Emmeline Pankhurst setzt sich in einer Rede auf dem Londoner Trafalgar Square (Großbritannien) für das Frauenwahlrecht ein (undatiert).
Die Sufragette Emmeline Pankhurst kämpfte mit radikalen Mitteln für das Frauenwahlrecht - und verkörperte ein neues Frauenbild. Bildrechte: dpa

Sachbuch "Wie Männer sich die Frau von Morgen wünschen" Wie die "Frau von morgen" vor hundert Jahren aussah

Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen wird schon sehr lange geführt. So durften vor rund hundert Jahren Frauen in Deutschland erstmals das Parlament wählen – damals ein riesiger Erfolg, weswegen auch in den 20er Jahren viel über die Folgen dieser Entwicklungen diskutiert wurde. Die Berliner Publizistin Barbara Sichtermann hat nun ein paar Texte aus dieser Zeit in einem Sammelband neu herausgegeben: Was sagen sie uns heute?

von Thyra Veyder-Malberg, MDR KULTUR

Emmeline Pankhurst setzt sich in einer Rede auf dem Londoner Trafalgar Square (Großbritannien) für das Frauenwahlrecht ein (undatiert).
Die Sufragette Emmeline Pankhurst kämpfte mit radikalen Mitteln für das Frauenwahlrecht - und verkörperte ein neues Frauenbild. Bildrechte: dpa

"Die Frau von morgen wie wir sie wünschen" - so lautete Titel eines Essaybandes aus dem Jahr 1929, in dem sich – herausgegeben von Friedrich Markus Huebner – ausschließlich Männer über die Folgen der und ihre Wünsche an die Emanzipation ausließen. Es war die Crème de la Crème der deutschen Avantgarde, die da schrieb: Autoren wie Stefan Zweig, Max Brod, Robert Musil und Otto Flake. Und nachdem diese Debatte auch heute noch längst nicht beendet ist, hat sich die Publizistin und Feministin Barbara Sichtermann die Texte von damals noch einmal vorgenommen.

"Wie Männer sich die Frau von Morgen wünschen" heißt der Band, in dem – begleitet von einem Vorwort der Herausgeberin – einige dieser Texte nun erneut erschienen sind. Es sei verblüffend, wie diskussionswürdig viele in der Sammlung behandelten Aspekte heute noch seien, schreibt Sichtermann. Die Sammlung sei durchaus aktuell, denn sie enthalte Ansatzpunkte, die Fragen der Gleichheit immer wieder neu zu durchdenken.

Und sie ist historisch im Sinne von überholt, insofern sie Gedanken über das Geschlechterverhältnis vorträgt, die unsere Zeit glücklicherweise überwunden hat.

Barbara Sichtermann

Männer begrüßen den Wandel

Die meisten der Autoren stehen der Emanzipation der Frau damals durchaus offen und positiv gegenüber, Stefan Zweig erschrickt gar beim Blick in die illustrierten Zeitschriften von vor zwanzig Jahren.

Wirklich, so gingen Frauen gekleidet, so eingemummt und aufgetürmt, so lächerlich überladen, so mittelalterlich vermauert und verschnürt?

Stefan Zweig

Zweig glaubt, dass man der "vollkommenen Umwertung und Verwandlung der europäischen Frau", wie er es nennt, die "zuvorderst eine sittliche ist", gar nicht genug Bedeutung beimessen könne – und auch, dass man sie nicht aufhalten könne: "Eine solche Welle kann nicht plötzlich innehalten, sie muss fortrollen bis an ihren letzten Strand."

Postkarte mit drei Frauen, die an einem Tisch sitzen
Drei der ersten weiblichen Abgeordneten in der Weimarer Nationalversammlung. Bildrechte: Weimar/ Rainer Erices

Sieg der Frauen?

Der Autor Frank Theiss ist sogar noch optimistischer, wenn es um den von Olympe de Gouges 1793 losgetretenen Kampf für die Gleichberechtigung geht.

An dem endgültigen Siege dieser hundertdreißigjährigen Revolution gegen den Mann kann fürs Erste nichts mehr gerüttelt werden.

Frank Theiss

Das zentrale Motiv der Texte ist die Frage nach der Gleichheit bzw. nach den Unterschieden zwischen Mann und Frau. Das ist manchmal sogar überraschend modern. So schreibt etwa Walther von Hollander in seinen Überlegungen zur Autonomie der Frau, dass "jeder Mensch seinen Sinn, sein Ziel, seinen Zweck seinen Wert in sich selbst" habe, "dass er autonom ist, zu seiner Vollendung nicht einen fremden Menschen und einen Zweck nötig hat". Deshalb, so folgert Theiss, bedürfe auch eine Frau weder Kindern noch eines Ehemannes um eine vollständige Person zu sein. Das kann man auch heute noch so stehen lassen.

Nicht alle sind so fortschrittlich

Barbara Sichtermann: Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen
Das Buch ist bei Ebersbach & Simon erschienen. Bildrechte: Ebersbach & Simon

Auf anderen Texten dagegen liegt der Staub von Jahrzehnten. Otto Flake fragt: "Denn schließlich, wozu gäbe es verschiedene Geschlechter, wenn nicht in der Verschiedenheit die Welt verankert wäre?" Die Frau von morgen habe keine andere Aufgabe als die von gestern und heute: die Liebe zu sublimieren, die Banalisierung zu vermeiden.

Die Frau als Dienstleisterin in Liebesdingen – gut, dass das vorbei ist. Überhaupt sind viele dieser Texte reichlich selbstbezogen, und drehen sich vor allem darum, was diese Veränderungen für die Männer bedeuten. Dabei geht es einerseits um Beziehungen und Sex. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist der der Kameradschaftsehe, also der Ehe zwischen gleichberechtigten Partnern – im Unterschied zur abhängigen Ehefrau. Manche Autoren glauben gar, die Ehe habe ganz allgemein keine Zukunft mehr.

Können die das überhaupt?

Andererseits wird auch die Frage gestellt, ob Frauen überhaupt in der Lage sind, zu denken und zu forschen wie ein Mann. Wenig überraschend – schließlich geht es hier um die eigenen Pfründe – sind hier viele Autoren skeptisch.

Die Lektüre dieser alten Texte ist oft interessant,  gerade weil manch ein Aspekt heute noch diskutiert wird, manchmal sogar lustig. Doch an anderer Stelle fragt sich die Leserin – Männer sind hier mitgemeint – doch, warum sie ihre Zeit mit der Lektüre von rückständigen Ansichten von vor 90 Jahren verbringen soll, wo es doch auch heute reichlich davon gibt.  Insgesamt ist "Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen" ein recht gelungenes Lesebuch - oft vergnüglich, aber nicht zwingend. 

Angaben zum Buch Barbara Sichtermann (Hg.): "Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen"

Verlag: Ebersbach & Simon
ISBN: 978-3-86915-174-8

100 Jahre Frauenwahlrecht

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2019, 04:00 Uhr

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