Interview Soziologe Nassehi: Auf Corona-Proteste kann man nur falsch reagieren

Der Soziologe Armin Nassehi beschäftigt sich in seinem neuen Essay "Das große Nein" mit der Entstehung und der Funktion gesellschaftlicher Protestbewegungen. Wir haben mit ihm im Interview über die jüngsten Proteste gegen Corona-Beschränkungen in vielen Städten gesprochen. Was treibt die Demonstranten an? Wie sollten die Adressaten des Protestes – also der Staat – darauf reagieren?

MDR KULTUR: Sie blicken in ihrem Essay "Das große Nein" auf Protest als Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung, losgelöst vom jeweiligen Motiv und Interesse. Und die These sagt, Protest zeige immer, dass Konfliktbearbeitungs-Routinen in der Gesellschaft gestört sind. Was für Störungen sind das gerade in der Corona-Krise?

Armin Nassehi: Wenn wir heute auf die Corona-Proteste am Wochenende sehen, muss man zunächst mal sagen – ich finde, das kann man nicht oft genug betonen: Es ist eine sehr kleine Minderheit, die aber natürlich sichtbar ist. Das ist auch die Funktion von Protest.

Und sie behaupten eigentlich, auch wenn sie ganz unterschiedlicher Couleur sind, alle das Gleiche: Dass die Gesellschaft nämlich so etwas wie eine interne kontroverse Diskussion zum Beispiel über das Ende des Lock-Downs nicht zulässt und sie deshalb protestieren müssen.

Das ist ja das, was die unterschiedlichen Personen wirklich eint, dass sie sagen, in dieser Gesellschaft kann man noch nicht einmal kritisch über den Lockdown und ähnliche Dinge sprechen – was natürlich völlig falsch ist. Wir diskutieren ja seit Wochen kontrovers darüber, auch innerhalb eines demokratischen Spektrums, wie ich finde, auf angemessene Weise. Aber dieser Protest tut so, als sei das nicht der Fall. Und das ist der Anlass für den Protest.

Interessant ist ja eigentlich, dass der Adressat doch wahrscheinlich die Bundesregierung zu sein scheint – "die da oben, das System", oder wie ist das gerade zu verstehen?

Eigentlich würde ich zwei Adressaten ausmachen. Natürlich "die da oben", das ist sozusagen für die üblichen Verdächtigen, die jetzt sich auch da zusammentun, eigentlich die Adresse immer. Aber eigentlich protestiert ja dieser Protest gegen eine angeblich fehlende Opposition.

Die behaupten ja, dass gewissermaßen diejenigen, die in den Parlamenten oder in den Gerichten oder im öffentlichen Diskurs eigentlich kritisch Stellungnahmen abgeben sollen oder kritisch sich dazu äußern sollen, das eigentlich nicht angemessen tun – gewissermaßen eine Kumpanei mit den Regierenden, den Herrschenden – so wird ja da geredet. Und deshalb kommt dieser Protest.

Also die Adresse ist eigentlich die Ordnung schlechthin. Man könnte sagen, die Eliten, oder sagen wir mal das, was die Leute sozusagen für das Etablierte, für den Mainstream halten. Und dort versuchen sie sich rauszuziehen und gewissermaßen als Opposition zu etablieren. Und da kommt es auf Inhalte überhaupt nicht an. Es reicht eigentlich zu sagen: Die Eliten haben versagt. Am Ende ist Angela Merkel schuld.

Sehen Sie ein erkennbares Muster, nach dem die Adressaten auf die Botschaft des Protests reagieren? Sachsens Ministerpräsident Kretschmer ist zu den Demonstranten gegangen, hat aber zum Beispiel von SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach dafür Hiebe bekommen.

Und er hat ja auch von den Protestlern dort Hiebe bekommen. Eigentlich ist ja bei solchen Protesten alles, was man macht, falsch. Eigentlich müsste man die Leute ja totschweigen. Ich meine damit nicht die Kritik an irgendwelchen Maßnahmen. Darüber müssen wir kritisch und kontrovers diskutieren. Das ist überhaupt keine Frage.

Aber dieser fundamentale Protest – das schaffen wir beide ja gerade auch nicht, das totzuschweigen, weil man darüber reden muss, weil das sichtbar wird. Also man kann es eigentlich nur falsch machen: Wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt, macht man es falsch. Wenn man nicht mit ihnen spricht, macht man es falsch.

Am falschesten wäre es wahrscheinlich, jetzt wieder zu sagen: Das ist ja vielleicht doch Volkes Stimme, und vielleicht müssten wir da mal genauer hinhören, ob da etwas nicht doch dran ist. Das würde ich tatsächlich für falsch halten.

Man muss gleichzeitig mitliefern, dass es natürlich eine kontroverse Diskussion um die Dinge geben muss, die es im politischen Raum ja auch durchaus gibt – etwa zwischen Bundesländern, innerhalb einer Partei, Akteure, die sagen, wir müssen schneller, wir müssen langsamer. Also zu behaupten, dass es in Deutschland einen unterdrückten Diskurs über die Dinge gibt, das ist schlicht falsch. Aber das interessiert diese Protestierer natürlich nicht. Also, was man tut, es ist eigentlich falsch.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Annett Mautner.

Angaben zu Armin Nassehis Buch Armin Nassehi: "Das große Nein"
Kursbuch-Edition
160 Seiten
20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2020 | 08:10 Uhr