Billie Eilish
Billie Eilish im August 2018 bei einem Auftritt in San Francisco Bildrechte: imago/ZUMA Press

Pop Teen-Superstar: Was macht Billie Eilish so besonders?

"Mit ihr passiert gerade, was 1991 mit Nirvana passiert ist", sagt der ehemalige Nirvana-Drummer Dave Grohl über die 17-jährige Billie Eilish, den Teen-Superstar der ausgehenden Zehnerjahre. Ihr neues Album "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" wurde in Deutschland so oft gestreamt wie bisher kein anderes. Der "Guardian" nennt den Eilish-Sound "Generation-Z terror pop". Dabei kommt Eilish sehr viel leiser daher, als es diese Beschreibung vermuten lässt.

von Sky Nonhoff, MDR KULTUR

Billie Eilish
Billie Eilish im August 2018 bei einem Auftritt in San Francisco Bildrechte: imago/ZUMA Press

Ja, er ist wieder da. Der OMG-Moment, Oh My God, und in den Venues, den Konzerthallen, darf wieder gekreischt werden. Und ausnahmsweise nicht mal für Knallköppe wie Biebers Justin oder Sheerans Ed. Sondern für eine 17-Jährige mit blauem Haar, die sich im Video zu ihrem Song "Bad Guy" die blasse Mundpartie mit Kunstblut verschmiert, bis sie aussieht, als wolle sie anschließend direkt zum Set von "The Walking Dead".

Die "Bild"-Zeitung nennt sie "Grusel-Fee" und unkt besorgt: "In den Kinderzimmern wird's düster", und in ihrem Song "Bellyache" singt das neue Teen-Idol von Bauchschmerzen. Die kann man ja auch schon mal kriegen, wenn man gerade all seine Freunde abgeschlachtet hat.

Man muss nichts selbst erlebt haben, um darüber schreiben zu können. Ein Songtext ist letztlich nichts weiter als eine Story. Man kann über etwas schreiben, das man selbst getan hat, irgendein Bekannter oder auch Mom. Es ist eben Kunst, wie gesagt eine Story, reine Fiktion. Ich habe meine Freunde nicht umgebracht, schönen Dank auch.

Billie Eilish

Erster YouTube-Hit mit 14 Jahren

Billie Eilish, amerikanischen Sängerin und Songschreiberin
Billie Eilish Bildrechte: Universal Music

Der kometenhafte Aufstieg der Billie Eilish begann, als sie mit 14 Jahren den Song "Ocean Eyes", geschrieben von ihrem älteren Bruder Finneas, bei YouTube hochlud; einen minimalistischen Engelsgesang über einen Angehimmelten, in dessen Augen sich brennende Städte und vom Himmel regnendes Napalm spiegeln.

Das Video hat mittlerweile fast 100 Millionen Aufrufe und die 17-Jährige aus Los Angeles längst nachgelegt; soeben mit ihrem Debüt-Album "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?", das bei Apple Music alle Rekorde gesprengt hat. Billie lebt übrigens vegan, weshalb ihr die Elterngeneration auch leichte Tourette-Anfälle nachsieht. Ihr Lieblingswort? Klar, fuck.

Ich höre immer, 'du bist ein Vorbild, zu dem alle aufsehen, wie kannst du da nur so was sagen?' Und ich sage dann: Und warum sehen alle zu mir auf? Weil ich verfickt noch mal sage, was ich sagen will ... Mal ehrlich, was bringt es denn, wenn man nicht das Maul aufmacht – ich wüsste jedenfalls nicht, was?!

Billie Eilish

So viel Teen Spirit ist fast dreißig Jahre her, und tatsächlich haben Billie Eilishs Songs von Apathie, Entfremdung und Gewaltphantasien suggestive Klasse, untermalt mit einem Sound zwischen Kinderlied und nestwärmenden Electropop-Hymnen, irgendwo zwischen Mazzy Star und Lana del Rey.

Streaming-Rekord: Billie Eilish hängt Ariana Grande ab Das Debüt-Album von Billie Eilish "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" ist in der ersten Woche nach seinem Erscheinen so oft gestreamt worden, wie kein Album zuvor. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung am Donnerstag mitteilte, wurde das Album allein in Deutschland rund 14 Millionen mal abgerufen. Damit löst Eilish Ariana Grande ab, die erst vor sechs Wochen den bisherigen Bestwert aufgestellt hatte.

Das wohl traurigste Liebeslied der Zehnerjahre

Irritierend ist dabei weniger das Video zum Song "When the Party's Over", in dem Eilish auf ex ein Glas leert, in dem sich so etwas wie die schwarze Milch des frühen Leids befindet, und schwarze Tränen aus ihren Augen laufen. Sondern die wohlwollende Reaktion von Mama und Papa, die die neue Lieblingssängerin ihrer Kleinen bereits gegoogelt haben. Merke: Im Internet gibt es keinen Underground.

Dabei übersieht man allzu leicht, dass Billie Eilish zusammen mit ihrem Bruder das wohl traurigste Liebeslied der Zehnerjahre geschrieben hat. "Wish You Were Gay" heißt es, "Ich wünschte, du wärst schwul", mit den großen enttäuschten Zeilen: "Sag nicht, dass ich nicht dein Typ bin/ Sag einfach, dass du andere sexuelle Präferenzen hast."

Ein kleines bisschen Horrorshow

Verletzlicher, cooler und erwachsener hat der Teen-Pop selten geklungen, und dagegen müssen Eilishs schwarze Video-Alpträume unweigerlich zu dem verblassen, was sie tatsächlich sind: ein kleines bisschen Horrorshow.

Die große Horrorshow hat sie – Oh My God – neulich bei Twitter beiläufig auf den Punkt gebracht, den Greta Thunberg der Generation Unfroh bislang gnädig verschweigt:

Es ist eh scheißegal. Wir sterben sowieso alle.

Billie Eilish

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. April 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2019, 10:39 Uhr

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