Liberace am Theater Gera
Szene aus "Liberace" am Theater Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

Ballettkritik "Liberace" in Gera: berührend, sensibel und intensiv

Der US-amerikanische Pianist Liberace (1919-1987) war berüchtigt für seine Extravaganz. Das Theater Gera hat sein Leben nun als Ballett auf die Bühne gebracht: "Liberace - Glitzer, Schampus und Chopin". Am Freitag war die Premiere. MDR KULTUR-Kritiker Boris Michael Gruhl hat sie gesehen.

Liberace am Theater Gera
Szene aus "Liberace" am Theater Gera. Bildrechte: Ronny Ristok

MDR KULTUR: Wie bringen Choreografin Silvana Schröder und Bühnenbildnerin Verena Hemmerlein diesen Glitzer, Schampus und Chopin auf die Bühne in Gera?

Boris Michael Gruhl: Wirklich mit Bravour. Das ist dramaturgisch schlüssig. Es glitzert, es flimmert, die Bühnentechnik kommt zum vollen Einsatz, die Drehbühne wandelt die Szene im Augenblick vom Konzertsaal mit diesem euphorisierten Publikum zum Club mit Stars und Stripes, mit Lover-Boys und Adonis-Männern, Show-Girls, männliche Models, Tänzerinnen und Tänzer wechseln ihre Rollen im Nu – das ist atemberaubend.

Vor der Bühne ist ein Wasserbecken, da spiegelt sich das alles, auch der Ort für erotische Bade-Vergnügen. Fünf Tänzerinnen tanzen als weiße Pudel, dieser Liberace liebte ja Hunde, er soll über 50 gehabt haben. Hier inszeniert Silvana Schröder groteske Szenen, in denen man aber sieht, dass er eigentlich die schönen jungen Männer nur liebt, wenn sie so gehorsam nach seine Pfeife tanzen wie die Hunde.

Wie wird Liberace dargestellt, und wie wird man ihm gerecht?

Liberace am Theater Gera
Szene aus "Liberace". Bildrechte: Ronny Ristok

Es gibt drei Liberaces. Da ist dieser alte, vom Verfall gezeichnete, gebrechliche Mann, Peter Werner-Ranke, 65 Jahre alt, Tänzer und Choreograph. Silvana Schröders Vorgänger in Gera. So etwas Berührendes sieht man wohl selten. Und im Monolog macht sich dieser alte Mann nackt und schutzlos, und die teure Robe dann, die soll diese körperliche und seelische Einsamkeit verbergen.

Und da ist der Pianist Olaf Krüger. Er spielt live im Wechsel mit Zuspielungen originaler Aufnahmen von Liberace. Immer anwesend am Flügel, musikalischer Ausdruck – das ist das Kontinuum dieses Abends, über die Worte hinaus, mit unterschiedlichen Stilen und Facetten.

Und da ist Jon Beitia Fernandez als junger Liberace, immer im tänzerischen Dialog mit seinem alten Gegenbild, in seiner Lebens-, Liebes- und Anerkennungssucht, auf der Flucht vor diesem Abbild und dabei in der Tragik gefangen, dass es ihm immer nur um sich geht. Tragischerweise eben auch in der Beziehung zu dem jungen Scott Thorson, um die es im Wesentlichen in diesem Ballett mit biografischen Stationen geht.

Berührend, sensibel choreografiert und getanzt.

MDR KULTUR-Kritiker Boris Michael Gruhl

Eine schwule Liebesgeschichte, erzählt als Ballett – wie weit wagt sich Silvana Schröder da zu gehen?

Sie geht wirklich sehr weit. Aber das kann sie auch. Denn gerade in der Rolle dieses Scott, ein Adoptivkind aus einfachen Verhältnissen, der zunächst dem Glitzer und Reichtum erliegt, vielleicht sogar in diesem Liberace eine Vaterfigur sieht, da kann der Tänzer Filip Kvačák tänzerisch und darstellerisch toll überzeugen.

Zunächst sieht er nämlich ganz bewusst, wie sein Vorgänger entsorgt wird, und in blindem Gehorsam wird er sich einer plastischen Operation unterziehen, um diesem Liberace ähnlich zu sehen. Dass der ihm nun Vater, Bruder, Lover und Freund sein wolle, das will er glauben, es ist aber nicht so. Er wird dann auch entsorgt, da ist ein jüngerer, ein frischerer Typ zur Stelle. Und das war einer der Höhepunkte, da gelingt Silvana Schröder eine grandiose Szene: Liberace im Duett mit dem neuen Geliebten, und Filip Kvačák daneben eine Schattenfigur, der die Bewegungen seines Nachfolgers aufnimmt. So abgrundtiefe Einsamkeit gelingt selten im Theater. Aber der Tanz macht das möglich, insgesamt in einer wunderbaren Musikalität. Und das gilt für die ganze Compagnie.

Und Liebesbeziehungen zwischen Männern im Ballett tanzt man wie?

Ganz normal. Das ist Silvana Schröder gelungen. Die traditionelle Form im Ballett ist der Pas de deux, hier lassen eben Männer Männer schweben in den Hebefiguren, und sie widmet sich gerade diesen Szenen mit sensibler Zuneigung. Es wird nichts ausgestellt. Es ist immer sehr intim. Sie gestattet ein Höchstmaß an Emotion, auch dann, wenn Alina Dogodina als Mutter Liberaces stirbt und ein regelrechtes Totentanz-Solo hat.

Dann bekommt diese Glitzer-Choreografie, die vor dem Kitsch als Kunstform bewusst nicht ausweicht, dann bekommt die auch mal harte Grundierung, um dann im nächsten Moment die Beine zu schwingen, die Show geht weiter, bis in die Einsamkeit, wenn das Liebesbett zum Totenbett wird und Liberace, um für sich versöhnt zu sterben, nach diesem Scott ruft. Es geht ihm wieder nur um sich.

Scott muss damit weiterleben, für Liberace gibt es eine Himmelfahrts-Revue. Als hätte der die auch schon selber inszeniert. Ich war gestern Abend stark berührt, bin ich immer noch. Tanz in vielen Facetten, große Show, großer Kitsch auch, aber im Grunde entsetzliche Einsamkeit, berührend, sensibel choreografiert und getanzt. Ich glaube, so etwas sieht man nicht so oft in dieser Intensität.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

Angaben zum Stück: "Liberace - Glitzer, Schampus und Chopin"

Ballett von Silvana Schröder, Bühnen der Stadt Gera

Weitere Termine:

Samstag, 12.05.2018, 19:30 Uhr
Sonntag, 13.05.2018, 18:00 Uhr
Sonntag, 20.05.2018, 14:30 Uhr
Montag, 21.05.2018, 14:30 Uhr
Sonntag, 03.06.2018, 18:00 Uhr

Großes Haus Gera

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Mai 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2018, 14:49 Uhr

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