Im Erfurter Theater Waidspeicher Der "Atlas der abgelegenen Inseln" als Puppentheater

Der "Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky ist mittlerweile schon über zehn Jahre alt. Dennoch lohnt es auch heute noch, immer wieder hindurchzublättern und sich in die Ferne zu träumen. Denn Schalansky entführt dort ja mit Kartenmaterial und kurzen Texten auf Inseln abseits der menschlichen Zivilisation. Genau das will nun auch das Puppentheater Waidspeicher in Erfurt tun: Es bringt den Atlas auf die Bühne.

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR-Thüringenkorrespondentin

"Atlas der abgelegenen Inseln" am Theater Waidspeicher
Die Flugpionierin Amelia Earhart in der Inszenierung des Theaters Waidspeichers. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Drei Spieler führen eine Puppe durch den Raum. Sie hat hat kinnlanges Haar, ein androgynes Gesicht. Und trägt ein Gewehr in den Händen. Die Figur, so erzählt es einer der Spieler auf der Bühne, sei Teil einer Expedition von Vogelnarren. Diese seien auf die Bäreninsel gekommen (ein abgelegenes Eiland auf halber Strecke zwischen dem Nordkap und Spitzbergen), um Vögel zu schießen. So wird nun ein Tier nach dem nächsten abgeknallt – von der Elfenbeinmöwe bis zur Mantelmöwe.

Über den Globus verstreut

"Atlas der abgelegenen Inseln" am Theater Waidspeicher
Ein Polarforscher im "Atlas der abgelegenen Inseln". Bildrechte: Lutz Edelhoff

Diese Geschichte über einige Vogeljäger stellt eine der ersten Miniaturen dar, die Regisseur Christian Georg Fuchs für seine Inszenierung aus Judith Schalanskys Atlas ausgewählt hat. Insgesamt versammelt er 13 Geschichten, jede spielt auf einer anderen Insel: mal im pazifischen Ozean, mal im arktischen Ozean, mal im Atlantik. Mal stellt eine aussterbende Seekuh die Protagonistin dar, mal eine gestrandete Schiffsmannschaft, mal Napoleon in der Verbannung auf Sankt Helena.

Die Geschichten stünden jeweils für sich, sagt Fuchs. Verbunden würden sie jedoch durch den Traum oder den Alptraum Insel: "Die Insel ist natürlich immer ein komprimierter Raum. Wo man einerseits gefangen ist, aber andererseits auch frei, weil die anderen nicht so schnell zu einem kommen können."

Eine Puppe für alle Figuren

Es geht auch um Inseln, die nie erreicht werden. Die Flugpionierin Amelia Earhart beispielsweise kommt auf dramatische Weise ums Leben, weil sie die Insel, auf der sie landen soll, wegen einer Wolke verpasst. So kann sie keinen Treibstoff mehr tanken. Sie stirbt, ihr Weltrekordversuch, die Erde am Äquator zu umrunden, bleibt ein Traum. In einer anderen Episode bricht eine Gruppe Kiffer zu einem Angeltrip auf und findet während eines Sturms nicht wieder zurück. Erst Jahre später findet man ihr Boot wieder, es ist tausende Kilometer weiter getrieben.

"Atlas der abgelegenen Inseln" am Theater Waidspeicher
In einer Szene kommt eine zweite Puppe dazu - die der ersten aufs Haar gleicht. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Besonders in dieser Inszenierung ist, dass die Flugpionierin Earhart von der gleichen Puppe dargestellt wird wie die Figur des Vogeljägers oder des Kiffers. Mal ist sie also Frau, mal Mann, mal Tier. Eine Herausforderung für die drei Spieler – sie können ihre Figur im Laufe des Stücks nicht immer weiter entwickeln, sondern müssen sich alle paar Minuten auf eine völlig neue Situation einlassen. Die Aufgabe sei, in kurzer Zeit die entscheidende dramatische Geste herauszukristallisieren, sagt Puppenspieler Heinrich Bennke: "Wo kann ich irgendetwas für mich selber bauen, so dass ich einen Background für die Figur habe und ein Gefühl für die Szenen bekomme? Was kann ich prägnantes finden, wie ist die Szene aufgebaut?"

Ist das Paradies wirklich ein Paradies?

Die Texte in der Erfurter Inszenierung wurden nicht dialogisiert, sondern halten sich weitgehend an Judith Schalanskys literarische Vorlage. So bleibt die Sprache so ansprechend wie im Buch: schnörkellos, trocken, teils absurd, teils abgründig. Regisseur Christian Georg Fuchs sagt, ihn fasziniere, dass Schalanskys Texte meist einen feinen, bitteren Nachgeschmack hätten, "so dass man eigentlich auf jeder Insel das kleine Menschendrama erlebt. Schalansky zeigt uns, dass wir eben nicht dazu geschaffen sind, uns paradiesisch zu verhalten und paradiesisch zu leben."

Viele Geschichten im Buch wie auch im Stück handeln denn auch vom Scheitern – vom Verletztwerden, Sterben oder Verschwinden. Aber natürlich gibt es auch Lichtblicke. Und diese regen sofort zum Träumen an ...

Informationen zum Stück "Der Atlas der abgelegenen Inseln"

Regie: Christian Georg Fuchs
Puppen: Peter Lutz
Spieler: Heinrich Bennke, Paul Günther, Maurice Voß

Puppentheater Waidspeicher
Domplatz 18, 99084 Erfurt

Nächste Aufführungstermine, für die noch Karten verfügbar sind: 28. Februar, 10. & 18. März

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Februar 2020 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2020, 04:00 Uhr