Michail Gorbatschow, 1990
Michail Gorbatschow im Juli 1990 im Kreml Bildrechte: dpa

Geschichte Biografie zeigt Glanz und Elend des Michail Gorbatschow

Im Westen wird Michail Gorbatschow für seine Transparenz-Offensive "Glasnost", seine "Perestroika"-Reformen und damit letztlich für das Ende des Kalten Krieges gefeiert. In seiner Heimat aber wird dem letzten Staatschef der Sowjetunion der Zerfall der UdSSR angelastet. Deshalb ist er weniger beliebt als seine Nachfolger Boris Jelzin und Wladimir Putin. Die Biografie "Gorbatschow. Der Mann und seine Zeit" von William Taubman geht diesem Widerspruch wie ein Thriller auf den Grund.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Kritiker

Michail Gorbatschow, 1990
Michail Gorbatschow im Juli 1990 im Kreml Bildrechte: dpa

Michail Gorbatschow, der letzte Staatschef der Sowjetunion, ist für viele Deutsche der Mann, der die Deutsche Einheit ermöglichte. Die DDR-Bürger liebten ihn für seinen Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Im Westen ist er ein hoch angesehener Mann, in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eher nicht. Er ist der vielleicht bedeutendste Politiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts, ihm verdanken wir das Ende des Kalten Krieges, und dennoch ist er in seiner Heimat für viele eben kein "Held der Sowjetunion".

Der amerikanische Politikwissenschaftler William Taubman hat, auch um dieses Paradox zu lösen, jeden Schritt Gorbatschows, der irgendwie von Bedeutung sein könnte, nachvollzogen und analysiert. Er bettet Gorbatschows Leben und Denken außerordentlich geschickt in die sowjetische und die Weltgeschichte ein. So zeigt er, wie ihn der Westen von Anfang an als Politiker neuen Typs wahrgenommen hat, als den ersten, der nicht wie ein russischer Funktionär wirkte, sondern gebildet und gesprächsbereit war. Gesprächsfähig, könnte man sagen, das waren die meisten seiner Vorgänger ja auch nicht.

Er wollte den Aufbruch – und scheiterte daran

Auf der Weltbühne war Gorbatschow ein Hoffnungsträger, während er im Lande immer auch beargwöhnt wurde. Während der Westen Veränderungen in der Sowjetunion herbeisehnte, sah das im Land ganz anders aus. Hier hat er es bis zum Zerfall des Reiches, den viele heute ihm persönlich anlasten, nie geschafft, seine Pläne durchzusetzen. Gorbatschows Glasnost und Perestroika sorgten auch in der Sowjetunion für einen Aufbruch, aber Taubmans extrem gründliche und detailreiche Recherchen zeigen eben auch, warum darin zugleich die Gründe für das Scheitern liegen. Es ist eine Art Dialektik des Scheiterns.

Am Ende ist das Buch beinahe ein Thriller.

Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Kritiker

Abgesehen davon, dass einer der Hauptgründe für den Zusammenbruch der Sowjetunion die desolate wirtschaftliche Lage des Landes war, konnte Gorbatschow seine Ideen vom Umbau des Landes eben nicht durchsetzen. Die Transparenz und Offenheit, die Gorbatschow ermöglichte und anstrebte, sorgten gleichzeitig dafür, dass er immer schwächer wurde. Er hatte eine Vision, aber er war wankelmütig in der Umsetzung. Einen exakten Plan, wie man diese Vision in den über Jahrzehnte gefestigten Strukturen eines zentralistischen Staates umsetzen könnte, hatte er gar nicht. Er hatte einen Traum, war aber kein Staatenlenker.

Michael Gorbatschow (Sowjetunion/Vorsitzender KPDSU) mit Ehefrau Raissa Gorbatschowa in Genf
Michail Gorbatschow mit Ehefrau Raissa Gorbatschowa Bildrechte: IMAGO

Das Buch macht deutlich, das ist eben die Dialektik, dass er den neuen Umgangsformen selbst dann treu blieb, als seine Feinde, und er hatte in der Parteiführung nicht wenige davon, ihn angriffen und er sie eben nicht wie ein Diktator rauswerfen wollte. So hat er sich jahrelang fast tatenlos mit angeschaut, wie beispielsweise Boris Jelzin immer offener gegen ihn opponierte und Jelzin damit so stark gemacht, dass er es schließlich war, der ihm mit dem Austritt Russlands aus der Sowjetunion quasi sein Land weggenommen hat.

Wie ein roter Faden zieht sich die Frage durch das Buch, was für ein Mensch Gorbatschow war, denn mutmaßlich liegt darin ein Teil der Faszination für und zugleich des Problems mit Gorbatschow. Er ist ein Bauernsohn aus der Provinz, ehrgeizig bis streberhaft – auf Russisch "ambiziosny" – der sich geschickt nach oben arbeitet. Und dabei immer ein Familienmensch bleibt. Seine Frau Raissa spielt dabei eine große Rolle, und so ist es auch ein Buch über sie, die erste und einzige sowjetische First Lady. Die mit ihrer Bildung und ihrer Erscheinung Margaret Thatcher beeindruckte und Nancy Reagan anfangs verschreckte. Und manchmal trifft Gorbatschow eben auch Entscheidungen als Ehemann und nicht als Staatschef.

Gorbatschow als nachdenklicher Familienmensch

Nach dem Putsch gegen ihn im August 1991 etwa kehrte er spät nachts von der Krim nach Moskau zurück und hätte sich als Sieger vom Volk feiern lassen können. Ein Triumphzug hätte das werden können, auch medial. Gorbatschow aber verzichtete darauf, es war mitten in der Nacht, und er brachte die völlig geschaffte Raissa und seine Tochter nach Hause. Während sich Boris Jelzin für die Niederschlagung des Putsches feiern ließ.

Mit der Schilderung zahlreicher solcher Momente stellt das Buch Fragen in den Raum, die über den "Fall Gorbatschow" hinausgehen. Salopp gesagt, was für einen "Anführer" wünschen sich die Russen? Gorbatschow wird als fleißiger Denker geschildert, der – abgesehen von seinem luxuriösen Sommersitz, dem Palast Sarja auf der Krim – wenig Privilegien in Anspruch nimmt, der kaum Alkohol trinkt, dafür aber wahnsinnig belesen ist.

Das hatten die Russen in dieser Kombination vorher noch nie, und das haben sie auch danach nicht noch einmal gehabt. Jelzin war eine stattliche Erscheinung, sehr selbstbewusst auftretend und am Ende oft doch nur noch eine Art betrunkener "Tanzbär". Putin inszeniert sich als starker und sportlicher und auch geheimnisvoller Mann ohne Schwächen. Und scheinbar kommt so etwas alles bei einer Mehrheit der Russen eben besser an als ein nachdenklicher, tolerant zuhörender Familienmensch wie Gorbatschow.

In Taubmans Buch kann man ihn als auf der Weltbühne glänzenden Akteur erleben, aber auch als einen im Ränkespiel der sowjetischen Funktionäre mehr und mehr den Halt verlierenden Staatschef. Immer behält Taubman dabei den privaten Gorbatschow im Auge.

Das Buch wird immer besser

Das Schwächste an Taubmans Buch ist der erste Satz: "Michail Gorbatschow wurde am 2.März 1931 in dem Dorf Priwolnoje, etwa 150 km nördlich der russischen Stadt Stawropol im Nordkaukasus geboren". Danach wird es immer besser, und am Ende, beim Putsch gegen Gorbatschow etwa, wo er in seinem Palast festgehalten wird, ist es beinahe ein Thriller. Zudem ist es wahnsinnig gründlich gearbeitet, mit umfangreichem Anhang sowie einem Register. Mit einer vorangestellten Liste der handelnden Personen, was für viele Leser sicher hilfreich ist angesichts der vielen russischen Namen.

Und es ist eben nicht nur eine fabelhafte Biografie Gorbatschows, sondern es erzählt auch die Geschichte des Kalten Krieges mit. Samt der Neuordnung der Welt nach dessen Ende, bei der der Westen, auch das kann man bei Taubman detailliert nachlesen, Gorbatschow im Grunde ein bisschen über den Tisch gezogen hat. Womit wieder die Frage seiner Beliebtheit in Russland gestreift wird, denn viele Russen nehmen ihm seine Zugeständnisse an den Westen ziemlich übel, während viele hier ihn dafür lieben.

William Taubman: "Gorbatschow. Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie"
Bildrechte: C.H. Beck

Angaben zum Buch William Taubman: "Gorbatschow. Der Mann und seine Zeit"
C.H.Beck-Verlag
935 Seiten
38 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juli 2018 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2018, 06:15 Uhr