Seit 25 Jahren: Biografiegespräche auf Gut Gödelitz bei Döbeln Warum Axel Schmidt-Gödelitz Ost und West ins Gespräch bringt

Menschen aus Ost- und West erzählen sich von ihren Leben, einmal im Monat auf Gut Gödelitz bei Döbeln. Wie diese Biografiegespräche entstanden und was sie bringen, erklärt Organisator Axel Schmidt-Gödelitz bei MDR KULTUR. Als Journalist und in diplomatischen Diensten sah er viel von der Welt, bevor er nach der Wende auf das Gut zurückkehrte, das seine Familie mit der Bodenreform 1945 verlassen musste. Ins Gespräch kommen und einander zuhören – nur so sei eine Gesellschaft friedensfähig, sagt er.

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Axel Schmidt-Gödelitz Bildrechte: Mareike Wiemann/MDR

MDR KULTUR - Das Radio Sa 12.01.2019 11:05Uhr 47:57 min

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Fragt man Axel Schmidt-Gödelitz nach seinem Beruf, so muss er kurz nachdenken: "Das ist schwierig. Journalist, Diplomat, Entwicklungshelfer ... aktuell leite ich verschiedene Projekte“. Vielleicht sollte man ihn deswegen besser als Ideenentwickler bezeichnen. Denn seit vielen Jahren verfolgt er einen Gedanken bei all seinen Initiativen: "Mich treibt an, dass wir eine Gesellschaft haben wollen, die nach innen und außen friedensfähig ist".

Ankerpunkt unserer Arbeit ist das Grundgesetz Deutschland.

Axel Schmidt-Gödelitz

Ins Gespräch kommen

Begonnen hat alles 1994. Damals setzte Schmidt-Gödelitz eine Idee des früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse und des Politikprofessors Peter von Oertzen in die Praxis um: Beide hatten kurz nach der Wende öffentlich angeregt, dass sich Menschen aus beiden Teilen Deutschlands  zusammensetzen und sich ihre Biografien erzählen sollten. Nur so könne die erst nach 1989 entdeckte Fremdheit zwischen Ost und West abgebaut werden.

Schmidt-Gödelitz hatte kurz zuvor das Gut seiner Familie nahe Döbeln von der Treuhand zurück gekauft, und begann nun, einmal im Monat Menschen aus Ost und West dorthin zu Biografiegesprächen einzuladen. Ziel war es, Vorurteile bei den Teilnehmern abzubauen und, Toleranz zu üben: Niemand wurde bei den Gesprächen unterbrochen, niemand bewertet oder kritisiert. Es sei vielmehr von Anfang an darum gegangen, sich in den anderen hineinzuversetzen und mit ihm mitzulaufen, erklärt der Initiator im Gespräch mit MDR KULTUR.

Dieser Perspektivwechsel verlangt eine ganze Menge. Aber nur so kann man Friedensfähigkeit lernen.

Axel Schmidt-Gödelitz

Lehrreiche Erfahrungen

Das Interesse an fremden Biografien rührt bei Schmidt-Gödelitz aus der eigenen Geschichte. Als kleines Kind wurde er zusammen mit der Mutter und drei Geschwistern im Zuge der Bodenreform vom heimischen Gut vertrieben – vom neuen Verwalter wurden sie mit den Worten "Verrecken sollt ihr!" verabschiedet. "Dennoch hat meine Mutter diesen Menschen nie für seine Worte verurteilt, sondern mir als Heranwachsendem erklärt: Dieser Mann wurde bestimmt nicht so geboren."

Und noch ein zweites Erlebnis habe sich bei ihm eingeprägt, fügt der 76-Jährige hinzu: Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989. Schmidt-Gödelitz arbeitete damals für die Friedrich-Ebert-Stiftung in der Stadt und war direkt vor Ort.

Ich rannte damals um mein Leben und dachte – das darf in meinem Land nie passieren: dass der Staat seine Bürger umbringt.

Axel Schmidt-Gödelitz

Das "Gödelitzer Biografie-Modell" macht Schule

Die Ost-West-Gespräche sind mittlerweile zum Selbstläufer geworden: Ehemalige Teilnehmer geben ihre Erfahrungen weiter und werben so die nächsten Interessenten. Aufgrund des Erfolgs des Formats gibt es nun auch deutsch-polnische und deutsch-türkeistämmige Biografiegespräche in verschiedenen Bundesländern. Außerdem hat Schmidt-Gödelitz die "Werteakademie für junge Führungseliten" gegründet und lässt im "Gödelitzer Kreis für Demokratie und Rechtsstaat" hochrangige Juristen zusammenkommen. Immer geht es ihm dabei um das eine: um eine Gesellschaft in Frieden.

Zur Person

Axel Schmidt-Gödelitz kam 1942 auf Gut Gödelitz zur Welt. Im Zuge der Bodenreform wurde das Gut enteignet und die Familie flüchtete in den Westen. Nach dem Abitur in Ulm studierte Axel Schmidt-Gödelitz bis 1969 Politologie und Volkswirtschaft an der FU Berlin. Anschließend war er zu wissenschaftlichen Forschungsaufenthalten in Marokko und in Frankreich und arbeitete danach als freier Journalist. 1976 bis 1982 wirkte er als Referent der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin.

Zwischen 1982 und 1986 war Axel Schmidt-Gödelitz Koordinator der Entwicklungsprojekte der Friedrich Ebert-Stiftung in Kairo und Ägypten und zwischen 1986 und 1990 in gleicher Funktion in Peking. Von 1990 bis 1998 leitete er das Berliner Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung, zuletzt als Leiter des Forums Berlin. 1992 hatte Axel Schmidt-Gödelitz im Auftrag der Familie das Gut Gödelitz in Sachsen von der Treuhand gekauft und gründete 1998 ost-west-forum Gut Gödelitz e.V.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft | 12. Januar 2019 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 14:10 Uhr

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