Biennale Venedig Deutscher Pavillion 2019
Blick in den deutschen Pavillon bei der Biennale Venedig 2019 Bildrechte: imago images / Manfred Segerer

Kunstschau Biennale Venedig: Deutscher Pavillon thematisiert Zuwanderung

Biennale Venedig Deutscher Pavillion 2019
Blick in den deutschen Pavillon bei der Biennale Venedig 2019 Bildrechte: imago images / Manfred Segerer

In Venedig öffnet am Samstag die Kunst-Biennale ihre Tore für das Publikum. Die Schau gilt als eines der wichtigsten Kunst-Ereignisse der Welt. In diesem Jahr präsentieren sich 90 Länder in eigenen Pavillons. Der deutsche Pavillon hat erstmals eine Kuratorin aus den neuen Bundesländern: Franciska Zólyom, die Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig.

Zólyom lud die aus Ungarn stammende Künstlerin Natascha Sadr Haghighian ein, die Professorin für Bildhauerei in Bremen ist und unter anderem bei den letzten beiden Documentas mitgewirkt hat. Für den deutschen Pavillon in Venedig gab Haghighian sich den Namen Natascha Süder Happelmann.

Dieses ironische Versteckspiel um die eigene Identität bildet den Ausgangspunkt für ihr Projekt. Bei der Voreröffnung wurde der deutsche Pavillon zu einem sogenannten "Ankersentrum" erklärt – in Anspielung auf die Ankerzentren für Asylbewerber in Bayern. Verbunden wurde das Ganze mit einer fundamentalen Kapitalismuskritik, mit einem Plädoyer für offene Grenzen – und mit einer Solidaritätsadresse an eine Flüchtlingsinitiative in Osnabrück.

Natascha Süder Happelmann trat dabei mit einer Maskierung auf, einem Stein aus Pappmaschee, den sie auf dem Kopf trägt. An ihrer Seite präsentierte sie eine Sprecherin mit dem Pseudonym Helene Duldung. Diese surrealistische Inszenierung lieferte gleichermaßen die ideologische Meta-Ebene für das Projekt.

Das Ganze ist ästhetisch nicht sehr überzeugend.

MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über die Gestaltung des deutschen Pavillons in Venedig
blaue Kisten gestapelt
Gestapelte Gemüsekisten in einem Saal des deutschen Pavillons bei der Biennale Venedig Bildrechte: imago images / Manfred Segerer

Der deutsche Pavillon besteht aus zwei großen Installationen, die den Raum teilen. So ist eine Klanginstallation zu hören, die um die Trillerpfeife als Instrument des politischen Widerstands kreist. In einem zweiten Raum sieht man die gewaltige Mauer eines Staudamms aus Spritzbeton, die vielleicht die "Festung Europa" symbolisieren soll. In einem weiteren Saal sind gestapelte Gemüsekisten zu sehen und eine Tomatenwerbung – eine Erinnerung an das Schicksal ausgebeuteter Migranten in Italien.

"Das Ganze ist ästhetisch nicht sehr überzeugend", urteilt MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll: "Es ist eine Addition von politisch gemeinten Chiffren, die ziemlich diffus wirkt. Verstärkt wird das noch durch die surrealistische Kostümierung der Künstlerin und die kalauerhaften Pseudonyme." Er frage sich, was diese Verrätselung bezwecken solle.

Weitere Bezüge zu Mitteldeutschland

Franciska Zólyom
Franciska Zólyom, Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig und Kuratorin des deutschen Pavillons bei der Biennale Venedig 2019 Bildrechte: Julia Rößner

Auch andere Pavillons der Biennale haben einen Bezug zu Mitteldeutschland. Im mongolischen Pavillon präsentiert der gebürtige Chemnitzer Carsten Nicolai eine interaktive Soundperformance. Der international renommierte Künstler stellt ein Projekt mit mongolischen Kehlkopfsängern vor.

Ganz anders geht es dagegen im Pavillon von Bosnien-Herzegowina zu, wo die Weimarer Kunstprofessorin Danica Dakić eine vielstimmige Film-Installation über Glanz und Elend der bosnischen Stadt Zenica zeigt. Diese Arbeit wird in Ausschnitten im Herbst im neuen Bauhaus-Museum in Weimar zu sehen sein.

Internationale Hauptausstellung diesmal zweigeteilt

Zusätzlich zu den Länder-Pavillons gibt bei der Biennale eine internationale Hauptausstellung Künstlern aus aller Welt ein Podium. Der amerikanische Kurator Ralph Rugoff entwickelte das Konzept dafür und wählte die Künstler aus. Der 1957 in New York geborene Rugoff gewann als Direktor der Londoner Hayward Gallery internationales Renommee.

Biennale Venedig
Künstlerin Natascha Süder Happelmann mit einem Stein aus Pappmaschee auf dem Kopf, in Begleitung von "Helene Duldung" Bildrechte: imago images/Manfred Segerer

Nach Ansicht von MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll positioniert sich Kurator Rugoff mit seinem Konzept deutlich gegen Ausstellungen wie die letzte Documenta, die vor allem auf politischen Aktivismus gesetzt und dafür von vielen Kunstkritikern gescholten worden sei:

"In diese Kerbe schlägt auch Ralph Rugoff. Er sagt, dass die Kunst sich davor hüten sollte, komplexe Phänomene zu vereinfachen wie zum Beispiel den Neoliberalismus oder den Rassismus. Political Correctness führe nicht zu guter Kunst", so Höll. Rugoff wehre sich mit seiner Schau in Venedig gegen eine vordergründige Politisierung. Stattdessen setze er auf die ästhetische Kraft der Kunst und auf "alternative Perspektiven", die sie eröffnen könne.

Zuweilen sind die Räume etwas zu überladen, aber alles in allem ist das durchaus gelungen.

MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll über die internationale Hauptausstellung der Biennale Venedig

Die Hauptausstellung ist aufgeteilt in zwei Ausstellungen an zwei Orten. Dafür wählte Rugoff 79 Künstler aus, die jeweils zwei Arbeiten beisteuerten. "So ergeben sich unterschiedliche Blickwinkel auf das Werk dieser Künstler, und zugleich ergeben sich zwei Ausstellungen, die sich ganz unterschiedlich anfühlen", so die Einschätzung von MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Mai 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2019, 04:00 Uhr

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