Interview mit Regisseur Hans-Werner Kroesinger "Brennende Erde": Schauspiel Leipzig bringt Umweltfragen auf die Bühne

Um die Braunkohle, Umweltzerstörung und das, was bleibt von einem Arbeitsleben im DDR-Tagebau, auch darum dreht sich das Dok-Theater-Stück "Brennende Erde", das am Freitagabend am Schauspiel Leipzig Uraufführung feiert. Intendant Enrico Lübbe engagierte das Regie-Duo Regina Dura und Hans-Werner Kroesinger für dieses Projekt. Nach "Wismut" und "Gold & Coal" rückt damit erneut unser fixer Umgang mit den endlichen Ressoucen in den Fokus. Doch lassen sich Umweltfragen auf der Bühne verhandeln?

Szene aus "Brennende Erde am Schauspiel Leipzig 8 min
Bildrechte: Schauspiel Leipzig / Rolf Arnold

MDR KULTUR: Ihr Dokumentartheater-Stück dreht sich um die Braunkohle. Das ist ein ganz, ganz großes Thema auch im mitteldeutschen Raum. "Brennende Erde" - der Titel klingt jetzt im Moment mehr nach Australien denn nach Mitteldeutschland. Wie gehen Sie mit dieser unbeabsichtigten Aktualität um? Konnten sie darauf reagieren?

Hans-Werner Krösinger, Regisseur: Wir können darauf reagieren, weil wir gründlich gearbeitet haben. Die Waldbrände haben wir ja auch schon seit Längerem, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie wir sie jetzt in Australien haben. Wir beschäftigen uns mit der Geschichte dieser Ressource, die ja eigentlich mal aus Bäumen entstanden ist. Wir fragen, wann wird daraus eine Ressource, die verbraucht wird? Was passiert mit diesem Rohstoff - und mit uns, die wir diesen Rohstoff verbrauchen?

Inwiefern ist das spezifisch auch auf die Leipziger Region gemünzt?

Winter im Tagebau.
Kampf um die Kohle zu DDR-Zeiten Bildrechte: MDR/Schutt

Sehr, weil wir hier in der Region unterwegs waren. Wir haben mit Leuten gesprochen, die damals in der Braunkohle im Tagebau gearbeitet haben, aber auch mit denen, die in der Umweltbewegung der DDR aktiv waren. Regina Dura hat Materialien zusammengestellt aus Zeitschriften aus den 50er-Jahren, beispielsweise der "Jugend und Technik", die kennen vielleicht einige noch. Da wird mit einer unglaublichen Faszination von der Braunkohle gesprochen. In einem Text aus dem 19. Jahrhundert wird gesagt: Dieses Braunkohle-Vorkommen rund um Leipzig, das ist ein Versprechen für die Stadt. Eine Ressource, die Reichtum garantieren wird. Eine Vision für die Zukunft. Es wird gut für die Leute. Es wird Fortschritt geben, an dem alle beteiligt sind.

Eine positive Verbindung zum Thema Braunkohle konnte man ja auch unlängst besichtigen in dem wunderschönen Film von Andreas Dresen über Gundermann, der ja auch nicht vorstellbar ist, ohne den Rhythmus des Baggers. Ohne wären ihm wahrscheinlich nicht so viele gute Lieder eingefallen ...

Kohleproteste Tagebau Schleenhain
Proteste gegen den Tagebau Schleenhain bei Leipzig Bildrechte: dpa

Das stimmt, wir haben einen seiner Texte verwendet. Das Schöne bei Gundermann ist ja tatsächlich, dass er aus dem Arbeitsprozess kommt, dass er den Tagebau kennt, seine eigenen Erfahrung festhält in diesen Liedern, die dort, wo er herkommt, fast Allgemeingut sind. Wenn man mit Leuten spricht, die in der Braunkohle gearbeitet haben, die kennen das, was er geschrieben hat. Das gehört mit zur Identität. Das Besondere an diesen Liedern ist, dass sie auch die Widersprüche festhalten: Nämlich dass man mit seiner Arbeit was tut für ein Land, was wichtig ist und gebraucht wird. Dass man aber weiß, dass man damit auch die Umwelt zerstört. Das ist der Preis, den man zahlt, für den Fortschritt.

Sie haben den Ruf, ein sehr guter Dokumentar-Theatermacher zu sein, ihnen wird nachgesagt, wahnsinnig viel zu recherchieren und dass von diesen Recherchen auch sehr viel in den jeweiligen Inszenierungen landet, wodurch sie möglicherweise auch intellektuell fordernd und anstrengend sein können. Wie ist es in diesem Fall?

Szene aus "Brennende Erde am Schauspiel Leipzig
Zu den Recherchen im Leipziger Südraum gehörten auch Gespräche mit Tagebau-Arbeitern. Bildrechte: Schauspiel Leipzig / Rolf Arnold

Dass wir die Leute fordern, ist ja gut. Wenn sich Leute im Theater versammeln, wissen sie, da wird was verhandelt auf der Bühne. Und zwar für sie. Es ist entstanden mit den Spielern, die im gleichen Raum sind mit den Leuten. Die bekommen diese Energie mit. Theater ist ja eine Form von Energie, die entsteht in der Auseinandersetzung mit dem Material. Jetzt kommt ihre Energie als Zuschauer dazu. Da entsteht etwas, das nur an diesem Abend möglich ist, zwischen ihnen und den Spielern. Das schafft einen Freiraum, sich anders mit dem Thema beschäftigen zu können. Das hat einen hohen Energieverbrauch, das stimmt. Aber Sie bekommen eine Menge zurück, ein Erlebnis, Eindrücke, Anregungen zum Weiterdenken. Das ist in dieser Form nur im Theater möglich, glaube ich.

Bei welchen Themen funktioniert dokumentarisches Theater besonders gut?

Szene aus "Brennende Erde am Schauspiel Leipzig
Schauspieler Markus Lerch Bildrechte: Schauspiel Leipzig / Rolf Arnold

Bei allen, die was mit Ihnen selbst zu tun haben. Ich überlege schon, bevor ich zu solch einem Projekt zusage. Denn wir investieren relativ viel Lebenszeit, im Schnitt mindestens ein halbes, ein dreiviertel Jahr. Wenn man älter wird, dann überlegt man sich schon: Wofür macht man das? Es muss einen Grund geben. Über die Braunkohle wusste ich nicht sehr viel. Als wir angefangen haben, darüber zu arbeiten und hier in die Region mit Leuten zu sprechen, hatten wir sehr viele schöne und berührende Begegnungen mit Menschen, die uns erzählt haben, was das mit ihrem Leben gemacht hat. Auf einmal fängt man zu übertragen: Aha, so war das in der DDR. Wie war das in der BRD? Ich komme ja aus der Bundesrepublik. Wo sind da ähnliche Erfahrungen? Was hat mit meinem Verhalten zu tun? Wie gehe ich selber mit Energie um? Was sind Problemstellungen, die im Moment auf dem Tisch liegen?

Das Faszinierende ist, dass die DDR-Umweltbewegung permanent observiert vom Ministerium für Staatssicherheit war. Das heißt, das MfS und auch der Staat war darüber informiert, was diese Zerstörung bedeutet für die Gesundheit der Menschen, für die Region, was da passiert. Wir haben die persönlichen Geschichten gegengeschnitten mit den Berichten aus dem Ministerium für Staatssicherheit. Und fragen: Was passiert danach, nach der Wende: Was passiert mit Menschen, die gearbeitet haben in dem Selbstverständnis, dass ihre Arbeit wichtig ist und plötzlich sagt man ihnen: Das ist nichts mehr wert. Ihr macht nur die Natur kaputt. In den 90er-Jahren kommt es zu Massenentlassungen. Es gibt einen Strukturwandel in der Region. Das Ganze wird plötzlich Finanzmasse, zum Spiel für Investoren. Energie wird zur Ressource, mit der hohe Gewinne erzielt werden können. Der beschleunigte Kapitalmarkt trifft auf eine Ressource, die über sehr lange Zeiträume entstanden ist. Daraus folgen Konflikte. Auf der Bühne kann man sie produktiv verhandeln.

Mit den dann wieder hergerichteten Tagebau-Gebieten wird ja finanziell einiges veranstaltet. Mitunter entstehen lukrative Wassergrundstücke ...

Yachthafen am Cospudener See
Yachthafen am Cospudener See Bildrechte: MDR/Dabdoub

Einer von den Arbeitern sagte, das sei früher sein Traum gewesen: Man hat zwei Garagen, die eine zur Straße und die andere fürs Boot am See. Da sind eben nur nicht alle beteiligt. Das Interessante an diesen Seen in den Tagebau-Folgelandschaften ist, wenn man drauf schaut oder drumherum fährt, denkt man erst mal: tolle Seenlandschaft! Aber was passiert da? Der Grundwasserspiegel senkt sich, die Böden sind für die Landwirtschaft kaum ertragreich. Es können nur bestimmte Arten von Bäumen angepflanzt werden. Und auch die Wasserqualität der Seen muss mit tausenden Tonnen Kalk erst hergestellt werden, damit man überhaupt drin baden kann. Je mehr man über die Region und ihre Geschichte weiß, umso mehr verändert sich der Blick auf die Gegend. Es gibt ein schönes Zitat von Heiner Müller: "In den Zeiten des Verrats sind die Landschaften schön." Wenn Sie auf die Landschaft draufgucken, haben sie ein wunderschönes Panorama. Aber je mehr Sie über die Entstehung dieser Landschaft wissen, umso fragwürdiger wirkt diese scheinbare Schönheit.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Angaben zur Aufführung Brennende Erde
Projekt von Regine Dura & Hans-Werner Kroesinger

Schauspiel Leipzig - Diskothek
04109 Leipzig
Eingang Bosestraße/Ecke Dittrichring

Uraufführung: 17.01.2020 | 20 Uhr - Ausverkauft
Weitere Vorstellungen: 21.01. / 25.01. / 06.02. | 20 Uhr

Mehr über Gundermann

Braunkohle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Januar 2020 | 08:40 Uhr

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