Nach dem Bauhaus-Jubiläum ist Schluss Bauen der Zukunft: Wie weiter mit dem Bauhaus Eins in Weimar?

Neun Jahre lang wurde unweit der Bauhaus-Universität in Weimar Neues Wohnen erprobt: Studierende, Architektinnen und andere Interessierte durften ein unsaniertes Haus in der Bauhausstraße 1 zum Musterhaus umfunktionieren und so in die Fußstapfen der Kreativen von vor hundert Jahren treten. Nun wird das Gebäude aber konventionell saniert – was bleibt übrig von all ihren Ideen?

Das Bauhaus Eins in Weimar
Das Musterhaus in der Bauhausstraße 1. Bildrechte: Michael Marianek

Wie wollen wir künftig wohnen und leben? Das ist in Zeiten von Klimawandel und demografischem Wandel eine wichtige Frage, Leerstand, Wohnungsnotstand oder überheizte Städte bringen viele Menschen zum Nachdenken. In Weimar machten einige Kreative vor neun Jahren deswegen ernst: In Kooperation mit der städtischen Wohnungsgesellschaft Weimarer Wohnstätte übernahmen sie ein unsaniertes Haus, gebaut 1873, und formten es zum Labor um. Sie lebten selbst in dem Gebäude und öffneten es gleichzeitig für Studierende der Universität.

Hier ist vieles anders

Boiler und Rohre
Neues Bauen mit alten Materialien: die Ziegelsteinterrazzo-Wand hinter der Dusche. Bildrechte: Marcus Schreiner

Neun Jahre später ist aus dem Haus deswegen eine spannende "lebende Ausstellung" geworden: In jedem Raum finden sich ein oder mehrere ungewöhnliche Exponate, die Lust auf Neues Wohnen machen. Die Küche etwa ist besonders flexibel, Herd, Spüle und Arbeitsplatte lassen sich nach rechts oder links verschieben, oder auch in der Höhe verstellen. Im Bad zieht eine riesige Wand aus Ziegelsteinterrazzo die Blicke auf sich. Marcus Schreiner vom Vorstand des Bauhaus-Eins-Vereins deutet auf die rote Struktur: "Wir haben alte Ziegelsteine gehäckselt und daraus jetzt diesen wunderbaren riesigen Ziegelstein gemacht", erklärt der studierte Mediengestalter. "Diesen Stein haben wir später mit Seife abgedichtet und mit Öl für eine wasserabweisende Oberfläche gesorgt." Schreiner stellt die Dusche an, es zeigt sich: Dieses eigentlich so poröse Material lässt das Wasser tatsächlich an sich abperlen.

Aus Alt mach Neu

Die Terrazzowand ist ein gutes Beispiel für die Herangehensweise der Menschen im Bauhaus Eins: Neues Wohnen und Bauen hieß für sie nie, auf neuartige und im Zweifel umweltschädliche Baustoffe wie Styroporverkleidungen zu setzen. Vielmehr orientierten sie sich an den Materialien, die sie im Haus vorfanden. Mit Lehm und Holz etwa versuchten sie, weiter zu arbeiten. Ein Umstand, den auch Architektin Marlu Müller-Ortloff hervorhebt, die in den vergangenen Jahren verschiedene Workshops im Haus geleitet hat: "Ich habe mich in den letzten Jahren engagiert, weil hier eben bestimmte Abläufe und Prozesse infrage gestellt und neu gedacht wurden. Wir haben hier sowohl mit dem traditionellen Handwerk gearbeitet, als auch uns komplett gelöst und neue Dinge entwickelt."

Wie geht es weiter?

Menschen renovieren einen Raum
Über die Jahre führten verschiedene Lehrstühle der Bauhaus-Universität hier Projekte durch. Bildrechte: Johannes Warda

Die Beteiligten sind zufrieden mit dem, was sie in den vergangenen Jahren erreicht haben. Auch von außerhalb haben sie viel Zuspruch bekommen, gerade während des Bauhaus-Jubiläumsjahres. Dennoch ist nun Schluss mit dem großen Experiment: Weil Wohnraum in Weimar knapp ist, will die Wohnstätte das Gebäude nun konventionell sanieren und vermieten. Von den Besonderheiten des Gebäudes wird dann vermutlich nicht viel übrig bleiben. "Wir versuchen nun, wenigstens Teile unserer Ideen in die Sanierung mit einzubringen", sagt Vorstandsmitglied Schreiner. So seien etwa die Holzfußböden bislang mit verschiedenen Mitteln bearbeitet worden, vielleicht könne man dies weiterführen.

Alternativen zu Baufirmen und Profi-Handwerk

Abgesehen davon fordert der Verein nun, dass in Deutschland grundsätzlich neu über die Organisation von Haussanierungen nachgedacht werden solle. Bislang sei es etwa nicht möglich, dies unkommerziell zu tun: Als Projekt etwa mit Studierenden, Azubis oder Geflüchteten. "Es gibt im Osten noch so viele Häuser, die bislang nicht auf gängige Weise saniert werden konnten", sagt Marcus Schreiner. Er sieht hier viel Potenzial: "Warum schaffen wir nicht einen Kredit, der gebunden daran ist, dass Häuser auf eine nachhaltige und soziale Weise saniert werden: So kann man sich als Handwerker ausprobieren, kann schnuppern. Gerade der Integration von Geflüchteten würde das sicherlich helfen, wenn man sagt: Ganz egal, welchen Beruf du vorher hattest, du kannst dich nun einbringen, in dem du Boden schleifst, den alten Putz von einer Wand holst und lernst, wie man mit Farbe und Materialität umgeht."

Hier sei noch viel Überzeugungsarbeit nötig, sagt Schreiner. Bei Gewerkschaften, in der Politik, in der Wirtschaft. Der Verein von der Bauhausstraße 1 will dran bleiben – auch wenn er das eigene Versuchslabor nun bald aufgeben muss. Eigenlich sollte das Musterhaus zum Abschied noch einmal für alle geöffnet werden, doch aufgrund der Corona-Pandemie fällt dies nun aus.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. März 2020 | 07:40 Uhr

Abonnieren