Porträt Born to Run: Bruce Springsteen wird 70 – Warum seine Lieder bleiben

Seine Songs handeln oft von Einsamen und Verlierern. Aber er ist und bleibt der Boss: Bruce Springsteen, Stimme und Chronist des modernen Amerikas. Seine Lieder werden bleiben, sagt Kritiker Stefan Maelck und gratuliert dem wichtigsten amerikanischen Songschreiber neben Bob Dylan und Neil Young mit einem Porträt zum 70. Geburtstag am 23. September.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR

Wer wissen will, wie es war, in den 1950- und 1960ern in Freehold, New Jersey aufzuwachsen, der braucht nur den Song "Growin' up" aus dem Frühwerk von Bruce Springsteen zu hören – alle wichtigen Schlagwörter dieser Zeit kommen darin vor, das wichtigste lautet: Jukebox. Aber auch von Piratenflagge und Segel singt der junge Bruce und beschreibt sich als kosmisches Kind in vollem Kostüm.

Von Müttern und Vätern

Noch genauer kann man das alles in Springsteens Autobiografie nachlesen, in der er viel über seine Eltern schreibt: "Meine Mutter überschüttete mich mit Zuneigung. Die Liebe, die ich von meinem Vater nicht bekam, bemühte sie sich zu verdoppeln (...) Ich weiß nur, dass sie mir immer den Rücken gestärkt hat. Wenn ich wegen irgendwelcher Bagatellvergehen mal wieder auf dem Polizeirevier gelandet war, holte sie mich regelmäßig ab. (...) Sie kaufte mir meine erste elektrische Gitarre. (...) Sie war der perfekte Elternteil für mich (...) – kurz bevor meine Welt explodierte", schreibt er in "Born to run". An ihren Lebensprinzipien – Wahrheitsliebe, Verlässlichkeit, Freundlichkeit, Mit- und Ehrgefühl, unerschöpfliche Lebenslust, um nur einige zu nennen – hat er sich zu orientieren versucht. Sein Vater kommt hingegen schlecht weg, einen Misantrophen nennt er ihn: "Wenn ich ihn aus der Kneipe holen ging, saß er oft allein am Ende des Tresens. Seiner Überzeugung nach war die Welt voller Betrüger, die nur auf sein Geld aus waren."

 "Plötzlich öffnete sich die Tür aus dieser scheintoten Welt"

Springsteen: Born to run. Die Autobiografie
Über den Ausbruch aus dem "Kleinstadt-Grab" Bildrechte: Heyne

Der Vater hat Springsteen nie losgelassen, immer wieder versucht er, die Beziehung zu ihm in Songs aufzuarbeiten. Zugleich ist dieser Psychopath aber auch der entscheidende Antrieb für den jungen Springsteen, das kleinbürgerliche Milieu verlassen zu wollen. Der andere Auslöser ist das, was Springsteen als Urknall beschreibt: 1956 die Ed-Sullivan-Show im Fernsehen: "Und mit einem Mal war da Hoffnung, war da Sex, Rhythmus, Begeisterung. Da waren Aussichten, eine neue Art zu sehen, zu fühlen, zu denken, den eigenen Körper zu erkunden. (...) Und plötzlich öffnete sich die Tür aus dieser scheintoten Welt." Für ihn gleicht sie einer "Befreiung aus dem Kleinstadt-Grab, in dem all die Menschen, die ich von ganzem Herzen liebte und fürchtete mit mir zusammen beerdigt lagen."

Bruce Springsteen kann nicht nur gute Songs schreiben, auch seine Autobiografie ist ein literarischer Genuss, ein großer amerikanischer Roman der Emanzipation, nur eben nicht fiktiv.

"Willst Du was riskieren?"

Und so handeln die wichtigsten Kapitel des 670 Seiten starken Buches nicht vordergründig von Springsteens Siegen und nicht von seinen Depressionen, sie handeln davon, wie das Werk eines Mannes entsteht, der schon sehr früh eine genaue Vorstellung davon hat, wo er hin will. Es handelt von einem Mann, der eigentlich nur auf die andere Seite des Flusses will, nach New York City und der die ganze Welt mit seinen Liedern erreicht. Springsteen erzählt über seine Freundschaft zu Little Steven, über die große Liebe seines Lebens Patti Scialfa, das Jersey Girl aus dem gleichnamigen Song, und über viele andere Episoden. Vor allem aber handelt "Born to run" von dem, was den Mittelpunkt in Springsteens Leben ausmacht: Musik.

Ich hatte mir "Born to Run" als eine Reihe locker verbundener Episoden vorgestellt, die sich während eines einzigen langen Sommertages und der darauffolgenden Nacht abspielten. Das Album beginnt mit der frühmorgendlichen Mundharmonika von "Thunder Road". Die zentralen Figuren des Albums werden vorgestellt und die entscheidende Frage stellt sich: Willst Du was riskieren?

Bruce Springsteen über sein Album "Born to Run"

Botschaft an die Community: Du bist nicht allein

Genauso wichtig wie das wovon Springsteen in seinen Liedern erzählt, war immer auch, aus welcher Perspektive er es erzählt. Er glaubt, dass Menschen Künstlern folgen, Filme und Konzerte besuchen, weil sie "Teil einer Gemeinschaft sein" wollen, in der sie sich "verstanden fühlen in ihrem Anderssein":

Rund 150.000 Fans aus allen Teilen der DDR umjubelten am 19.07.1988 in Ost-Berlin den US-Rock-Star Bruce Sprinsteen, der mit seiner "E-Street-Band" vier Stunden lang sein Publikum im Rahmen seiner Welt-Tournee begeisterte.
"Tramps like us we're born to run" - rund 150.000 Leute bejubeln Springsteen bei seinem Konzert im Juli 1988 in Ost-Berlin. Bildrechte: dpa

Die Gemeinschaftserfahrung einer Community fängt Leute auf. Letztlich wollen sie aus Filmen, Romanen und Liedern eins erfahren: Ich bin nicht allein. Deshalb finden sich auf meinen Platten immer wieder diese isolierten, frustrierten Charaktere; Außenseiter, die versuchen, Teil einer Gemeinschaft zu sein und das nicht hinbekommen. Jeder macht diese Erfahrung, ich habe sie immer wieder gemacht: Mein ganzes Leben hab' ich mich draußen gefühlt.

Bruce Springsteen

Springsteen on Broadway

Das Schild am Walter Kerr Theatre am Broadway wirbt für die Show von Bruce Springsteen.
Walter Kerr Theatre am Broadway Bildrechte: dpa

Zuletzt hat Springsteen 236 Shows am Broadway gegeben, in denen er Passagen aus seiner Autobiografie erzählte und seine besten und bekanntesten Songs spielte. Die Auftritte am Walter Kerr Theatre fanden zwischen Oktober 2017 und Dezember 2018 statt, immer montags bis freitags. Springsteen witzelte danach gern, dass er mit 69 den ersten regulären Job seines Lebens angetreten hätte.

Wenn er bei diesen Auftritten an die Menschen erinnerte, die er auf dem Weg verloren hat – wie seinen Saxophonisten Clarence Clemons oder Keyboarder Danny Federici dann, so Springsteen, spürt er zugleich, wie die Seelen der Toten in Zeit und Raum für immer da sind – nicht zuletzt in den Liedern, die wir singen. Lieder, die bleiben werden.

Buch- & Hörbuchtipp Bruce Springsteen – Born to run. Die Autobiografie
Aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner, Daniel Müller, Alexander Wagner und Urban Hofstetter
Heyne, 670 Seiten
ISBN: 978-3-453-20131-6
27,99 Euro

"Born to Run" ist mehr als eine Autobiografie, es ist ein Buch über die amerikanische Geschichte der letzten 60 Jahre, ein Buch über Popkultur, Mythen und Macken. Großartige Lektüre, die euphorisiert oder traurig macht, wie die stärksten von Bruce Springsteens Liedern.

Hörbuch
Gelesen von Thees Uhlmann
ca.17:30:00
Random House Audio
27,99 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. September 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 04:00 Uhr

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