Älteres Paar beim Yoga
Yoga im Alter kennenlernen - auch das steht für lebenslanges Lernen. Bildrechte: IMAGO

ARD Themenwoche Bildung Lebenslanges Lernen: viel mehr als nur der VHS-Kurs

Das "lebenslange Lernen" ist ein gern gebrauchtes Schlagwort, wenn es um die Chancen in der digitalen Gesellschaft geht. Man scheint sich bewusst zu sein, dass das Schulwissen nicht für ein ganzes Leben reicht, sondern dass es weitere Entwicklung braucht im persönlichen und beruflichen Bereich. Doch wovon reden wir hier eigentlich genau? Fragen an Sandra Bohlinger, Professorin für Erwachsenenbildung an der TU Dresden.

Älteres Paar beim Yoga
Yoga im Alter kennenlernen - auch das steht für lebenslanges Lernen. Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Lebenslanges Lernen – das hat ja schon der Steinzeitmensch getan, wenn er seinen Speer verbesserte. Was ist denn das Neue daran in unserer heutigen Welt?

Sandra Bohlinger: Das ist in der Tat eine ganz alte Idee. Ich glaube, wir haben sie jetzt wieder auf der Agenda, weil wir wissen, dass eine digitale Wende auf uns zu kommt, aber nicht wissen, wie sie genau aussehen wird. Also ist der Gedanke da, dass man die Menschen hier mitnimmt. Allerdings denkt man dann doch sehr kurzförmig, und auch nur mit dem Blick, Menschen länger und besser im Arbeitsmarkt unterzubringen. Dabei ist das Thema sehr viel größer!

Welche anderen Formen gibt’s denn noch?

Blick auf die städtische Volkshochschule in Magdeburg.
Seit über hundert Jahren eine Institution der Erwachsenenbildung: die Volkshochschulen. Bildrechte: dpa

Eine wichtige Institution für lebenslanges Lernen ist tatsächlich die Volkshochschule, zusammen mit den Sprachinstituten. Darüber hinaus gibt es auch Einzelpersonen, die lebenslanges Lernen anbieten: Das kann ein Yoga-Trainer sein, ein privater Koch-Anleiter, ein Fahrlehrer, oder jemand, der mich dabei unterstützt, einen Kurs besser zu machen. Diese Menschen haben wir üblicherweise nicht im Blick, wenn es um das lebenslange Lernen geht. In den letzten Jahren haben sich außerdem die Hochschulen ganz massiv geöffnet: Sie bieten Kinderuniversität, Seniorenuniversität oder Studium Generale an für eine Klientel jenseits der Wissenschaftler und derer, die einen Abschluss haben wollen.

Reicht das aus? Oder wünschen Sie sich noch weitere Angebote?

Der Mensch kann eigentlich nicht nicht lernen. Und ich finde, das macht unheimlich Mut, denn wenn man mit Erwachsenen spricht, hört man oft – "Ich kann das nicht, ich hab keine Zeit, ich weiß nicht, was ich lernen soll." – Ich glaube, man muss es eigentlich umdrehen und sagen: "Du kannst doch aber ganz viel in dem oder dem Bereich!" Und das kann man wertschätzen, wenn man jenseits von dieser Kursdenke und Zertifikatsdenke agiert.

Viele Bildungsangebote für Erwachsene kosten Geld. Scheitern deswegen auch Vorhaben und Ideen?

Ja und nein (lacht)! Auf der einen Seite gibt es eine unglaubliche Fülle an Finanzierungsmöglichkeiten wie Bildungssparen, Bildungsgutschein, Lernzeitkonten, Meisterbafög, oder Aufstiegsstipendien. Wir haben in den meisten Bundesländern (außer in Bayern und Sachsen) den sogenannten Bildungsurlaub mit fünf Tagen. Es gibt darüber hinaus viele Anbieter, die kostenlose Kurse zur Verfügung stellen. Ich glaube, es sollte deswegen vielmehr darum gehen, Menschen an das Thema Weiterbildung heranzuführen. Um klar zu machen, was es eigentlich an Möglichkeiten gibt.

Es geht hier also um die richtige Einstellung: um die Bereitschaft, ins Offene zu gehen. Wie kann man diese denn fördern?

Wir haben in Deutschland eine ganz starke Verhaftung in dieser Denkweise, dass nur, was auf dem Papier zertifiziert wurde, etwas wert ist. Und wenn ich einen Abschluss in XY habe, ist das die einzige Möglichkeit, in einem Tätigkeitsfeld XY tatsächlich Arbeit zu finden. Es gibt viele andere Länder, wo es mehr Durchlässigkeit gibt, und mehr verschwommene Bereiche zwischen beruflichem Abschluss und der tatsächlich begonnenen Tätigkeit. Man kann überlegen, von dieser Denkweise in Deutschland ein bisschen wegzukommen. Teilweise passiert das auch schon, aber es dauert sehr lange. Hier kann man eine jahrhundertealte Tradition nicht einfach wegwischen.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Artour-Beiträge zum Thema Bildung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. November 2019, 14:25 Uhr

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