Drei Personen sitzen auf einem Modell des von Walter Gropius entwickelten Bauhaus Lehrschemas.
Jugendliche sitzen auf einem Modell des von Walter Gropius entwickelten Bauhaus-Lehrschemas - in der Schau "Bauhaus_Sachsen" im Grassi Museum Leipzig Bildrechte: dpa

Grassimuseum Leipzig Ausstellung zeigt Bauhaus-Verbindungen nach Sachsen

Das Bauhaus wird vor allem mit Dessau, Weimar und Berlin verbunden. Die Bezüge zu Sachsen sind kaum bekannt – dabei gingen viele wichtige Bauhaus-Entwürfe in sächsischen Betrieben erstmals in Serie. Die neue Ausstellung "Bauhaus_Sachsen" im Leipziger Grassimuseum für Angewandte Kunst zeigt, wie sehr das Bauhaus auch darüber hinaus mit Sachsen verbunden war.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Drei Personen sitzen auf einem Modell des von Walter Gropius entwickelten Bauhaus Lehrschemas.
Jugendliche sitzen auf einem Modell des von Walter Gropius entwickelten Bauhaus-Lehrschemas - in der Schau "Bauhaus_Sachsen" im Grassi Museum Leipzig Bildrechte: dpa

Wer sich versichern will, warum er sich durch eine grundsätzliche Ausstellung zum Bauhaus in Sachsen arbeiten will, der sollte die Schau zunächst durchqueren. Am Ende des ersten Teils tut sich dann der Gartensaal des Grassimuseums auf: Licht in Übermaß fällt durch die Fensterfronten zu beiden Seiten auf auratische Bauhaus-Originale im Kontext von zeitgenössischer Kunst: Diverse Freischwinger, Stahlrohrstühle, Clubsessel, gern mit Rohrgeflecht, werden gezeigt, Bauhauskeramik, aber auch die reinweißen Service und Vasen von Marguerite Friedlaender, Teekannen aus Silber aber auch aus Glas, dazwischen Wandteppiche aus der Bauhausweberei.

Ausstellung im Grassi: "Bauhaus_Sachsen"
In der Ausstellung zu sehen: Ein Mokkaservice von Marguerite Friedlaender-Wildenhain aus dem Jahr 1930. Bildrechte: Esther Hoyer

Hinter allem, auf der rückliegenden Wand, ergänzt eine großformatige Schwarz-Weiß-Fotoserie von Joachim Brohm, Leipziger Fotografie-Professor, diesen idealen Grassi-Bauhaus-Salon mit einer Hommage an die Licht und Raum betonende Architektur Mies van der Rohes, demonstriert, dass ein karger Pavillon, in stille Landschaft gesetzt, diese umso malerischer erscheinen lässt, durch die großen Glasfassaden.

Bauhaus-Künstler stellten in Leipzig aus

Alle Exponate haben einen Bezug zu Sachsen, betont Olaf Thormann, Direktor des Grassimuseums für Angewandte Kunst – übrigens nicht zuletzt durch die Grassimesse, die im frühen 20. Jahrhundert Arbeiten von Bauhaus-Künstlern ausstellte: "Die Grassimesse ist ein zentraler Ort für die Wahrnehmung des Bauhauses außerhalb von Weimar und Dessau. Hier fanden sich die Ideengeber, die Aussteller und die Kunden zusammen. Aber auf der Mustermesse in den Messehäusern, manchmal sogar parallel", erklärt Thormann.

So seien etwa die berühmten Tisch-Leuchten von Wagenfeld und Jucker parallel auf der Grassimesse und im Elektrogerätemessehaus Grönländer erstmals präsentiert worden.

Von den rund 1.500 Künstlern des Bauhauses sind ungefähr 250 bis 300 mit Sachsen verbunden. Die Bauhäusler fanden in der leistungsstarken sächsischen Textil-, Leuchten- und Möbelindustrie ideale Partner. Wichtige Bauhausentwürfe wurden erstmals in Serie gefertigt und fanden so ihre Verbreitung.

Leipzig wäre fast zum Bauhaus-Standort geworden

Dr. Olaf Thormann, Direktor Grassi-Museum Leipzig
Olaf Thormann, Direktor des Grassimuseums für Angewandte Kunst Leipzig Bildrechte: Dr. Olaf Thormann

Zudem wäre Leipzig, nach der Schließung des Dessauer Bauhauses, beinahe der dritte Standort der berühmten Kunstschule geworden, sagt Museumsdirektor Thormann. 1932 habe es Verhandlungen des Messedirektors Rudolf Stegemann mit Ludwig Mies van der Rohe über einen Umzug des Bauhauses nach Leipzig gegeben: "Und dieser Stegemann als Messedirektor, der hatte eben ein explizites Interesse am Bauhaus, nicht aus einem Altruismus heraus, sondern weil er eben sah: Architekten wie Gropius oder van der Rohe haben eben auf der Leipziger Messe fulminante Messestände gestaltet, und das hat eben die Beziehung des Bauhauses zur Wirtschaft, zur Industrie klargemacht."

Bereits 1924 begannen die Kooperationen mit der sächsischen Textilindustrie. Stoff-Entwürfe von Bauhauskünstlern realisierte etwa erstmals die Mechanische Weberei Wilhelm Vogel in Chemnitz und Lunzenau, 1928 kommt schließlich in Leipzig-Leutzsch eine der führenden europäischen Lampenbaufirmen, die Firma Kandem, hinzu. Gut 50.000 Leuchten, deren Entwürfe unter der Mitarbeit des Bauhauses entstanden, produzierte Kandem bis 1931.

Jahrelange Recherchen für die Ausstellung

Eine Bühnenbildfigur (1930) von Erich Mende, die von Thomas Moecker nachgestaltet wurde, ist während einer Vorbesichtigung im Grassi Museum für Angewandte Kunst in der Ausstellung 'Bauhaus Sachsen' zu sehen.
Eine Bühnenbildfigur (1930) von Erich Mende, die von Thomas Moecker nachgestaltet wurde, ist während einer Vorbesichtigung im Grassi Museum für Angewandte Kunst in der Ausstellung "Bauhaus_Sachsen" zu sehen. Bildrechte: dpa

Selbst in Weißwasser und Seifhennersdorf setzte die ansässige Industrie Bauhaus-Entwürfe um. Davon erzählt die Schau im Grassi in ihrem Hauptteil. Lange, seit 2002, hat Kurator Olaf Thormann recherchiert, was sich auch in dem umfangreichen Katalog niederschlägt, über 500 Seiten stark, an dem 50 Autoren und Autorinnen mitgewirkt haben – ein Standardwerk ist entstanden.

Die Schau bemüht sich, das viele Wissen didaktisch aufzuarbeiten. So formt man etwa in einem Kabinett mit Original-Drucken jene berühmte Ausstellung der Bauhausmeister in Dresden von 1920 nach. Künstlerische Interventionen in der Schau versuchen, die Idee vom hehren Bauhaus zu erden, auf dass die Besucher nicht allzu romantisch glotzen.

Bauhaus-Nachahmer

Wie Olaf Thormann hinzufügt, werden neben den gesicherten Bauhaus-Objekten auch solche gezeigt, die den Mythos der Schule fortspinnen: "Das sind Werke, die, teils mit unbekannten Autoren, den Wunsch in sich tragen, auch Bauhaus sein zu wollen." Auch das thematisiert die Schau und zeigt eine leicht monströse Wiege, die sich am Bauhaus-Vorbild von Peter Keler orientiert.

Heute sind Bauhausmöbel Insignien eines teuren Lebensstils. Ihre ursprüngliche Intention, modernes Design für alle zu sein, ist nahezu ausgelöscht. Mit Ironie hinterfragen Künstler und Designer die Bauhaus-Entwürfe bereits seit den 80er-Jahren. Etwas, dass sich auch die Schau im Grassimuseum zu eigen gemacht hat, während sie die reiche, teils wenig bekannte Wirkungsgeschichte des Bauhauses in Sachsen erzählt.

Angaben zur Ausstellung "Bauhaus_Sachsen"
Sonderschau im Grassimuseum für Angewandte Kunst Leipzig
Geöffnet bis zum 20. September 2019

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. April 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 08:40 Uhr

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