Neues Sachbuch nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse "Im Brand der Welten" – Ivo Andrićs erstaunliches Leben als Dichter-Diplomat

Seit Jahren erkundet Michael Martens das südöstliche Europa. Als FAZ-Korrespondent lebte er in Belgrad, Istanbul und Athen. Für sein Buch-Debüt recherchierte er "Die Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte"; der sich weigert, Partisanen zu erschießen und daraufhin selbst getötet wird. Nun erforscht er die erstaunliche Karriere des großen serbischen Dichters Ivo Andrić, der nicht nur Zeitgenosse, sondern auch Protagonist einer totalitären Epoche war. "Im Brand der Welten" wurde in der Kategorie Sachbuch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Es ist nicht sehr verwunderlich, dass Goethe zu den Hausheiligen von Ivo Andrić gehörte. Das lag nicht nur an Goethes literarischen Arbeiten, die Andrić bewunderte; sondern mehr noch vielleicht an dessen größtem Kunstwerk, seinem Leben. Kaum eine Künstlerexistenz schien so vollkommen und weitgefächert zu sein. Was nicht zuletzt auch an Goethes Fähigkeit lag, sich in den politischen Machtgefügen seiner Zeit geschickt zu positionieren. In dieser Hinsicht hat sich der 1961 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Ivo Andrić ein Beispiel am Geheimen Rath genommen.

Damit dieses Werk überhaupt geschrieben und danach auch gedruckt werden konnte, musste Andrić Kompromisse eingehen. Den größten Teil seines Lebens lebte er in finsteren Zeiten, in denen sich selber in Gefahr bringen konnte, wer für andere eintrat. Um sein Werk zu schützen und dessen Verbreitung zu fördern, verfolgte Andrić einen Weg pragmatischer Anpassung.

Zeitgenosse und Protagonist einer totalitären Epoche

So lautet das nicht unbedingt schmeichelhafte, aber durchaus gerechte Fazit, das am Ende einer dieses Schriftstellerleben und die finsteren Zeiten genauestens ausleuchtenden Biografie steht: Michael Martens "Im Brand der Welten" bringt uns nicht nur ein beeindruckendes Werk näher – die Romane "Wesire und Konsuln" und "Die Brücke über die Drina" gehören unzweifelhaft zur Weltliteratur; mehr noch dringt Martens tief ein in die wechselvolle, katastrophale Geschichte des 20. Jahrhunderts. Als Journalist, der seit vielen Jahren vom Balkan berichtet, hatte er Zugang zu etlichen Quellen und Bibliotheken.

Ivo Andrić war nicht nur ein Zeitgenosse dieser totalitären Epoche, sondern zuweilen als ein Protagonist mittendrin. Seine Geschichte aber beginnt bereits Ende des 19. Jahrhunderts im bosnischen Travnik:

In diese Welt, in der die Habsburger herrschen, die osmanische Vergangenheit aber noch lebendig ist, wo Menschen zu Göttern mit unterschiedlichen Namen beten, aber dieselben Teufel und Hexen fürchten, wird im Herbst 1892 Ivon Andrić hineingeboren. Die an Pflaumen, Liedern und Legenden reiche Provinz wird ihm lebenslang Stoff für Romane und Erzählungen liefern. Andrić wird Bosnien in Worte verwandeln.

Autor und außerordentlicher Gesandter

Andrić ist sein Leben lang Anhänger eines südslawischen Staates – er gehört am Rande zu jener aufrührerischen Gruppe "Junges Bosnien", aus dessen Reihen Gavrilo Princip hervorgeht, der 1914 das Attentat auf Franz Ferdinand verübte und damit den Ersten Weltkrieg auslöste. Nach 1918 machte Andrić Karriere als Diplomat, seine Stationen: Triest, Genf, Paris, Marseille, Rom, Bukarest, Graz und Madrid. Zu dieser Zeit beginnt auch sein literarischer Stern in Jugoslawien aufzugehen; er wird als Autor immer bekannter.

Den Höhepunkt seiner administrativen Laufbahn erreicht er, als er zum stellvertretenden Außenminister und zum "außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister an der königlichen Gesandtschaft" in Hitlers Berlin berufen wird. Dem mehrsprachigen Andrić kommt die Aufgabe zu, die Deutschen zu besänftigen und von einem Überfall auf Jugoslawien abzuhalten.

Für Andrić beginnt im Juni 1941 eine wunderbare Zeit in einer schrecklichen Zeit.

Was am Ende bekanntlich misslingt. Während des Kriegs geht der dichtende Diplomat nicht ins Exil, sondern harrt in Belgrad aus.

Ein Kind seiner Zeit

Dreieinhalb Jahre schweigt der ehemalige Repräsentant des Königreichs Jugoslawien. Scheinbar. Er schreibt. In dieser kurzen Spanne entstehen jene großen Werke, die nach 1945 seinen Weltruhm begründen werden. Es ist erstaunlich, durch welche Zufälle, aber auch opportunistische Fähigkeiten es Andrić gelingt, im kommunistischen Jugoslawien unter Tito nicht nur nicht in Ungnade zu fallen, sondern nach und nach zu dem literarischen Repräsentanten des neuen Staates aufzusteigen.

Martens Biografie zeichnet materialreich das Bild eines Mannes, der nach außen Unnahbarkeit und Strenge ausstrahlte und dessen Innenwelt vielschichtige literarische Panoramen hervorbrachte. Ein Mann, der sich zwar nicht schuldig gemacht hat, aber auch keine Haltung zeigte, wenn es etwa darum ging, sich für Schriftstellerkollegen einzusetzen. Das Buch ist scharf in seinen historischen Analysen, wenn auch nicht alle ganz ausgewogen scheinen, stark in seiner Durchdringung der Widersprüche des 20. Jahrhunderts und der Auswertung unterschiedlichster Quellen. Andrić wird von Martens nicht heroisiert; aber der Autor macht es sich auch nicht einfach mit seinem Urteil, das ja doch aus einer sicheren historischen Distanz gesprochen wird. Eines macht uns diese stupende Arbeit deutlich: Andrić war seiner Zeit eben nicht voraus, "sondern ganz ihr Kind – auch dort, wo es eine hässliche Zeit war."

"Im Brand der Welten" wurde in der Kategorie Sachbuch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert.

Angaben zum Buch Michael Martens: Im Brand der Welten. Ivo Andrić.
Ein europäisches Leben
Biografie
Zsolnay Verlag, 2019
496 Seiten, 28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2020 | 18:05 Uhr

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