Rezension "Brennende Erde": Dürftiges Doku-Theater über Braunkohle

Das Schauspiel Leipzig hat sich an ein Stück Dokumentartheater gewagt: "Brennende Erde" von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura handelt von der Tradition des Braunkohletagebaus und seinen Folgen für die Region. Am Freitag war die Uraufführung. Die Idee hinter dem Stück ist gut, doch die Umsetzung dürftig, sagt unser Kritiker.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

"Brennende Erde" am Schauspiel Leipzig
"Brennende Erde" auf der kleinen Bühne am Schauspiel Leipzig Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Die Inszenierung wirkt schwach und auch schlecht geprobt. Das liegt zunächst an der Bühnenlösung: Auf der kleinen Bühne des Schauspiels, der Diskothek, wurde über die volle Breite gespielt. Geschätzt sind das über 20 Meter, und das Regieduo hat sich entschieden, diese Breite komplett zu bespielen, indem die Geschichten parallel erzählt werden: also links eine, in der Mitte eine, und rechts auch noch eine.

Damit gab es sehr schnell den Punkt, dass in der Bühnenmitte gestempelt wurde, während ganz links ein Schauspieler, Markus Lerch, in die Rolle eines Bergarbeiters schlüpft, der sich in einer Interviewsituation an seine Arbeitswelt erinnert. Lerch spielt das realistisch nach, sehr gekonnt, kommt aber mit der Stimme, die ja situativ bedingt eher leise ist, nicht durch.

Die Schauspieler sind schlecht zu verstehen

"Brennende Erde" am Schauspiel Leipzig
"Brennende Erde" basiert auf Interviews mit Zeitzeugen der Leipziger Tagebau-Geschichte Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Überhaupt bleibt die Sprechkultur bei den Schauspielern auf der Strecke, ausgerechnet bei diesem Dokumentartheater, wo ja der Text im Zentrum steht. Es wird genuschelt, und auch die Technik fehlt, um die Stimme zu führen. Nur Andreas Keller konnte überzeugen. Er wusste auch, wie man eine Schippe hält und einen Nagel ins Holz schlägt, während alle anderen Schauspieler dasjenige, wovon sie sprachen und spielten, nur ansatzweise, als billige Nachmache, in ihre Körper übersetzt bekamen. Es kamen mehrfach auch Texthänger vor. In meinen Augen war das einfach zu wenig Probenzeit.

Auch das Thema war letztendlich nicht neu. In den 90er-Jahren gab es eine Oper von Jörg Herchet mit dem Titel "Abraum", die in Leipzig uraufgeführt wurde und den Raubbau an der Natur, an "Mutter Erde", thematisierte. In der Ära Wolfgang Engel gab es die Uraufführung von Armin Petras' Stück "Sterne über Mansfeld". Da ging es um den Kupferbergbau. Auch Sebastian Hartmann hatte eine Theater-Exkursion nach Espenhain im Programm.

Bergbau als Theater-Schwerpunkt

Und jetzt, in dieser Spielzeit, ist das Braunkohle-Thema wieder ein Schwerpunkt: Im Oktober gab es ein Stück zum Uranabbau in der "Wismut". Ende November war dann eine Performance zu "Gold und Kohle" zu sehen. Bei Klima- und Energiepolitik hat das Schauspielhaus den Finger auf der Wunde.

Was die Ästhetik betrifft, wird "Brennende Erde" ganz klassisch vorgestellt. Das Regieduo setzt auf die Überzeugungskraft des Wortes. Es wurden Interviews mit Zeitzeugen geführt; dazu kommen Briefe, Berichte – auch von der Stasi – und dieses Material wird dann nachgespielt. Das allerdings nicht eins zu eins, sondern es bleibt abstrakt – was gut ist.

Zum Beispiel werden Braunkohlebriketts wie Dominosteine aufgestellt; im Hintergrund laufen ein paar Videos, die den Tagebau zeigen, oder leergezogene Häuser, kurz bevor der Bagger kommt.

Nur ein Darsteller überzeugt

"Brennende Erde" am Schauspiel Leipzig
Szenenbild aus "Brennende Erde" am Schauspiel Leipzig Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Ich muss nochmal Andreas Keller hervorheben – vielleicht auch, weil er als Leipziger und langjähriges Ensemblemitglied das alles selbst miterlebt hat. Keller versucht in seinem Spiel die Texte immer auch zu kommentieren. Da kommt also eine zweite Ebene ins Spiel, was sonst leider fehlt oder nur behauptet wird, und dann nur zum Klischee reicht.

Die Geschichte der "Brennenden Erde" wird von Anbeginn an erzählt, also auch, wie die Braunkohle überhaupt entsteht. Das ist der Stückbeginn, und hier ist das auch ein sehr poetisches, schönes Bild. Dann wird es bis ins Heute erzählt.

Nicht nur die Umweltpolitik der DDR wird kritisiert

Interessant dabei, dass hier nicht nur die böse DDR als Umweltzerstörerin zur Sprache kommt – das ist ja sowieso klar – aber auch die Nachwendezeit ist Thema mit ihrer Verknüpfung von Wirtschaft und Politik, bis zur neoliberalen Profit-Mentalität, die sogar noch einrechnet, dass man am neuen Umweltbewusstsein verdienen kann, was dann Entschädigungen betrifft, die die Kraftwerksbesitzer quasi als neues Hauptgeschäft betreiben.

Das ist alles also kritisch und schön gedacht, in den Mitteln allerdings nicht mehr up to date. Kleiner Hoffnungsschimmer: Wer neu in Leipzig ist, wird hier in gut eineinhalb Stunden rein vom Text ganz gut gebrieft und kann im nächsten Sommer ganz anders und viel bewusster im Cospudener See schwimmen gehen.

Angaben zum Stück "Brennende Erde" am Schauspiel Leipzig

Weitere Termine:
Di., 21. Januar 2020, 20 Uhr
Sa., 25. Januar 2020, 20 Uhr
Do., 6. Februar 2020, 20 Uhr

Mehr Theater

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2020 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 15:43 Uhr

Abonnieren