Beethoven-Experiment Wenn Schüler zu Komponisten werden

Inspiriert von Beethoven hat eine neunte Klasse aus Bischofswerda selbst Orchestermusik komponiert. Viele der Schülerinnen und Schüler hatten keine Vorkenntnisse, deshalb wurden sie von dem Komponisten Aristides Strongylis unterstützt. Wir haben die Proben des "Beethoven-Experimentes" besucht.

Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ludwig van Beethoven – das tragische Musikergenie. Sein Werk ist widersprüchlich, komplex, modern und mitreißend. Noch heute berührt es Menschen aus aller Welt. Im Goethegymnasium in Bischofswerda war Beethoven für die Klasse 9.1 im letzten halben Jahr allgegenwärtig. Die Schüler waren Teil des Beethoven-Experiments. Ihre Aufgabe: ein eigenes Musikstück komponieren, das aufgeführt wird vom MDR Sinfonieorchester im Leipziger Gewandhaus. Eine Riesen-Herausforderung – denn einfach so mal was komponieren: Geht das?

"Ja klar, man kann so einer ganz normalen Schulklasse das Komponieren nicht einfach aufdrücken", sagt Ekkehard Vogler, Musikvermittler bei MDR Klassik. "Man braucht dort Handwerk." Deshalb habe man der Klasse einen professionellen Komponisten an die Seite gestellt. "Dann klappt das erstaunlich gut, wenn es jemanden gibt, der die Intuition der Schüler versteht, der die Ideen der Schüler versteht, der auch versteht, musikalische Ideen aus den Schülern herauszulocken", so Vogler.

Erst improvisiert, dann komponiert

Diese Aufgabe übernahm Aristides Strongylis. Vier Monate hat der Komponist immer wieder mit den Schülern gearbeitet. Grundlage für die gemeinsame Arbeit war die Improvisation. Die 9.1 ist keine spezielle Musikklasse, aber etwa die Hälfte der Schüler spielt ein Instrument. Für alle anderen gab es Rhythmusinstrumente. Aber jeder kreative Prozess braucht ein Thema. Das zu finden – damit ging alles los.

Aristides Strongylis erklärt es so: "Es lohnt sich nicht, hinzugehen und denen irgendein Thema, das ich mir zu Hause überlegt habe, wegen Beethoven aufzustülpen. Sondern man fragt sie: Was interessiert euch gerade?" Die Schülerinnen und Schüler hätten ihm dann von sich aus gesagt, dass sie unterschiedliche Richtungen und Spaltungen in der Gesellschaft spürten.

"Ich war erst mal etwas eingeschüchtert, ehrlich gesagt. Aber dann habe ich die Chance sehr schnell verstanden. Und dann habe ich sie losgeschickt, und ich habe sie gefragt, ob sie sich irgendwas Musikalisches darunter vorstellen könnten", so Komponist Strongylis.

Ganz ohne Musiktheorie ging es nicht

Also nicht Sommer, Sonne, Party, sondern die Gegensätze der Gesellschaft, zwischen Mann und Frau, Religionen, Herkunft – das beschäftigt diese jungen Menschen. In kleinen Gruppen haben sich die Schüler zusammengefunden und gemeinsam dazu improvisiert. Als theoretische Grundlage hat ihnen Strongylis den Aufbau eines klassischen Sonatensatzes im Beethovschen Sinne mit auf den Weg gegeben.

Eine klassische Notenpartitur zu schreiben, darum ging es nicht. Alles passierte über das Gehör. Die Schüler probierten aus – was klingt und was eher nicht. Strongylis beschreibt die Zusammenarbeit so: "Als die Schüler mir ihre Ideen vorgespielt haben, da habe ich einfach mit einem Aufnahmegerät die Musik aufgenommen, statt sie aufzuschreiben. Von zu Hause habe ich die Musik an die Schüler geschickt. Und so hatten wir einen unaussprechbaren, musikalischen Kontakt mit den Schülern, was mir sehr geholfen hat und ich glaube denen auch." Aus diesem Material hätten die Schüler dann Ideen entwickelt, wie das Stück weitergehen könnte."

Erste Schritte auf dem Kontrabass

Bei jedem Treffen wurden diese Ideen zusammengebracht, immer wieder durchgespielt, verändert, verbessert. Das alles zu einer Orchesterpartitur auszuarbeiten, war dann die Aufgabe von Aristides Strongylis. Neben der musikalischen Arbeit wurde dieses Experiment für die Schüler auch ein Stück Selbsterfahrung.

Einer von ihnen, Colin Hübner, spielt jetzt Kontrabass - ohne vorher je ein Instrument gelernt zu haben: "Ich kenne auch kaum die Noten. Bei mir musste man immer die Zahlen aufschreiben, welche Saite ich jetzt streichen musste. Ich bin da jetzt einfach ins kalte Wasser reingefallen."

Inzwischen proben die Profis vom MDR Sinfonieorchester das Werk der Schüler. "Equalitiy", auf Deutsch: Gleichberechtigung haben sie es genannt. Am Sonntag ist die 9.1 aus Bischofswerda dabei, wenn ihr Stück im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt wird. Mit Sicherheit ein nachhaltiges Erlebnis in ihrer Schullaufbahn.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 23. Januar 2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2020, 15:39 Uhr

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