Besondere Festivalfilme für Teens Dicht an der Wirklichkeit: Junge Filme auf der Berlinale

Nicht nur der Wettbewerb der Berlinale ist spannend. In den Sonderreihen des Programms sind Filme zu entdecken, die dicht am Alltag junger Leute sind. Wir stellen drei Filme vor: ""Stupid Young Heart" aus Finnland, "Bulbul kann singen" aus Indien und "Buoyancy" aus Thailand.

von Simone Reber, MDR KULTUR

Szene aus "Stupid Young Hearts": Kiira erwartet ein Kind.
Szene aus "Stupid Young Heart": Kiira erwartet ein Kind Bildrechte: Berlinale / Tuffi Films

Wo sind die Stars? Lautet jedes Jahr bei der  Berlinale die Frage zum Wettbewerbsprogramm. Dabei laufen in anderen Sektionen aufregende Filme, die oft ohne Glamour-Faktor auskommen, dafür aber ganz dicht an der Wirklichkeit bleiben. In der Reihe Generation zum Beispiel oder im Panorama. Durch beide Programme zieht sich ein Thema fast wie ein roter Faden auf: die Begegnung von Heranwachsenden mit Gewalt.

"Stupid Young Heart"

Jere Ristseppä in "Stupid Young Hearts"
Seine Freunde nennen ihn Hobbit. Bildrechte: Berlinale / Tuffi Films

Lenni ist ein schmächtiger Junge aus Helsinki mit Stupsnase und Baseballcap, viel kleiner als Kiira, die imposante Tänzerin. Als sie ihm eröffnet, dass sie ein Kind von ihm erwartet, ist Lenni aber entschlossen, an ihrer Seite zu bleiben. In der subtilen Milieustudie "Stupid Young Heart" der finnischen Regisseurin Selma Vilhunen sind nicht nur die werdenden Teenager-Eltern überfordert, sondern auch ihre alleinerziehenden Mütter. Die Väter sind schon lange verschwunden. In seiner Unsicherheit sucht Lenni Halt bei einer Gruppe finnischer Nationalisten. Hier ist alles einfach – die Männer trainieren und trinken zusammen.

In ihrem Film zeigt Vilhunen, "wie extremistischen Gruppen solche jungen Männer gezielt für ihre Aktivitäten" rekrutieren: "Sie nutzen aus, dass diese Jugendlichen irgendwo dazu gehören wollen und Mittel suchen, um ihre Identität herauszubilden. Leute wie unsere Hauptfigur sind sehr verletzlich." Tatsächlich fängt die Kamera immer wieder die Dünnheitigkeit des Jungen ein, den Jere Ristseppä spielt. Seine Züge verhärten sich, dann gehen sie auf in fast kindlicher Liebe.

"Bulbul kann singen"

Banita Thakuriya, Arnali Das, Manoranjan Das in "Bulbul can sing"
Banita Thakuriya, Arnali Das, Manoranjan Das in: "Bulbul can sing" Bildrechte: Berlinale- Panorama 2019/Flying river Films

Von einer tragischen Teenagerliebe erzählt "Bulbul kann singen". Beiläufig zeigt die indische Filmemacherin Rima Das den Alltag des Mädchens in ihrem Heimatdorf. Vormittags macht sich Bulbul in der Schule Sorgen um ihre Noten, nachmittags hilft sie der Mutter im Haushalt. Wenn Männer sie aufdringlich anstarren, weist sie diese lautstark in die Schranken. Als aber Bulbuls sehr unschuldige Liebe zu einem Mitschüler im Dorf bekannt wird, ist die Reaktion grausam. Als Bild für die unerbittliche Zähmung des Mädchens steht die Verwandlung ihrer Haare. In der ersten Szene flattern sie aufgelöst im Wind. Dann flicht Bulbul sie zu Zöpfen, schließlich dreht eine Tante ihr das Haar zum Knoten.

"Buoyancy"

Sarm Heng in 'Buoyancy' von Rodd Rathjen
Sarm Heng in: "Buoyancy" Bildrechte: Berlinale- Panorama 2019 / Rafael Winer

"Buoyancy" schildert die erbärmlichen Zustände auf einem thailändischen Kutter, der unterwegs ist, um Trashfish zu fangen, für Menschen ungenießbar, nur für Tierfutter zu gebrauchen. Auf diesem Kutter schuften junge Männer aus Kambodscha und Myanmar, der Willkür des Kapitäns vollkommen ausgeliefert. "Es schien mir ganz normal", sagt Sarm Heng, der 14jährige Hauptdarsteller, der Ähnliches erfahren hat. Die Geschichte des Films basiert auf den Erzählungen von Überlebenden, die der australische Regisseur Rodd Rathjen vor dem Dreh befragt hat: "Auf manchen Schiffen arbeiten 20 bis 40 Menschen. Wenn einer über Bord geworfen wird, bedeutet das für den Kapitän gar nichts." Sein Film sei "noch eine milde Version dessen, was auf den Kuttern geschieht": "Die jungen Männer sind unvorstellbarer Folter ausgesetzt."

Der beklemmende Film läuft in der Reihe Panorama auf der Berlinale. Sarm Heng spielt den jungen Chakra mit einer warmherzigen Präsenz, in seinen Augen aber spiegelt sich die Düsternis: "Als der Film raus kam, habe ich mein trauriges Gesicht gesehen und mich gefragt, wo kommt dieser Ausdruck her", erzählt Sarm Heng.

In "Buoyancy" gelingt es dem jungen Chakra, sich aus der Sklaverei zu befreien. Aber der Preis ist hoch ... Egal ob in Finnland, Indien oder Thailand – in allen drei Filmen wird die Begegnung mit der Gewalt die Jugendlichen für ihr ganzes Leben prägen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Februar 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 00:40 Uhr

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