ARD-Themenwoche: #Wie leben? Passion in der Pandemie: Wie Elena Cencetti den Tanz neu entdeckt

Wie wollen wir künftig leben, lautet die Frage der ARD-Themenwoche. Die Corona-Pandemie lenkt sie in eine unvorhergesehene Richtung. Der Kulturbetrieb ist im Pausenmodus, viele Künstlerinnen und Künstler überdenken ihre Arbeit und ihr privates Leben neu. So wie Elena Cencetti, die als freiberufliche Tanzpädagogin in der Junior-Abteilung der Palucca-Hochschule für Tanz, dem PUCK, unterrichtet. Die gebürtige Italienerin lebt seit acht Jahren in Dresden und will die Pandemie eher als Herausforderung sehen. Dass Corona alles andere als ein Fake ist, wusste sie durch die Ereignisse in ihrem Heimatland sehr früh.

Elena Cencetti auf einer Treppe 4 min
Bildrechte: Uta Caroline Thom

MDR KULTUR - Das Radio Fr 20.11.2020 06:00Uhr 04:15 min

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"Diese erste Stunde nach dem Lockdown, das war ein großes Geschenk", sagt Elena Cencetti. Sie unterrichtet seit einem Jahr als Tanzpädagogin in der Junior-Abteilung der Palucca-Hochschule für den Tanz, kurz PUCK e.V.. Und das am liebsten nicht über Konferenzschaltungen, sondern gemeinsam im Tanzsaal: Tanzen trotz Abstand, trotz Bewegung auf nur kleinen vorgegebenen Vierecken, ohne Berührung, aber endlich wieder – und gemeinsam – dieser Moment bewegt sie noch immer:

Also die erste Stunde nach dem Lockdown, da kriege ich jedes Mal noch Gänsehaut. Da war eine Atmosphäre wie sonst noch nie vorher im Tanzsaal. Es war eine Community wieder da, die sich gespürt hat, körperlich und energetisch.

Elena Cencetti Tänzerin, Tanzpädagogin, Choreografin

Viel mehr als Körperspannung oder exakte Bewegung …

Gerade bei dieser ersten Stunde habe sie gemerkt, "unser Beruf kann so viel". "Durch Impro-Arbeiten, die auf die Wahrnehmung des Anderen ausgerichtet sind; auf das Aufeinander-Achten im Raum, dadurch lassen sich Verbindungen herstellen, erklärt die Tanzpädagogin, die aus Florenz stammt und seit acht Jahren in Dresden zu Hause ist. "Das haben sie geliebt", sagt sie mit Blick auf die rund 80 Kinder im Alter von drei bis zu 17 Jahren, die sie jede Woche traf. "Und dann kamen diese Online-Unterrichte und alle möglichen Reaktionen bis zum heulenden Kind vor dem Laptop, weil es nicht hören kann."

Keine Proben, keine Premiere

Zwei Frauen sitzen in einem Tanzsaal
Wieder mal Pausenmodus Bildrechte: Uta Caroline Thom

Im nun wieder leeren Tanzsaal erzählt Elena Cencetti,  wie schwer die Situation gerade für Kinder ist und wie tapfer sie auf die Einschnitte reagieren, aber auch vom Zuspruch, den gerade sie in diesen Zeiten besonders brauchen. Der Mini-Lockdown jetzt im November habe selbst sie eiskalt erwischt: "Mit einigen Klassen war ich an einem größeren Projekt dran, das Mitte Januar Premiere im Festspielhaus Hellerau beim Festival "Young Stage" haben sollte. Jetzt hängt alles in der Luft. Es kam noch keine Absage. Aber die Proben im November können natürlich nicht mehr stattfinden." Mit einem ganz straffen Probenplan im Dezember könnten sie es noch schaffen – vorausgesetzt sie dürfen trainieren. Und was, wenn nicht?

Fragezeichen überall

Fragezeichen überall, nur eines weiß Elena Cencetti auch mit Blick auf die Situation in ihrem Heimatland genau: Corona ist kein Fake: "Ich habe es wirklich auf Deutschland, auf uns, auf mich anrollen sehen und ich war auch sehr besorgt." Die Fallstatistiken für Deutschland und Italien, wo Coronaleugner keine Chance haben, verfolgt sie tagtäglich. Im Frühjahr – als in Sachsen kaum einer Ahnung hatte von Corona – informierte sie ihre deutschen Freunde und Kollegen darüber, was in Italien geschah. Dankbar, dass sie in Dresden mit niedrigen Fallzahlen lebte und mit ihrer Festanstellung am PUCK, keine Existenzsorgen haben musste. Aber die Angst sei trotzdem da, auch für viele Kolleginnen:

Ich habe nur eine Teilzeitstelle, aber es war für mich gar keine Frage, ob ich zu diesen Fördergeldern einen Antrag stellen soll, um noch künstlerisch weiter tätig zu sein. Das habe ich gleich weggelassen, weil ich wusste, dass es viele Kolleginnen und Kollegen gibt, die das Geld noch dringender brauchen.

Elena Cencetti Tänzerin, Tanzpädagogin, Choreografin

So schnell und so sicher Coronahilfen ausgezahlt zu bekommen wie in Sachsen, verbunden mit dem politischen Willen zur Hilfe, davon könnten Tänzerinnen und Tänzer in Italien nur träumen, sagt Elena Cencetti.

Wie es sich anfühlt, als freischaffende Tänzerin durch Corona komplett ausgebremst zu sein, das hat sie dennoch erfahren.

Am Tag vor dem ersten Lockdown hat sie mit sechs Spielerinnen und Spielern, ein – komplett selbst finanziertes Stück im Projekttheater Dresden zur Premiere gebracht. Am nächsten Tag schlossen alle Theater. Entmutigen lässt sich die 33-Jährige Italienerin – auch angesichts der lebendigen Tanzszene im Internet – trotzdem nicht.

Man muss das Ganze eher als Herausforderung sehen und weniger als Problem. Ich glaube, diese Einstellung hilft, um neue Wege zu finden. Und ich denke, da gibt es viel Potenzial.

Elena Cencetti Tänzerin, Tanzpädagogin, Choreografin

Tanz und Tanztheater in Mitteldeutschland

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 07:10 Uhr

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