Kurvenreich, beweglich, blond Wie aus Lilli "die Barbie" wurde – Das erste vollbusige Spielzeug feiert 60. Geburtstag

Barbie wird 60! Wann sie geboren – oder wir heute sagen – auf den Markt gebracht wurde, lässt sich nicht mehr auf den Tag genau sagen. Fest steht, dass nicht nur Outfit, Frisur und MakeUp dieser neuartigen Spielzeugpuppe ungeheuer einschlugen. Zuerst wohl auf einer Messe in New York. Dass Barbie eigentlich deutsche Wurzeln hat, gehört zu den weniger bekannten Geschichten – so wie die Tatsache, dass sie mal Lilli hieß und aus dem Geist der "BILD"-Herrenwitze geboren wurde.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Zwei Models zeigen zwei Barbie-Puppen.
"Eines Tages werde ich genau so sein wie Du", heißt es in einer alten Barbie-Werbung. Bildrechte: dpa

Wir haben aber die Schnauze voll davon, wir Frauen, dass wir andauernd wie Barbiepuppen gezeigt werden. – Ich nehme auch gerne die Barbie-Karte, da habe ich kein Problem ...

Alice Schwarzer und Verona Feldbusch im Schlagabtausch

So war Alice Schwarzer in einem quotenträchtigen Schlagabtausch im Juni 2001 mit Verona Feldbusch zu vernehmen. Die eine gern tituliert als "Maschinengewehr" des deutschen Feminismus, die andere eine Werbe-Ikone. Und mittendrin, quasi als Totschlagargument von Schwarzer ins Feld geführt: "Barbie". Entwickelt und auf den Markt gebracht wurde sie 1959, zuerst in den USA. Inspiriert war sie aber von einer deutschen Blondine, die die "BILD" erschuf:

Lilli geht in einem Bikini über den Bürgersteig. Ein Polizist erklärt ihr, das Tragen eines zweiteiligen Badeanzugs sei auf der Straße verboten. Lilli daraufhin: Oh! Und welches Teil muss ich ausziehen?

Ein Herrenwitz aus der "BILD"

Stichwort: "BILD"-Lilli Lilli war die Hauptfigur in einem Comic, der von 1952 bis 1961 in der "BILD"-Zeitung erschien. Aufgrund des großen Erfolges beschloss das Haus 1953, eine Puppe als Werbemittel nach dem Vorbild der Titelfigur produzieren zu lassen. Diese Puppe war also alles andere als ein Kinderspielzeug und wurde vor allem in Bars und Tabakgeschäften, als Merchandise verkauft. Aus der "BILD"-Lilli wurde das Vorbild für Barbie.

Wovor sich die deutsche Frau noch geniert, kommt einer US-Amerikanerin gerade recht

So oder so ähnlich funktioniert Anfang der 1950er-Jahre der täglich gezeichnete Herrenwitz bei dem Boulevardblatt. Die Blondine heißt Lilly. Erfolgreich ist sie als Cartoon, als Puppe produziert aber erweist sie sich zunächst als Flop, wie dieser Barbie-Sammler weiß:

Da hat wohl keine deutsche Frau es gewagt, sich eine so schlanke Schönheit ins Haus zu holen. Die Fernfahrer waren die einzigen, die sich so eine Puppe in die Kabine stellten.

Barbie-Sammler

Wovor sich die deutsche Frau noch geniert, kommt einer US-Amerikanerin gerade recht. Bei einem Schaufensterbummel in Luzern nämlich – so wird berichtet – entdeckt Ruth Handler Lilli zuerst die Puppe, ehe sich schnell entschließt, die Weltrechte zu erwerben. Im Hinterkopf hat Handler dabei einerseits ihre Tochter Barbara, die gern spielt mit Anziehpuppen aus Papier. Andrerseits sucht Handler für ihre junge Firma namens "Mattel" nach einer Puppe, mit der Kinder das Erwachsenleben nachspielen können.

Kurvenreich, beweglich, blond

Barbie-Puppe
Barbie Number One – nur echt in Zebra Bildrechte: dpa

In West-Deutschland allerdings sorgt das Fräuleinwunder im Zebra-Badeanzug 1959 für einige Irritation: Erinnert sie doch an Lilli – die Fernfahrerfantasie, die nun ein Spielzeug sein soll! Haben Mädchen bis dahin fast ausschließlich mit Babypuppen gespielt, wird ihnen nun ein ausgewachsenes Supergirl angeboten:

Knapp 30 Zentimeter groß, kurvenreich, beweglich, blond. Drei Dollar kosten die ersten Puppen 1959, Kleidersets gibt es ab einem Dollar. "Eines Tages werde ich genau so sein wie Du", flötet es in der ersten Barbie-Werbung. Zum Schluss trägt die Puppe ein Hochzeitskleid. Barbie-Promoterin Ruth Handler kommt in ihrer Biografie zu einer erstaunlichen Interpretation:

Meine ganze Philosophie von Barbie war die, dass ein kleines Mädchen durch die Puppe alles sein konnte, was es wollte. Barbie zeigt, dass eine Frau die Wahl hat.

Verzückte Mädchen, wütende Feministinnnen

Die Qual der Wahl hat Barbie vor allem beim Griff in den gut gefüllten Schrank mit Kleidern und Accessoires. Dabei geht's für die idealbemaßte Superfrau vor allem um eines: Schön sein. Sie verzückt generationenweise Mädchenherzen, bringt Feministinnen auf die Palme und ihrer Produzentin ein Vermögen ein.

Barbie-Modell Jliane präsentiert eine der Bundeskanzlerin Angela Merkel nachempfundene Barbie-Puppe
Irreal: Die Hände formen keine Raute. Bildrechte: dpa

In diesen Tagen wird Barbie 60. Wie es sich für ein echtes Erwachsenen-Model gehört, bleiben da Midlife-Crisis und Identitätskrise nicht aus. In den letzten Jahren hat Hersteller Mattel versucht, ihre rosa Welt der Realität anzupassen. Schon, weil die Puppe ja auch in großen Märkten wie China oder Indien verkauft werden soll - wo langbeinige Blondinen eher selten sind, wo ganz andere Schönheitsideale gelten. Mehr Vielfalt bei Körpermaßen, in Haut-, Haar- und Augenfarbe soll nun helfen, Barbie gegen die gewachsene Konkurrenz in Kinderzimmern eine globale Zukunft zu sichern.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Februar 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren