Billy Joel, Sänger und Pianist aus den USA.
Billy Joel an seinem Lieblingsplatz: am Piano. Bildrechte: dpa

70. Geburtstag Billy Joel: Zwischen Ambition und Selbstzweifel

"Piano Man" war 1974 sein erster Welthit. Viele weitere folgten und zeigten Billy Joels Vielseitigkeit als Songwriter. Doch trotz zig Millionen verkaufter Alben fand er selbst sich nie gut genug. Nun wird Billy Joel 70 Jahre alt.

von Sky Nonhoff, MDR KULTUR

Billy Joel, Sänger und Pianist aus den USA.
Billy Joel an seinem Lieblingsplatz: am Piano. Bildrechte: dpa

Der junge Mann auf dem Schwarz-Weiß-Foto sieht alles andere als vertrauenerweckend aus. Schiefe Nase, schon länger nicht gestutzter Oberlippenbart, unrasiertes Kinn und Augen wie Einschusslöcher: Das Bild stammt aus dem Jahr 1971, nachdem seine Freundin ihn aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hat und er die Nächte in einem Waschsalon verbringt. Niemand würde auch nur eine Sekunde annehmen, dass dieser Mann schon mit vier Jahren als Klavier-Wunderkind galt. Sein erstes Stück hieß "Little Billy's Storm Song"; mit den tiefen Noten imitierte er den Donner, mit den hohen den prasselnden Regen. 

Im Song "Piano Man" besingt Billy Joel die Zeit, in der er sich als Pianist in drittklassigen Bars über Wasser hielt. "Piano Man" ist 1974 auch sein erster großer Hit, der bittersüßes Storytelling mit einem untrüglichen Gespür für Ohrwurmmelodien verbindet. Drei Jahre später sprengt er mit seinem Album "The Stranger" und dem Liebeslied "Just the Way You Are" so ziemlich alle statistischen Rekorde. Die Platte verkauft mehr Exemplare als Simon & Garfunkels Welterfolg "Bridge Over Troubled Water".

Ich habe mir nie verziehen, nicht Beethoven zu sein.

Billy Joel

"Manchmal ist es mir ein bisschen peinlich, als Rockstar zu gelten", hat Joel einmal gesagt. "Denn eigentlich ist es doch so: Es gibt Rockstars, und es gibt Musiker." Seinen gelegentlich schmerzhaften Spagat zwischen brennender Ambition und nagenden Selbstzweifeln hat er so in Worte gefasst:

Von der Musikpresse als Leichtgewicht abgestempelt

Billy Joel
Billy Joel Bildrechte: Sony Music

"Es gelang mir einfach nicht, so gut zu sein, wie ich es gern gewesen wäre. Das machte mich verrückt, ruinierte mein Privatleben, und dann fing ich auch noch an zu saufen. Ganz ehrlich, ein Viertel meiner Songs braucht kein Mensch. Tja, Neil Diamond hat mal gesagt: 'Ich habe mir dafür vergeben, nicht Beethoven zu sein.' Und ich las das und dachte: Genau das ist mein Problem. Ich habe mir nämlich nie verziehen, nicht Beethoven zu sein."

Gut 100 Millionen verkaufte Alben, über 100 ausverkaufte Shows im New Yorker Madison Square Garden: Dennoch ist der singer Billy Joel insbesondere in Europa stets ein Schemen hinter seinen songs geblieben, hinter Welthits wie "Uptown Girl", "Honesty", "Say Goodbye to Hollywood" oder "We Didn't Start the Fire" – ein erstaunlich wandlungsfähiger Songwriter, der von den diskursbildenden Rock- und Pop-Magazinen stets als Leichtgewicht ignoriert wurde.

Tatsächlich muss man Billy Joel als missing link zwischen Paul McCartney, Al Stewart und Barry Manilow betrachten – und den Vorstadtballaden Bruce Springsteens, minus Muscle-Shirt und Wagenheber-Attitüde.

Ganz ehrlich, ein Viertel meiner Songs braucht kein Mensch.

Billy Joel

Seine Vorfahren wurden in Auschwitz ermordet

Kurz nach den rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville, Virginia, bei denen ein Neonazi seinen Dodge Challenger in eine Gruppe von Gegendemonstranten gelenkt hatte, trat Billy Joel im Madison Square Garden mit einem gelben Stern am Anzug auf. Seine Geste hatte sicher auch damit zu tun, dass sein Großvater, der deutsche Jude Karl Amson Joel, 1938 seinen Bekleidungshandel weit unter Wert an einen gewissen Josef Neckermann hatte verkaufen müssen – jenen Unternehmer, der nach dem Krieg das Neckermann-Versandimperium schuf. Aber Billy Joels Judenstern zeigte nicht in die Vergangenheit, sondern leuchtete direkt in die Gegenwart:

"An jenem Abend musste ich etwas unternehmen, nachdem Präsident Trump gesagt hatte, es wären auch anständige Leute dabei gewesen. Aber von wegen. Nazis sind keine anständigen Leute, mich machte das stinksauer. Die halbe Familie meines Vaters wurde in Auschwitz ausgelöscht. Er und seine Eltern konnten zwar fliehen, und er hat dann unter General Patton gegen die Nazis gekämpft, aber meine Familie hat furchtbares Leid erfahren. Und darum darf ich das auch."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Mai 2019 | 16:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2019, 04:00 Uhr

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