Berlinale-Premiere: "Der junge Karl Marx" "… sich mit Marx jetzt zu beschäftigen, macht durchaus Sinn." (Interview 2017)

In dem Film "Der junge Karl Marx" spielt August Diehl die Hauptrolle. Er ist mit MDR KULTUR-Filmkritiker Lars Meyer im Gespräch über seinem persönlichen Zugang zu der Rolle - und dazu, wieviel Marx er vorher gelesen hat.

Auf der Berlinale hat der Film "Der junge Karl Marx" Premiere. Gedreht wurde die deutsch-belgisch-französischen Koproduktion in Görlitz. Regie führte der Haitianer Raoul Peck, der für seinen Film "I Am Not Your Negro" 2016 eine Oscar-Nominierung erhielt.

Betrachtet wird in "Der junge Karl Marx" die Zeit des Pariser Exils, in dem der 26-jährige Karl mit seiner Frau Jenny lebt. In permanenter Geldnot fristet er ein Dasein in Existenzangst - und lernt dabei Friedrich Engels kennen, den Sohn eines Fabrikbesitzers. Marx geht zunächst auf Distanz, doch als sie ähnliche Interessen für die Lage der unterdrückten Klassen entdecken, beginnt eine Freundschaft. Sie wollen die Welt verändern - von Grund auf.

MDR KULTUR-Filmexperte Lars Meyer hat mit August Diehl gesprochen, der in dem Film Karl Marx spielt:

Herr Diehl, haben sie sich je erträumt, einmal Karl Marx zu spielen?

Nein, das war nie in meinem Kopf. Ich habe sowieso Manschetten davor - vor Biopics im Generellen, aber vor allem auch Ikonen, von denen jeder ein Bild hat. Der Mann mit dem Bart. Das war erst mal so: Oh Gott - ich? Ich sehe doch nicht mal annähernd so aus wie Karl Marx! Und dann vergisst man aber, wenn man anfängt sich damit zu beschäftigen, dass man eigentlich gar keine Ahnung hat, weil der auch mal jung war und nicht immer so aussah, wie wir ihn von einem einzigen Bild her kennen.

Was hat Sie denn letztendlich überzeugt, mitzuspielen?

Raouls Ansatz hat mich sehr fasziniert. Das finde ich toll, nur einen Lebensausschnitt zu zeigen und nicht ein ganzes Epos zu erzählen. Sondern: der junge Karl Marx, nämlich der revolutionäre Karl Marx, der noch am Anfang steht. Und ich mochte das Drehbuch, mochte die Freundschaftsgeschichte darin, fand die Dialoge gut. Aber auch natürlich die Beharrlichkeit von Raoul, der immer wieder kam und immer wieder gefragt hat.

Stefan Konarske, der Darsteller von Friedrich Engels, sagte, sie hätten sich zur Vorbereitung mit dem Regisseur Raoul Peck in einem Hotel in Brüssel getroffen. Auch um abzugleichen, wer was gelesen hat. Haben Sie sich durch Marx' sämtliche Werke gegraben?

Nein, ich habe "Das Kapital", glaube ich, zu einem Drittel gelesen, ich habe das "Manifest" gelesen, und was ich vor allem gelesen habe, sind die Briefwechsel zwischen Karl Marx, Jenny Marx und Friedrich Engels. Und die haben sehr geholfen, weil man dort, im Gegensatz zu seinen großen Werken, die nicht so viel von seiner Persönlichkeit zeigen, Marx sehr nahe kommt und merkt, was das für ein Mensch war, der sehr früh schon unter finanziellen Nöten litt, der gespottet hat, der über Leute herzog, der ungeduldig war, der auch das Leben genießen wollte, der geliebt hat. Seine Frau geliebt hat. Oder auch seine ganz jungen Sachen, wo er sogar mal versucht hat, Gedichte zu schreiben und später darüber gesagt hat: Alles was ich "dichte", ist eher "breiten". (Lacht vergnügt.) Also er hatte durchaus auch so einen Humor. Und er hatte was Draufgängerisches.

Im Film ist er ja ständig pleite.

Es ist schon eine kleine Pointe der Geschichte, und ich finde das durchaus sympathisch, dass der wahrscheinlich größte Kenner des Kapitalismus jemand war, der so unglaublich gar nicht mit Geld umgehen konnte. Aber das zeigt auch sehr, sehr viel über seinen Charakter, wie er im Großen und Ganzen den Überblick hatte, aber manchmal einfach wochenlang Schwierigkeiten, seine Familie zu ernähren.

Sind denn für Sie die Lebensumstände im Film sein größter Kampf?

Die Lebensumstände waren sicher ein großer Kampf, aber auch die Nöte in der Emigration, dauernd verjagt zu werden. Aber das Lustige ist, und das war ja nicht nur bei Karl Marx so, sondern später in der Sowjetunion oder überhaupt bei den Sozialisten: Die stärksten Probleme, die Marx hatte, waren eigentlich seine Waffenbrüder oder die anderen Linken. Überhaupt die ganzen linken Bewegungen bis heute, die brauchen, hat man manchmal den Eindruck, gar keinen äußeren Feind, weil die sich die ganze Zeit so wahnsinnig gegenseitig das Bein stellen. Und was für Kämpfe Karl Marx hatte gegen all diese Leute, (Wilhelm) Weitling, der eigentlich auf seiner Seite war, (Pierre-Joseph) Proudhon, der auch auf seiner Seite war - alles Kommunisten, die sogar noch vor ihm gekämpft haben. In unserem Film zumindest ist das einer seiner ganz großen Kämpfe, dass er versucht, dem Proletariat eine theoretische Grundlage zu geben, worauf eine Revolution dann fußen kann.

Wie würden Sie sein Verhältnis zum Freund und Kollegen Engels beschreiben?

Ich glaube, das Erste was Marx an Engels interessiert hat, neben seiner Intelligenz natürlich, war der Umstand, dass Engels sich problemlos in allen Schichten bewegen konnte, sowohl mit dem Proletariat reden konnte, als auch in den höchsten Bourgeoisiekreisen ein- und ausging, weil er nämlich aus solchen Verhältnissen kam, sein Vater war ja ein reicher Mann. Und ich glaube, dieses Schillernde und Unverschämte von Engels hat Marx sehr angezogen. Und das hat die Geschichte ja auch bewiesen, dass es eine gute Balance gab zwischen den zwei Männern. Marx war manchmal auch sehr ungeschickt im Umgang mit Menschen. Und da konnte ihm, glaube ich, Engels sehr helfen.

Wenn man auf frühere Rollen schaut, dann fällt auf, dass Sie öfter junge, kompromisslose Männer mit großen Ideen gespielt haben, teils idealistische Romantiker wie in "Was nützt die Liebe in Gedanken", teils auch Paranoiker wie in "23". Wie passt für Sie die Marx-Rolle dazu?

Für mich war das eine völlig andere Kategorie als viele Figuren, die ich vorher gespielt habe, weil Marx nichts Paranoides oder Dämonisches hat. Was mich bei Marx interessiert, ist auch - und das hört sich erst mal so langweilig an - dass er ein Familienvater war, dass er für eine Familie zu sorgen hatte, dass er sehr praktisch war. Letztendlich sieht man schon bei meinen Filmen, dass es doch komischerweise unbewusst einen roten Faden gibt zwischen diesen Figuren. Aber wenn ich so eine Arbeit mache, dann habe ich die anderen Figuren überhaupt nicht im Kopf.

Wir treffen uns hier in einem Hotel am Bebelplatz. Gleich gegenüber wird das alte Stadtschloss wieder errichtet. Empfinden sie die jetzige Zeit als eine Zeit der Restauration?

Ich empfinde ganz stark, dass wir in einer Zeit leben, wo das, was Marx vorhergesagt hat über den Kapitalismus, anfängt zu passieren, denn er hat gesagt, der wird sich über Jahrhunderte halten, weil er sich selbst immer wieder regeneriert. Aber wenn, wie bei einem Virus oder bei einem Krebsgeschwür, der Körper nichts mehr hat, was er geben kann, sprich die Rohstoffe, wenn die sich langsam dem Ende zuneigen, dann wackelt der Kapitalismus und es fängt an, überall Explosionen zu geben. In der Zeit seit 2008 ist uns das ja bewusst geworden, dass auch der Kapitalismus ein System ist, das durchaus seine Tücken hat. Insofern denke ich, obwohl ich ja gar kein großer Freund davon bin, dass ein Film unbedingt aktuell sein muss, ist da natürlich was Aktuelles drin, und sich mit Marx jetzt zu beschäftigen, macht durchaus Sinn.

Insofern ähnelt der junge Marx dann womöglich wieder jungen Menschen heute.

Ja, aber das ist der große Unterschied zu heute, dass die Menschen zu der Zeit damals sich zwar auch ein bisschen wie in einer Zeitenwende gefühlt haben, aber trotzdem was getan haben. Und das ist eigentlich das Schönste, finde ich, an Karl Marx und an dem Film. Was mich am meisten beschäftigt hat ist, dass man als Einzelner die Gewissheit haben kann, die gesamte Welt zu verändern. Und das hatte er. Und er wurde natürlich auch von anderen Leuten getragen, die das in ihm gesehen habe, nicht nur Friedrich Engels, sondern vor allem auch seine Frau.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch: im Radio | 13.02.2017 | 08:10 Uhr