ARD-Themenwoche: #WieLeben? Wie zwei Weimarer Opernsänger in der Pandemie für bessere Arbeitsbedingungen streiten

Eleonore Marguerre und Uwe Stickert sind durch Corona viele Aufträge weggebrochen. Die Sopranistin und der Tenor aus Weimar lassen sich davon aber nicht unterkriegen: Sie hoffen, dass die aktuelle Ausnahmesituation langfristig positive Folgen für freischaffende Künstlerinnen und Künstler haben wird.

Eleonore Marguerre und Uwe Stickert
Eleonore Marguerre und Uwe Stickert haben sich bewusst gegen Festanstellungen im Theater entschieden. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Was war das für ein Leben vor Corona! Da gaben sich Eleonore Marguerre und Uwe Stickert oft die Klinke in die Hand: Die eine auf dem Sprung zum Engagement in Mailand oder Nürnberg, der andere in der Zeit zu Hause bei den zwei Kindern und anders herum. Seit März aber ist alles anders: Fast alle Auftritte sind weggebrochen, und so heißt es warten, bis sich irgendwann wieder so etwas wie ein normaler Alltag einstellt. Seine Stimmung schwanke gerade täglich, sagt Uwe Stickert: "Mal will ich wirklich auf die Barrikaden gehen, mal will ich resignieren, mal frage ich mich – was ist in diesen Zeiten eigentlich noch planbar, worauf kann ich mich eigentlich noch einstellen?"

Es ist die andauernde Unsicherheit, die Marguerre und Stickert langsam mürbe macht. Dazu kommt, dass sie in den vergangenen Monaten sehr unterschiedliche Erfahrungen mit ihren Arbeitgebern, den Theatern, gemacht haben. Manche holten sie ins Boot, boten ihnen über einen bestimmten Zeitraum an, mit in Kurzarbeit zu gehen. Von anderen aber kam lediglich die Ankündigung, dass die Verträge durch behördliche Anordnung ausfallen würden, und die Gagen ebenso. "Solche Verträge sind eigentlich vor unseren Bühnenschiedsgerichten nicht haltbar", so Eleonore Marguerre. "Sie werden uns aber dennoch gegeben. So schieben die Theater den Schwarzen Peter zu uns Künstlern, weil wir im Zweifel klagen müssen. Es ist wirklich schwierig, sich in so einer Situation respektiert zu fühlen."

Eine Branche wird politisch

Eleonore Marguerre und Uwe Stickert in Melusine
Eleonore Marguerre und Uwe Stickert in Aribert Reimanns "Melusine". Bildrechte: Charlotte Burchard

So ist dem Sängerpaar in den vergangenen Monaten eines immer wichtiger geworden: die Situation freischaffender Künstlerinnen und Künstler zu verbessern. Eleonore Marguerre sagt, hier herrsche viel noch Unwissenheit. Sie hat bereits vor ein paar Jahren einen Ratgeber mit dem Titel "Vom Ton zum Lohn" geschrieben und versucht weiter aufzuklären. Zum Beispiel darüber, dass sich Selbstständige freiwillig gegen Arbeitslosigkeit versichern können – was für das Künstlerpaar persönlich in diesem Jahr die Rettung darstellte. Außerdem engagiert sich die Sopranistin im neu gegründeten Freischaffendennetzwerk "Krea(k)tiv", um den Solidaritätsgedanken im Musiktheater voranzutreiben, und auch die Vernetzung untereinander.

Uwe Stickert ist zuversichtlich, dass sich hier in den kommenden Monaten einiges bewegen wird. Vor der Pandemie hätten viele einfach mit Arbeitsverträgen im Graubereich gearbeitet, das sei nun nicht mehr möglich, so der Tenor: "Wir denken, dass Corona ein sehr guter Auslöser sein kann, Dinge zu verändern. Zwar ein extrem harter Auslöser – aber es muss einfach vieles klar gestellt werden."

Aufgeben ist keine Option

Abseits ihres politischen Engagements versuchen Marguerre und Stickert, sich selbst und ihre Stimmen fit zu halten. Gar nicht so einfach, wenn keine regelmäßigen Proben und Auftritte stattfinden und nur das eigene Musikzimmer als Bühne dient. Marguerre zieht den Vergleich zu einer Marathonläuferin: Wenn man ein halbes Jahr nur Runden im Park drehe, statt lange Strecken zu bewältigen, habe das einfach Folgen. Sie fürchtet durch Corona deswegen einen langfristigen kulturellen Verlust. "Ich kenne einige Leute aus dem Kultursektor, die sich schon etwas anderes gesucht haben, eine Bäckerlehre angefangen haben oder auf dem Markt arbeiten. Wenn diese Menschen jetzt zwei Jahre lang vielleicht gar nicht mehr kulturell aktiv sind, dann funktioniert es nicht, plötzlich wieder in den alten Beruf zurückzukehren!"

Eleonore Marguerre in La Finta Giardiniera
Eleonore Marguerre in "La Finta Giardiniera". Bildrechte: Hubert Smith

Für das Weimarer Künstlerpaar steht deswegen fest: Auch wenn die Zeiten hart sind, den Beruf aufzugeben, ist keine Option. So haben Marguerre und Stickert im Sommer private Gartenkonzerte organisiert, gerade denken sie über Adventssingen nach. Nicht weil es Geld einbringt, sondern "aus Spaß an der Freude", wie beide betonen: "Wir machen ja Musik, weil wir das gerne tun. Und weil wir gerne singen. Es ist einfach eine Frage des Lebensgefühls." Ein Lebensgefühl, dass sie sich auch in den kommenden Monaten nicht austreiben lassen wollen – Corona hin oder her.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. November 2020 | 06:15 Uhr

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