Autor Lukas Rietzschel
Der Autor Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz (Ostsachsen) geboren und lebt in Görlitz. "Mit der Faust in die Welt schlagen" ist sein erster Roman. Bildrechte: Ullstein-Verlag

Buchkritik Lukas Rietzschel überzeugt mit Roman über Rechtsextremismus in Sachsen

Der Autor Lukas Rietzschel wurde 1994 in der Lausitz geboren. Sein Debüt-Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" ist hochaktuell: Er handelt von jungen Männern in Sachsen, die zu Neonazis werden. MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt stellt das Buch im Gespräch vor.

Autor Lukas Rietzschel
Der Autor Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz (Ostsachsen) geboren und lebt in Görlitz. "Mit der Faust in die Welt schlagen" ist sein erster Roman. Bildrechte: Ullstein-Verlag

MDR KULTUR: Was ist das Besondere an diesem Buch?

Matthias Schmidt: Wir haben hier einen der wirklich seltenen Fälle, in denen ein Debüt-Roman nicht nur formal und literarisch sehr gelungen ist, sondern auch politisch höchst relevant. Das "Buch der Stunde" wird dann ja immer gerne gesagt. Ich glaube, es ist der Roman über den Osten der 2000er-Jahre schlechthin.

Er spielt in der Lausitz, Rietzschels Heimat, und schildert, vereinfacht gesagt, wie junge Männer in einer solchen Provinz zum Nazi werden. Das sind ja die Fragen, die gerade nach Chemnitz und Köthen wieder gestellt werden: Wie tickt der Osten, warum gibt es hier so viele, die extrem rechts sind, gewaltbereit und fremdenfeindlich? Und warum sind hier sogar scheinbar ganz normale Bürger bereit, mit Rechtsextremen gemeinsam durch eine Stadt zu marschieren? Der Roman gibt natürlich keine direkten Antworten, aber das, was er erzählt vom Leben "draußen in der Fläche" und wie er es erzählt, ist eben doch ziemlich aufschlussreich.

Ganz einfach, und trotzdem sehr kunstvoll gebaut. Famos geschrieben!

Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Literaturkritiker

"Die Menschen draußen im Land", heißt es ja oft. Wer sind sie in diesem Roman?

Die Protagonisten sind zwei Brüder, Philipp und Tobias, die im Dorf Neschwitz aufwachsen, von 2000 bis 2015. Das ist ungefähr von ihrer Einschulung bis zur Hoch-Zeit der Pegida-Demonstrationen in Dresden. Neschwitz steht dabei, wie Lukas Rietzschel ausdrücklich sagt, exemplarisch für viele Dörfer in den östlichen Bundesländern. Der Staat hat sich hier scheinbar zurückgezogen, gefühlt geht es bergab. Die Leute hoffen auf die Zukunft, aber die Zukunft kommt nicht. Der Schornstein der einzigen Fabrik im Ort wird gesprengt, die Schule geschlossen. Alles ändert sich: Postleitzahl, Telefonvorwahl, zweimal die Währung. Es gab zwei Kreisreformen und irgendwie kaum etwas, an dem man sich festhalten kann. Junge Leute wandern ab, Familien zerbrechen, das Dorf verödet. Im Buch heißt es: "Keine Sparkasse mehr, kein Bäcker, keine Apotheke, kein Arzt." Menzel, der Dorf-Nazi, sagt es anders: "Die Weiber hauen alle ab, nichts mehr zu ficken".

Was ja noch lange kein Grund ist, Nazi zu werden!

Cover - Lukas Rietzschel: "Mit der Faust in die Welt schlagen"
"Mit der Faust in die Welt schlagen" ist im Ullstein Verlag erschienen. Bildrechte: Ullstein

Rational gesehen natürlich nicht! Aber im Roman entwickelt sich alles in einer so schrecklichen Folgerichtigkeit, dass man denkt, ja, klar, die fahren halt auch zu Pegida, weil da endlich mal was los ist. Fast zwangsläufig landen die Brüder Philipp und Tobias bei Menzel und seiner Nazi-Truppe. Mit denen kann man Pfeffi und Bier trinken, den Alltag vergessen, Blödsinn machen.

Und der Blödsinn wird dann immer radikaler. Vor allem gibt Menzel ihnen eine Orientierung. Die bekommen sie zu Hause oft nicht mehr, weil die Eltern selbst keine mehr haben. Weil sie den Westen zwar annehmen wollen, aber vom Osten nicht loskommen. Weil sie das schöne neue Reihenhaus nicht mehr abzahlen können, weil sie sich trennen, weil sie die neue Zeit nicht richtig begreifen. Da hängt echt alles mit allem zusammen. Mit Menzel kann man seinen Frust rauslassen, seinen Neid auf die, denen es scheinbar besser geht: die Sorben zum Beispiel. Als dann die ersten Flüchtlinge kommen, sind sofort die der neue Feind.

Am Ende wird der Roman fast zu einem Thriller, spannend und immer schneller, nur eben ohne Happy End.

Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Sie sagten anfangs, der Roman sei auch literarisch besonders. Wie beschreibt der Autor denn, was Sie uns eben geschildert haben? Im Grunde kann man ja kein Verständnis dafür haben, was die Jungen machen.

Rietzschel nimmt seine Figuren ernst. Alle. Bis an die Grenzen der Empathiefähigkeit, sagt er. Ein Teil des Problems ist ja, dass wir von Leuten wie Menzel eigentlich gar nichts wissen wollen, und das nimmt er uns ab. Dabei erklärt, bewertet oder relativiert er nichts: Er lässt es einfach geschehen. Lapidar, in kurzen Sätzen, manchmal sogar ohne Verb. Ganz einfach, und trotzdem sehr kunstvoll gebaut. Famos geschrieben! So kann sich jeder Leser Seite für Seite sein eigenes Bild von diesem Dorf und den Leuten darin zusammensetzen.

Lukas Rietzschel ist 1994 geboren, da kann die DDR ja eigentlich keine so große Rolle mehr spielen, oder?

So leicht geht die Geschichte auch an den Nachwendekindern nicht vorbei. Rietzschel erzählt sie über die Eltern und Großeltern von Philipp und Tobias mit. An einer Nebenfigur – Uwe – kann man sehen, wie geschickt er sie mit der Gegenwart verbindet. Uwe hilft den Eltern von Philipp und Tobias beim Hausbau. Er ist arbeitslos. Seine Frau ist in den Westen gegangen. Er trinkt. Er war bei der Stasi. Er nimmt sich das Leben. Er war Menzels Onkel. Und Menzel selbst, der Nazi? Ist vielleicht sogar ein V-Mann vom Verfassungsschutz. Ich finde das, auch dramaturgisch, unglaublich.

Kann so eine Geschichte ein gutes Ende nehmen?

Am Ende wird der Roman fast zu einem Thriller, spannend und immer schneller, nur eben ohne Happy End. Tobias will mit Menzel die alte Schule anzünden, obwohl er zugleich spürt, dass das falsch ist. Er wartet verzweifelt auf eine Nachricht von seinem Bruder Philipp, als wolle er gerettet werden. Was dann passiert, lasse ich hier mal offen.

Angaben zum Buch Lukas Rietzschel: "Mit der Faust in die Welt schlagen"
Ullstein-Verlag
320 Seiten
20,00 Euro

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Julia Hemmerling.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2018, 14:54 Uhr

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