Im Stadtmuseum Gera Geliebt und gehasst: Ausstellung zeigt DDR-Groschenhefte

Um der West-Konkurrenz nicht das Feld zu überlassen, produzierte die DDR ab den 50er-Jahren eigene Groschenhefte. Die "Erzählerreihe" oder "Blaulicht" erreichten ein Millionenpublikum – eine neue Schau in Gera beleuchtet nun diesen Aspekt der damaligen Alltagskultur.

Kurator Matthias Wagner zeigt eine Auswahl an Groschenheften  beim Pressegespräch zur Ausstellung "Geliebt, gehasst, geduldet - Groschenhefte in der DDR".
Matthias Wagner hat die Ausstellung kuratiert. Bildrechte: dpa

Die Geschichte der DDR-Groschenhefte beginnt Mitte der 50er-Jahre. Der junge Staat befindet sich im Aufbau, aber nach Ansicht der SED-Parteiführung droht Schundliteratur den Gründergeist zu beschädigen: Es sind Groschenromane aus dem Westen, die in Massen über die Grenze geholt werden und hier gerne und viel gelesen werden. In den Heften geht es hauptsächlich um Kriegsgeschichten – aber eben nicht auf sozialistisch genehme Weise.

Können Groschenhefte Schaden anrichten?

Groschenhhefte
Die Krimi-Reihe "Blaulicht" wurde von 1958 bis 1990 herausgebracht. Bildrechte: Matthias Wagner, Stadtmuseum Gera

Zunächst versucht man es mit Abschreckung und kämpft mit Zeitungsartikeln, Filmen und gar Bücherverbrennungen gegen den vermeintlich schädlichen Einfluss der Trivialliteratur an. "Weil das aber nicht viel bringt, entscheidet man sich dann, den Feind mit den eigenen Waffen zu schlagen", erklärt Kurator Matthias Wagner vom Stadtmuseum Gera. "So bringen verschiedene Verlage nun eigene Groschenhefte heraus, die Reihen schießen wie Pilze aus dem Boden." Thematisch herrscht große Vielfalt, vom Science-Fiction-Roman über die Historienschmonzette bis hin zum Krimi gibt es alles für 25 bis 35 Pfennig zu kaufen, nur der Bereich Liebe und Erotik bleibt weitgehend ausgespart.

Geschichten auf Linie

Während Hefte aus den 50ern noch ziemlich plump ideologisch daherkommen, geht es später ums actionreich geschriebene Abenteuer, in dem die sozialistischen Werte eher durch die Hintertür präsentiert werden. Wie im Heft "Stärker als der Ozean", das in der Ausstellung näher vorgestellt wird. In der Geschichte werden vier Sowjet-Soldaten mit ihrem Boot auf den Ozean getrieben. Sie haben Hunger und Durst, müssen sogar ihre Schuhsohlen essen, bis sie von einem US-Flugzeugträger gerettet und nach San Francisco gebracht werden. "Dort sind sie dann die Sensation und werden gefragt – wie konntet ihr überleben, wie habt ihr das geschafft?", erzählt Wagner, "Und die Soldaten sagen dann immer – wir sind doch nur vier normale Sowjetsoldaten, das hätte jeder andere Sowjetsoldat genauso gemacht, wir haben zusammengehalten, wie wir es im Komsomol gelernt haben."

Wieviel Arbeit es war, jeden einzelnen Text ideologisch wasserdicht zu machen, zeigt ein Briefwechsel, der in der auch Ausstellung gezeigt wird. Ein Geraer Autor, der zum ersten Mal ein Manuskript abliefern soll, bekommt von seiner Lektorin immer neue Anregungen und Hinweise: Sie regt beispielsweise an, dass der italienische Protagonist doch besser der Kommunistischen und nicht der Sozialistischen Partei angehören solle. Nichts wird hier dem Zufall überlassen.

Nicht ganz so trivial wie im Westen

Groschenhefte liegen in einer Ausstellungsvitrine, aufgenommen im Rahmen eines Pressegesprächs zur Ausstellung "Geliebt, gehasst, geduldet - Groschenhefte in der DDR".
Fast alle Hefte in der Ausstellung stammen von einem privaten Sammler aus Sachsen. Bildrechte: dpa

Dutzende Autorinnen und Autoren schrieben für die Hefte, den meisten blieb großer Ruhm verwehrt. Und doch finden sich hier immer wieder auch bekannte Namen, zu Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn verdiente Erich Loest etwa Geld mit Kriegsgeschichten im Groschenformat. Zudem wurden Kurzgeschichten internationaler Autoren auf diese Weise verlegt, Rudyard Kipling findet sich hier, John Steinbeck und Arthur Conan Doyle sind vertreten.

Auch die Bilder und Grafiken in den Heften stammten teilweise von namhaften Künstlern – und die Ausstellung, in der insgesamt rund 300 Heftcover zu bewundern sind, ist vor allem deswegen sehenswert. So kann man etwa an Heftcovern aus verschiedenen Jahrzehnten gut erkennen, wie sich Design und Schriften veränderten. "Aus den Science-Fiction-Titelbildern kann man außerdem ablesen, wie sich unsere Vorstellungen von Zukunft verändert haben", sagt Kurator Wagner. "Es gibt zum Beispiel ein Heft, auf dem fliegt der Kosmonaut wahrscheinlich zu den Sternen, und in der Hand trägt er dabei einen Federhalter und einen Notizblock. Das ist schon amüsant!"

Was fürs Auge

Groschenhhefte
Bunte Heft-Cover aus verschiedenen Jahrzehnten. Bildrechte: Matthias Wagner, Stadtmuseum Gera

Die Ausstellung punktet mit diesen visuellen Eindrücken, und auch die Texttafeln geben einen kompakten und interessanten Einblick in das wissenschaftlich noch weitegehend unbearbeitete Thema. Was dagegen leider fehlt, ist die Möglichkeit, in die Texte hinein zu lesen – coronabedingt konnten keine Hefte zum Schmökern ausgelegt werden, und auch in den Vitrinen werden fast keine Blicke in die Geschichten ermöglicht. Um ein wirklich vollständiges Bild zu erhalten, lohnt sich deswegen nach dem Museumsbesuch vielleicht ein Klick auf die gängigen Online-Kleinanzeigenportale. Dort werden viele Einzelhefte und auch ganze Jahrgänge der DDR-Groschenhefte angeboten – allerdings manchmal zu ziemlich stolzen Preisen.

„Geliebt, gehasst, geduldet – Groschenhefte in der DDR“ Sonderausstellung im Stadtmuseum Gera
10. Juni – 18. Oktober 2020
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen 12 bis 17 Uhr
Eintrittspreise: Normalpreis 5 Euro, ermäßigt 3 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juni 2020 | 07:10 Uhr