500 Jahre Industriekultur in Sachsen Landesausstellung Sachsen beschäftigt sich mit Ausbeutung im Bergbau

Der Annaberger Bergaltar von 1521 zeigt detaillierte Bilder des damaligen Bergbaus in Sachsen. In der Landesausstellung steht er im Zentrum einer fulminanten Videoinstallation über Ausbeutung im Bergbau damals und heute.

Eine Videoinstallation zum Annaberger Bergaltar läuft in der fast fertigen Landesausstellung im Audi-Bau.
Die Videoinstallation zum Annaberger Bergaltar kurz vor Eröffnung der Landesausstellung im Zwickauer Audi-Bau. Bildrechte: dpa

Eine Restauratorin steht vor dem Bergaltar in der St. Annenkirche. Besser gesagt dahinter, denn sie betrachtet eingehend die vier Bildtafeln auf der Rückseite. Ganz nah tritt sie an dieses 500 Jahre alte Meisterwerk heran und erkundet Detail für Detail. Damit beginnt die Geschichte, die in der Videoinstallation erzählt wird.

Der Maler Hans Hesse, der von der Knappschaft der Annaberger Bergleute beauftragt wurde, schildert auf den Holztafeln präzise den Erzabbau in Sachsen und bergmännisches Leben zu Beginn des 16. Jahrhunderts, was den 1521 geweihten Altar letztlich zu einem einzigartigen Zeugnis mittelalterlichen Silberbergbaus macht.

Alle Arbeitsschritte beim Bergbau werden gezeigt

Der Betrachter, hier in Gestalt der Restauratorin, sieht auf den Holztafeln sämtliche Arbeitsschritte, angefangen bei der Erkundung und Vermessung des Geländes, über die Aufbereitung und Verhüttung der Erze bis hin zur Prägung der Silbermünzen. Steiger, Hauer, Haspelknechte und Erzklopfer – sie alle haben ihren Auftritt auf dem Gemälde, aber auch in den Videosequenzen der Installation.

Deborah Jeromin gehört zum sechsköpfigen Kollektiv aus Absolventen und Meisterschülern der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, das den Annaberger Bergaltar neu interpretiert hat. "Einerseits haben wir die Restauratorin, die an der Oberfläche anfängt und ja auch für die Erhaltung der Oberfläche sorgt", erklärt Jeromin, "und gleichzeitig sich aber so da rein denken kann und weiß, woraus diese Oberfläche besteht und dann natürlich im Verhältnis zu dem, was das Gemälde abbildet, den Bergbau und das Abtragen von Oberfläche."

Auch die Protagonistin beginnt, unter die Oberfläche zu schauen, immer tiefer gräbt sie sich in die Sphären des Bergbaus hinein. So besorgt sie sich historische Werkzeuge und ahmt damit die Bewegungen der Bergleute nach, wie man sie – eingefroren – auf dem Altargemälde sieht.

Bewegungen der Restauratorin wurden digitalisiert

Mit einem Trackingsystem wurden die Bewegungen der Restauratorin aufgezeichnet und in ein digitales Datenmuster transferiert, in rhythmische, sich immer wiederholende Muster. Damit referieren die Künstlerinnen und Künstler auf den russischen Avantgardisten Aleksei Gastev, der zu Beginn der 1920er-Jahre Arbeitsprozesse analysierte und daraus eine motorische Feinanpassung des Menschen an die Vorgaben der Maschinen ableitete.

"Am Beispiel von seiner Arbeit haben wir einen Index der Bewegung entwickelt, den man im Video auch sehen kann", erklärt Deborah Jeromin. "Und da geht es darum, wie diese Arbeitsbewegungen kategorisiert werden können und wie die den Körper auch verändern beziehungsweise sich einschreiben zum Beispiel in die Felswände oder in Natur."

"Ausbeutung oder wie man die Oberfläche durchbricht" – so lautet der Titel der Großprojektion. Auf fünf digitalen, miteinander synchronisierten Leinwänden, die drei Meter hoch und zusammen acht Meter breit sind, dokumentieren die Videokünstler unterschiedliche Formen der Ausbeutung und den Bedeutungswandel, der sich über die Jahrhunderte vollzogen hat.

Die Installation als künstlerische Forschung

Waren es beispielsweise die noch immer sichtbaren Spuren in der Landschaft und unter Tage, die die Bergleute bei ihrer Suche nach Erzen verursacht haben, hinterlassen wir heute digitale Spuren. Und wenn früher das Silber der Region den Reichtum brachte, so sind es heute, neben etwa seltenen Erden und Öl, auch Daten. Nicht umsonst spricht man von "data mining".

Deborah Jeromin bezeichnet ihre Arbeit als "künstlerische Forschung", die verschiedene Disziplinen umfasse und Vergleiche anstelle. "Wir können visuell forschen, auch Phänomene visuell ins Verhältnis setzen. Wir haben Salzkristalle und Pixel nebeneinander gestellt, oder die glänzende Oberfläche eines Tablets und die glatte Oberfläche abgebauter Landschaft."

Damit leitet Deborah Jeromin über auf eine weitere Spur, der die Videokünstler in ihrer Arbeit vom Erzgebirge ausgehend in ein Bergbaugebiet nach Bolivien gefolgt sind. Auch dort wurde ab dem 16. Jahrhundert Silber abgebaut, übrigens nach Annaberger Bergrecht.

Die Bergbaugeschichte in Sachsen setzt sich fort

"Uns war es wichtig, die Kontinuitäten darzustellen, die seit dem Silberabbau im Erzgebirge zu erkennen sind", so Jermon weiter. In erster Linie gehe es um Ausbeutung – "um Ausbeutung der Natur und um die Ausbeutung der Menschen, und die Ausbeutung der Menschen, die da im Silberabbau ihre Körper eingesetzt haben – das kann man bis heute nachverfolgen, wie diese Ausbeutung in der Globalisierung sich fortgesetzt hat und auch verlagert."

In der Region in Bolivien ist inzwischen Lithium, das "weiße Gold" der neue Heilsbringer, letztlich auch Voraussetzung für die digitale Arbeit des Leipziger Künstlerkollektivs. Gleichzeitig verweist das zurück ins Erzgebirge, wo unlängst eines der größten Lithiumvorkommen Europas entdeckt wurde, und so ist es wieder in vollem Gange, das neue Berggeschrey in Sachsen.

Angaben zur Ausstellung 4. Sächsische Landesausstellung: "Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen"
Audi-Bau Zwickau, Audistraße 9
11. Juli 2020 bis 31. Dezember 2020

Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2020 | 18:40 Uhr