung bei "Kesaj Tchavé" ermöglicht Kindern und Jugendlichen aus Roma-Familien eine Zukunftsperspektive.

Was bringen die Künstler an musikalischem Gepäck mit? Und was an eigenen Geschichten?

Wir arbeiten hauptsächlich mit Songs aus dem Repertoire der Künstler, in denen sie ihr eigenes Erleben widerspiegeln. Salah Ammo spricht in seinen Liedern ganz explizit den Bürgerkrieg an, aber auch die Situation der kurdischen Minderheit in Syrien, während sich das syrische "Dagan-Ensemble" in instrumentalen Kompositionen mit der Kriegs- und Flucht-Erfahrung auseinandersetzt. Die Band "Lanaya" aus Burkina Faso wiederum greift in ihrer Musik auf traditionelle Wurzeln der westafrikanischen Manding-Kultur zurück. Und in den Liedern und Tänzen von "Kesaj Tchavé" werden alte und neue Mythen der Roma verhandelt. Insofern ist da schon ein großer Fundus an musikalischen Geschichten versammelt. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich in der Probenwoche auch noch die eine oder andere Möglichkeit, weitere persönliche Geschichten und Erfahrungen der Künstler einzubauen.

Die "Magie-Konzerte" des TFF Rudolstadt entstanden erst während der Proben als Work in Progress. Was geben Sie bei "Arche Noah reloaded" als Autorin vor? Und was entwickeln Sie zusammen mit den Darstellern?

Heidecksburg - Große Bühne am Abend.
Spielort des "Multiethnicals um Migration und Vertreibung" ist die Heidecksburg Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Grundsätzlich mache ich sehr gern Stückentwicklungen, bei denen gemeinsam mit allen Beteiligten eine Produktion erarbeitet wird. In der Regel sind aber sechs Wochen Probenzeit nötig, damit das Stück am Ende wirklich vorzeigbar ist und alle Szenen und Einsätze sitzen. Da wir jetzt nur eine einzige Woche haben, gehe ich mit einer fertigen, von mir geschriebenen Textfassung in die Proben. Das ist ein Gerüst, mit dem wir arbeiten können, das aber noch Raum lässt für spontane Kreativität. Ich denke, dass sich da noch vieles ergeben wird. Darauf freue mich ganz besonders.

Verbindendes Element der multiethnischen "Magie"-Konzerte war ein Musikinstrument. Was haben die Darsteller von "Arche Noah reloaded" gemeinsam?

Neben der Tatsache, dass sie alle herausragende Künstler sind, haben zumindest die Musiker gemeinsam, dass sie alle aktuell die Erfahrung von Migration gemacht haben oder – wie im Fall von "Kesaj Tchavé" – auf eine lange Geschichte von Vertreibung und Migration zurückblicken können. Und uns alle verbindet ein gemeinsames Anliegen: zwischenmenschliche Begegnungen zu ermöglichen, die geprägt sind von Toleranz, Offenheit, Neugier und Respekt. 

Die musikalische Leitung hat Matthias Schriefl, ein erfolgreicher Wanderer zwischen Klassik, Jazz und Weltmusik. Wie teilen Sie sich die Arbeit bei der Einstudierung? 

Matthais Schriefl mit RUTH beim Rudolstadt-Festival 2016
Matthias Schriefl war 2016 auch RUTH-Preisträger. Bildrechte: MDR/Holger John

Ich bin für das Gesamtkonzept, die Inszenierung, den Text und die Arbeit mit den Schauspielern zuständig. Matthias Schriefl ist für den gesamten musikalischen Teil der Produktion verantwortlich. Er wird in der Probenwoche mit den Musikern sehr intensiv probieren und – das  ist das Wichtigste – gemeinsame Songs erarbeiten, die man nur an diesem Abend und im Rahmen dieses Projektes zu hören bekommt.

Die Mitwirkenden Musiker und Tänzer:
Salah Ammo (Syrien) – Gesang, Bouzouki
Dagan Ensemble (Syrien) – Violine, Cello, Ud, Qanun, Perkussion
Késaj Tchavé (Slowakei) – Gesang und Tanz
Lanaya (Burkina Faso) – Gesang, Tanz, Djembe, Balafon, Kora u. a.

sowie
Claudia Schwab (Österreich): Violine
Bodek Janke (Deutschland): Perkussion
Alexander Morsey (Deutschland): Bass

Darsteller:
Josip Čuljak (Deutschland)
Paula Schrötter (Deutschland)

Buch und Regie: Petra Paschinger (Österreich)
Musikalische Leitung: Matthias Schriefl (Deutschland)

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2017, 17:02 Uhr