Hideo Yokoyama, 2016
Der Schriftsteller Hideo Yokoyama Bildrechte: IMAGO

Neuer Roman von Hideo Yokoyama Japans Erfolgsthriller "64" jetzt auf Deutsch erhältlich

Hideo Yokoyama zählt zu Japans erfolgreichsten Krimi-Autoren. An seinem Thriller "64" hat er zehn Jahre geschrieben. Der Roman ist eine echte Herausforderung, schon was den Umfang angeht: 760 Seiten. Bereits 1,5 Millionen mal wurde das Buch verkauft, ist in den USA und Großbritannien ein Bestseller – und kommt jetzt in Deutschland auf den Markt.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Hideo Yokoyama, 2016
Der Schriftsteller Hideo Yokoyama Bildrechte: IMAGO

Der Roman spielt im Großraum Tokio im Jahr 2003. Im Mittelpunkt steht Yoshinobu Mikami, der früher bei der Kriminalpolizei war, aber mittlerweile unfreiwillig versetzt worden ist in die Pressestelle der Polizei, die er jetzt leitet. Ein undankbarer Job, denn Mikami muss beständig lavieren zwischen den informationshungrigen Journalisten und gewissen Geheimhaltungsklauseln der Polizei; ein – wie man sich vorstellen kann, bei knapp zehn Millionen Einwohnern – riesiger Apparat, der seine eigenen Dynamiken, Spielregeln und Fallstricke hat.

Ungereimtheiten in einem alten Entführungsfall

Der Titel "64" ist der Aktenname eines Entführungsfalles von 1989, der nie gelöst worden ist. Damals wurde das 7-jährige Mädchen Shoko, Tochter des Inhabers einer Konservenfabrik, in Tokio entführt. Und dieser Fall spielt plötzlich nach so langer Zeit wieder eine Rolle, weil Kozuka, der Generalinspektor der Nationalen Polizeibehörde Tokios, anlässlich des Jahrestages des Verbrechens den Vater von Shoko besuchen will. Doch Amamiya, so der Name des Vaters, lehnt einen Besuch ab. Das tut er in aller Höflichkeit, aber auch Entschiedenheit.

Mikami wird beauftragt, den Mann umzustimmen, weil man Angst hat, dem Generalinspektor die Situation so zu schildern, wie sie ist. Also stürzt sich Mikami in den alten Fall und stößt ziemlich schnell auf Ungereimtheiten. Und als wenn das nicht schon genug an den Nerven von Mikami zerren würde – zudem ist auch seine eigene Tochter Ayumi seit längerer Zeit verschwunden.

Die Liste der wichtigsten Protagonisten umfasst 44 Namen

Die bisher genannten fünf Namen sind nur ein minimaler Ausschnitt aus einem riesigen Personen-Aufgebot. Die wichtigsten Personen des Romans sind auf den ersten beiden Seiten aufgelistet: insgesamt immerhin 44 Namen. Nicht ganz das Telefonbuch von Tokio, aber doch ein beachtliches Figurenensemble, obwohl man natürlich viele einfach als Chor wie im griechischen Theater lesen muss.

Kleiner Lese-Tipp: Nicht kirre machen lassen von den vielen Namen – die wirklich wichtigen Figuren und deren Namen tauchen beständig immer wieder auf, und man hat sie irgendwann gespeichert. Die anderen sind eher Mittel zum Zweck – sie dienen dazu, die Unübersichtlichkeit eines Apparates zu illustrieren, eines Staates im Staat, wenn man so will.

In der Tat hat man des Öfteren das Gefühl, die japanische Version von Kafkas 'Prozess' zu lesen, nur eben aufgepumpt von 200 Seiten (Kafka) auf 750.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Mikami weiß oft nicht, welche Rolle er spielt und was ihm gerade widerfährt. Er irrt durch die Instanzen, überall werden ihm Steine in den Weg gelegt, Sachverhalte verschwiegen, Druck ausgeübt, alle Leute, denen er begegnet, kämpfen ihren eigenen Kampf und haben entweder gemeinsame oder eigene Leichen im Keller.

Die japanische Version von Kafkas "Der Prozess"

Das ist sehr gekonnt konstruiert, aber eben mit ganz langem Atem, etwa wenn Mikami über das sogenannte "Koda-Memo" stolpert und nach und nach die Puzzlesteine zusammensetzt, immer natürlich mit der Möglichkeit – und auch das gekonnt gemacht – dass man ihm überall falsche Fährten präsentiert, um ihn vom eigentlichen, damals vertuschten Versagen abzulenken.

Dabei vergessen die meisten, mit denen Mikami zu tun hat, dass er kein typischer Beamter ist, der bei der Leitung der Pressestelle Dienst nach Vorschrift macht mit dem Ansinnen, es seinen Vorgesetzten möglichst recht zu machen. Nein, Mikami ist Kriminalist und ein ziemlich guter sogar, der im Stillen auch davon träumt, irgendwann zur Kripo zurückkehren zu können. 

Der große Knall kommt erst kurz vor Schluss. Als Mikami eine Menge Dinge herausgefunden hat, die er nicht hätte herausfinden dürfen, wird noch einmal ein Mädchen entführt, aber auch das ist nur ein weiteres Ablenkungsmanöver in dieser hochkomplizierten und verästelten Versuchsanordnung. Üblicherweise wird ja im Thriller das Tempo immer mal angezogen, die Cliffhanger erschließen sich immer schneller und die Spannung steigt ins Unermessliche.

"Slowburner" statt "Pageturner"

Nicht hier. Dieses Buch ist kein Pageturner – was die Lektüre von 750 Seiten nicht unbedingt beschleunigt. Hideo Yokoyama ist sozusagen der Neuerfinder des Langsambrenners, ein Slowburner. Man muss das Buch vielmehr als Betriebsanleitung oder Gebrauchsanweisung des modernen Japan lesen: Wie die Polizisten beständig Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren, wie das Dahinscheiden des Kaisers jegliche Polizeiarbeit und sogar die Trauerfeiern für Shoko unterbrechen. Wie alle Figuren beständig nach außen ganz anders agieren, diese beständige Höflichkeit, immer muss man sich beständig Respekt bekunden – alles sicher alltäglich für Japaner, für deutsche Leser eher exotisch – ich habe viel gelernt.

Wie der Autor diese riesige Bürokratie schildert, das ist schon einzigartig.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Und auch mitgefiebert, aber so wie man eben bei Gebrauchsanweisungen mitfiebert und sich fragt, ob das Regal dann am Ende wirklich steht, wenn man sich akribisch an die empfohlenen Schritte hält. Sollte es dennoch wacklig sein, dann kann man das superschwere Buch "64" von Hideo Yokoyama reinlegen, das gibt dem Ganzen Halt.

Im Ernst: Wie der Autor diese riesige Bürokratie schildert, das ist schon einzigartig, eben auch weil es so akribisch ist und eben auch universell: Alle Bürokratien sind gleich, alle Vertuschungsaktionen von Regierungen, Kirchen, Unternehmen und Presse ähneln sich – nicht, dass wir das noch nicht wussten, aber hier bekommen wir es nochmal illustriert. Und wer auf einen spektakulären Kriminalfall verzichten kann und das Buch unter dem Aspekt liest, auch über Hierarchien und Bürokratie noch etwas lernen zu wollen, der ist hier genau richtig.

Angaben zum Buch Hideo Yokoyama: "64"
Übersetzung der englischen Version: Sabine Roth und Nikolaus Stingl
Atrium Verlag
760 Seiten, 28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 00:00 Uhr

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