Zum Filmstart von "Ein verborgenes Leben" August Diehl: Warum Nein-Sagen die Welt verändern kann

"Ein verborgenes Leben" führt der österreichische Bergbauer Franz Jägerstätter mit seiner Familie, eins mit sich, der Natur und tief verwurzelt im Glauben. Seine Welt zerbricht, als der Nazi-Ungeist in die Dorfidylle einbricht und er die Einberufung verweigert. US-Starregisseur Terrence Malick entreißt die verbürgte Geschichte jetzt dem Vergessen. August Diehl spielt Franz Jägerstätter und erklärt im Interview, warum sie so gut in unsere Zeit passt.

Schauspieler August Diehl im Gespräch
Der Schauspieler August Diehl beim Gespräch für das MDR KULTUR-Magazin "artour" Bildrechte: artour / MDR FERNSEHEN

MDR KULTUR: Der Film von Regisseur Terrence Malick ist auch ein bildgewaltiges Epos, die oberösterreichische Landschaft wirkt paradiesisch. Aber wie sah das Leben eigentlich aus, dass der Bergbauer Franz Jägerstätter mit seiner Frau führte, wovon ist es geprägt?

August Diehl: Es war ein sehr einfaches Leben. Was besonders war an diesem Paar, war die Liebe, die Franz und Fani Jägerstätter auch offen zeigten. Sie waren ein Bauernpaar, das auch auf dem Acker die Hände gehalten hat. Das war unüblich, denn damals wurde man verheiratet. Eine Liebesheirat war sehr selten. Ihr Leben war hart, aber es hatte einen Frieden und eine Stimmigkeit. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stellte das alles in Frage.

Alles, was ich sage, sage ich über die Figur im Film, nicht über den echten Franz Jägerstätter. Denn was weiß ich schon? Auch wenn ich viel recherchiert habe und der Spielfilm auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film, das ist die Sicht von Terrence Malick, von mir, von Valerie, von Jörg Widmer. Wenn ich also jetzt über Franz Jägerstätter rede, ist das mein Franz Jägerstätter und nicht die wirkliche historische Figur.

Ich habe inzwischen eine Reihe historischer Personen gespielt und nach der Recherche ist es immer der aufregendste Moment, den Punkt zu finden, wo sich die Figur mit mir vermischt. Das ist das, was für mich auch am Beruf des Schauspielers das Aufregendste ist. Aber auch als Zuschauer.

Wie bricht diese heile Welt zusammen?

Stufenweise. Zunächst ist da bei Franz Jägerstätter ein Gefühl, dass etwas falsch ist. Bei den meisten Menschen läuft es ja so: Sie finden, etwas fühlt sich falsch an, irgendwann ignorieren sie das mit dem Argument, alle anderen machen das doch auch. Er bleibt dabei, den Eid auf Hitler, die Einberufung und damit das Töten zu verweigern. Aus dem Gefühl wird eine Entscheidung und das Beharren darauf, was wohl das Allerschwerste ist, weil es sehr viele Gegenargumente gibt. Nämlich die privaten Konsequenzen für sich und seine Familie. Im Nachhinein erklärt man so jemanden zum Helden, aber in dem Moment, in dem er dadurch geht, da hat er gar kein Bewusstsein davon. Franz Jägerstätter war unglaublich allein. Die einzige, die bei ihm war, war seine Frau.

Er war ja kein Widerstandskämpfer wie die Geschwister Scholl oder andere, er kann sich einfach nicht anders entscheiden, er kommt dazu fast aus einer Passivität heraus, aus einer Verneinung, auch aus einer Einfachheit – nicht im negativen Sinne. Das so zu zeigen, war Terrence sehr wichtig. Und da sehe ich auch die Brücke in unsere Zeit, in der wir alle gern das gleiche "Ja!" rufen. Wir benutzen alle die gleichen Kommunikationsmittel. Wir werden immer ähnlicher. Noch in der Generation meiner Eltern war es etwas Attraktives zu sagen: Nein, ich nicht. Ich bin anders. Das geht verloren. Deswegen kommt der Film zur richtigen Zeit.

Der Film erzählt für mich nicht in erster Linie von einem religiösen Menschen, der Franz Jägerstätter auch war, sondern von jemandem, der ein Gewissen hat und ganz genau sehen kann, wie ein Kind, was richtig ist und was falsch. Kein Kind würde wohl diskutieren, ob es richtig oder falsch ist, einen Menschen zu töten. Das machen nur Erwachsene. Aus dieser Einfachheit und Sturheit eines Bauern kommt sein "Nein!", obwohl es ein so großes Opfer bedeutet. Das ist das, was mich interessiert an dieser Geschichte: Zu sehen, ein einfaches Nein kann die Welt, wenn schon nicht aus den Angeln heben, zumindest kann es Sand in deren sehr geöltes Getriebe streuen. Wenn ein Mensch darin "Nein!" sagt, da knirscht es, und darum geht es in dieser Geschichte auch.

Es knirscht nicht nur, die Reaktionen selbst aus der Dorfgemeinschaft sind sehr aggressiv ...

Film, Filmbild, Ein verborgenes Leben
Tobias Moretti (rechts) als Pfarrer in "Ein verborgenes Leben" Bildrechte: Pandorafilm

Das ist doch immer so. Wenn vier von fünf Leuten aufspringen und sagen: "Das machen wir so!", und einer bleibt sitzen, das macht die Leute aggressiv. Die fragen ihn: Warum? Oder: Glaubst du, du bist der Einzige, der weiß, was richtig ist? Jägerstätters Nein löst eine ganze Kette von Ereignissen und Reaktionen aus, die vor allem seine Frau auffangen muss.

Es gibt ja Leute, die versuchen, ihn umzustimmen, mit Argumenten wie "Du änderst dadurch die Welt nicht" und dem Verweis auf die Konsequenzen.

Film, Filmbild, Ein verborgenes Leben
Bruno Ganz (rechts) in seiner letzten Rolle als Militärrichter. Bildrechte: Pandorafilm

Ich finde das durchaus diskutabel, denn er lässt ja seine Frau und seine Kinder zurück. Man kann sagen, das ist schwierig. Vielleicht dachte er sich aber, wenn ich (als Soldat) einen anderen Menschen töten muss, wie kann ich dann meinen Kindern jemals wieder in die Augen gucken? Außerdem habe ich bereits ein Bekenntnis geleistet: zu Gott. Ein Eid auf Hitler ließ sich damit für ihn nicht vereinbaren. Seine Haltung fasziniert mich, denn sie hat was Unumstößliches, Klares und daraus kommt, glaube ich, die Kraft dieses Films: Zu zeigen, dass ein einfaches "Nein, ich nicht" etwas bei den anderen auslöst.

Als Zuschauer ist man allerdings hin- und hergerissen.

Das sollte man auch, denn es ist kein Film über jemanden, der Recht hat. Ich finde auch nicht, dass man alle anderen, die in den Krieg gezogen sind, ohne unbedingt Nazi zu sein, verurteilen kann. Franz Jägerstätters Verhalten ist diskutabel, aber auch unglaublich stark, es zeigt, dass ein Nein-Sager mehr bewirkt als ein Ja-Sager. Das bleibt.

Es hat sehr lange gedauert, bis man ihn rehabilitierte und der Papst ihn schließlich zum Märtyrer erklärte.

Ja, er wurde sehr lange wie ein Verrückter oder als bloßer Sturkopf aus seinem Dorf dargestellt. Auch die Rolle der Katholischen Kirche in dieser Sache war ja sehr fragwürdig. Irgendwann kam man vielleicht nicht mehr drumherum. Er hat ja irgendwie etwas beinah Heiliges, was auch immer das ist.

Der Film erzählt auch eine große Liebesgeschichte, sagten Sie am Anfang. Wie würden sie das Verhältnis zwischen Franz und Fani Jägerstätter beschreiben?

Ich glaube, dass es eine ganz große Liebe war zwischen den beiden, die durch diesen Konflikt noch mal stärker wurde. Wie übrigens auch sein Glaube. Ich denke, das ist so, dass durch Konflikte bestimmte Dinge noch klarer zu Tage treten. Als seine Frau gefragt wurde, warum sie ihn nicht umstimme oder noch zu ihm halte, sagt sie: Wenn ich nicht bei ihm bin, wer ist es denn dann? Neben all dem Politischen ist "Ein verborgenes Leben" auch ein ganz starker Liebesfilm.

Der Film geht aus von einer historischen Begebenheit, wirkt aber ganz heutig. Woran liegt das, glauben Sie?

Wir realisieren gar nicht, wie einfach es wäre, die Welt zu verändern, wenn wir bei bestimmten Sachen nicht mitmachen. Davon erzählt der Film. Ein Einzelner sagt: Nein. Und auf einmal knirscht alles. Das ist ja das Seltsame, dass eigentlich das wirklich zutiefst Private und Persönliche, wenn es wirklich gelebt wird, die größte politische Kraft hat. Auch wenn die Geschichte in den 40er-Jahren spielte, sehe ich eine große Brücke zu der Welt, in der wir jetzt leben. Ich glaube, was wir heute bräuchten, wäre eine Menge Sand für die so gut geölte Maschinerie, die unsere Welt antreibt.

Der Film erzählt eine Liebesgeschichte und vom Nein-Sagen, aber am Anfang auch vom Zuhausesein in einem Dorf, die Landschaft spielt eine große Rolle. Ist "Ein verborgenes Leben" in gewisser Weise auch ein Heimatfilm?

Ich mag das Genre sehr, trotzdem klingt Heimatfilm ja immer noch sehr nach "Blut und Boden". Das Interessante an dem Film ist vielleicht auch, dass er zeigt, dass der Boden, der einen ernährt, im Zyklus der Jahreszeiten, die eigentliche "Maschinerie" ist, das, worauf es ankommt. Alles andere ist eine künstlich erdachte, vom Menschen gesetzte Sache, der man nicht unbedingt dienen muss.

Das Interview führte Ulrike Reiß für MDR KULTUR.

Über den Film und Franz Jägerstätters Geschichte Der Bergbauer aus der oberösterreichischen Gemeinde Sankt Radegund verweigerte den Eid auf Hitler aus seiner christlichen Überzeugung heraus. Er nahm die Konsequenzen in Kauf: Wegen "Wehrkraftzersetzung" wurde Franz Jägerstätter am 9. August 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Er hinterließ seine Frau und drei kleine Kinder. Erst spät wurde er rehabilitiert und 2007 als um seines Glaubens willen verfolgter Märtyrer seliggesprochen.

Beim Filmfestival in Cannes erhielt das bildgewaltige, dreistündige Werk von US-Starregisseur Terrence Malick den Preis der Ökumenischen Jury. August Diehl und Valerie Pachner spielen die Eheleute Jägerstätter. Außerdem ist Bruno Ganz in seiner letzten Rolle zu sehen: als Militärrichter, der Jägerstätter zum Tod verurteilt. Die Ökumenische Jury lobte die differenzierte Darstellung des menschlichen Dramas. Der Film vermittle eine Ahnung davon, was es bedeute, der inneren Richtschnur im Extremfall zu folgen und keine Rücksicht auf private Konsequenzen zu nehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 30. Januar 2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2020, 04:00 Uhr

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