Gemälde
Ophelia, die Geliebte Hamlets in einem romantisierenden Gemälde von John Everett Millais dargestellt. Bildrechte: IMAGO

Buchvorstellung: "Das Leben nehmen" Über die Kultur des Suizides

Schon die Bezeichnung ist schwierig: Soll man von Selbstmord sprechen, von "Hand an sich legen" oder es "Suizid" nennen? Noch größer ist das Fragezeichen hinter der eigentlichen Tat. Thomas Macho hat ein Buch darüber geschrieben. Dabei geht es ihm weniger um persönliche Motive des Suizidanten oder die sozialen Hintergründe, auch nicht um Präventionsformen oder Therapie, sondern um die "kulturellen Bedeutungen", die dem "Suizid verliehen werden".

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Gemälde
Ophelia, die Geliebte Hamlets in einem romantisierenden Gemälde von John Everett Millais dargestellt. Bildrechte: IMAGO

Die Eigenart jeder Zeit, schrieb Roger Willemsen, sei darstellbar auch durch die spezifische Entfaltung des Drangs, sie zu verlassen. Der Selbstmord ist Teil einer größeren, eskapistischen Bewegung, an der Träumer, Ideologen, Verzweifelte und Gescheiterte teilhaben.

Manchmal allerdings ist die Benennung von Gründen und die Unterscheidung bestimmter Typen gar nicht so einfach: Sind jene, die seinerzeit nach der Lektüre des Werthers von Goethe ihrem Leben ein Ende setzten nun Träumer gewesen oder Verzweifelte? Und die Selbstmordattentäter unserer Tage, sind das Ideologen oder Gescheiterte? In einem aber hat Willemsen ohne Zweifel recht: Selbstmord und wie er gelesen wird spiegelt die Zeit.

Der Selbstmord ist ein Symptom. Die Diagnose bleibt den Sozialhistorikern und Philosophen.

Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Die Wortwahl ist wichtig

Buchcover: Thomas Macho - Das Leben nehmen
Thomas Macho: "Das Leben nehmen"
Suizid in der Moderne
532 Seiten, gebunden, 28 Euro
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-42598-5
Bildrechte: Suhrkamp

Thomas Macho hat nun eine umfangreiche Studie zum Thema vorgelegt, die einer These Walter Benjamins folgt. Der schrieb in seinem Baudelaire-Buch, dass die Moderne "im Zeichen des Selbstmords" stehe, ja, dieser gar deren "Quintessenz" sei.

Macho dazu: "Die Frage nach dem Suizid ist ein zentrales Leitmotiv der Moderne. Seit dem Fin de Siècle, spätestens aber nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat sich die radikale Umwertung des Suizids […] auf mehreren kulturellen Feldern vollzogen: als Protest in der Politik, als Strategie des Anschlags und Attentats in neueren Erscheinungsformen des bewaffneten Konflikts, als Grundthema der Philosophie und der Künste, in Literatur, Malerei und Film."

Macho wählt für seine Studie den neutralen Begriff des Suizids. Das hat seine Gründe. Spricht man nämlich von Selbstmord, impliziert das fast automatisch eine moralische Wertung - Hand an sich zu legen galt viele Jahrhunderte lang als schwere Sünde, als Doppelmord an Seele und Körper gar, als Resultat von Wahnsinn und Krankheit. Freitod steht für einen bewussten Akt, der erst im Zuge weitgreifender Säkularisierungsprozesse geduldet werden konnte.

"Going to Switzerland"

Im Englischen kursiert seit Kurzem die euphemistische Wendung "going to Switzerland" - eine Anspielung auf die in der Schweiz ansässigen Sterbehilfevereine. Das Leben nehmen, so lautet im Übrigen der Obertitel von Machos Buch, verweist auf eine souveräne Geste; es heißt, das Leben anzunehmen, eigenmächtig über etwas zu bestimmen, was einem gegeben wurde - von Gott oder, prosaischer, den Vorfahren.

Das Leben nehmen: Die Ambiguität von 'annehmen' und 'wegnehmen' muss ausgehalten werden; und sie benötigt kein rekursives 'sich'.

Thomas Macho

Dass die Moderne und auch die Post- oder Spätmoderne im Zeichen des Selbstmords stehen, kann man anhand einschlägiger Zahlen belegen. Macho in seinem Buch: "2012 starben weltweit rund 56 Millionen Menschen, davon 620.000 durch Gewalt, nämlich 120.000 in Kriegen und etwa 500.000 durch Mord und Totschlag; aber mehr als 800.000 Menschen begingen im selben Zeitraum Suizid. In Deutschland ist die Suizidrate seit den frühen neunziger Jahren deutlich gesunken und dennoch nahmen sich 2015 mehr Menschen das Leben als - zusammengenommen - durch Verkehrsunfälle, Morde, illegale Drogen und Aids zu Tode kamen."

Enttabuisierung des Suizids

Jenas Fans gedenken Robert Enke
Große mediale Aufmerksamkeit erweckte der Suizid des Fußballers Robert Enke. Bildrechte: IMAGO

Der Philosoph Macho verfolgt den Prozess der Umwertung und Enttabuisierung des Suizids durch die Epochen. So beschreibt er etwa für das Fin de Siècle den engen Assoziationszusammenhang von Sexualität und weiblichem Suizid. Oder er verweist darauf, dass das Zeitalter der Schülerselbstmorde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Grunde eines der Kriegspropaganda gewesen sei. Und den politischen Protestsuizid, wie er seit den 1960er-Jahren blüht, beschreibt er als Fortsetzung des Martyriums mit anderen Mitteln.

Macho führt uns durch gesellschaftliche und medizinische Debatten, durch Literatur und Kunst und macht die kulturelle Erfahrung des Suizids in ihrem Wandel deutlich. Mit einem Begriff Foucaults begreift er ihn heute als "Selbsttechnik" - der Tod sei zu etwas geworden, das man selbst gestalten wolle. Wir leben, zugespitzt gesagt, in suizidfaszinierten Zeiten. Macho: "Die Arbeit am eigenen Tod verhält sich dann - im Sinne der Bemerkung Foucaults - zum Selbst wie zu einem künstlerischen Werk. Das Leben wird als 'Geschichte', als 'Roman' oder als 'Film' symbolisch verdichtet, wie in den bekannten Berichten von Nahtoderfahrungen, in denen das ganze eigene Leben sekundenlang, wie im Zeitraffer, vor dem inneren Auge vorbeizieht."

Philosophisches Problem

Albert Camus schrieb, dass es nur ein ernstes philosophisches Problem gebe: den Selbstmord. Thomas Macho liefert zwar keine eigene Lesart des Suizids oder gar eine Suizidtheorie. Er löst auch das von Camus benannte philosophische Problem nicht. Aber in seinem Buch wird es in der ganzen Breite erfahrbar - als ein Phänomen, durch das sich etwas über die kulturellen Bedingungen einer Zeit lernen lässt.

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Die Telefonseelsorge hilft Ihnen! Sie können jederzeit kostenlos anrufen: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite www.telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, zum Beispiel per E-Mail oder im Chat.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Dezember 2017 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2017, 11:53 Uhr

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