Die Toten Hosen am 31.08.2018 in Ferropolis
Tote-Hosen-Sänger Campino am vergangenen Freitag bei einem Auftritt in Ferropolis. Am 3. September treten er und seine Band in Chemnitz auf, um zu zeigen, dass sie gegen Rechtsextremismus und Gewalt sind. Bildrechte: MDR JUMP/Annekathrin Linge

#wirsindmehr Chemnitz: Was bringen Konzerte gegen Rechtsextremismus?

Aus Protest gegen die rassistischen Ausschreitungen von Chemnitz sind am Montagabend prominente Bands und Künstler in der Stadt aufgetreten. Unter dem Motto "#wirsindmehr" spielten unter anderem Die Toten Hosen, die Chemnitzer Band Kraftklub und Feine Sahne Fischfilet. Doch was bewirken solche Veranstaltungen? Ein Gespräch mit dem Rechtsextremismusforscher Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen.

Die Toten Hosen am 31.08.2018 in Ferropolis
Tote-Hosen-Sänger Campino am vergangenen Freitag bei einem Auftritt in Ferropolis. Am 3. September treten er und seine Band in Chemnitz auf, um zu zeigen, dass sie gegen Rechtsextremismus und Gewalt sind. Bildrechte: MDR JUMP/Annekathrin Linge

MDR KULTUR: Was ist das für ein Angebot, dieses Konzert "#Wirsindmehr"?

Michael Nattke: Es ist natürlich nichts, was das Problem Rechtsextremismus langfristig in den Griff bekommt. Es ist so ähnlich zu verstehen wie eine Menschenkette, ist so ein Konzert etwas, um ein starkes Zeichen zu setzen. Es ist ein starkes Zeichen, wenn heute Abend mehrere Tausend TeilnehmerInnen zeigen, dass sie Rechtsextremismus und Gewalt ablehnen und das auf einem Konzert tun, wo sie gleichzeitig auch noch Spaß dabei haben, das abzulehnen. Und so muss man das verstehen. Das ist ein symbolischer Akt, der wichtig ist, aber jetzt keine langfristige Strategie, um das Problem zu lösen.

Die Frage ist, ob alle Bands, die auftreten, auch ein ablehnendes Verhältnis zum Thema Gewalt haben. Etwa Feine Sahne Fischfilet – wenn ich Textzeilen höre wie "Wir stellen unsere eigenen Truppen zusammen, schicken den Mob dann auf euch rauf, die Bullenhelme, sie sollen fliegen, eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein und danach schicken wir euch nach Bayern, denn die Ostsee soll frei von Bullen sein". Das wird nicht jedem Polizisten gefallen.

Nein, das wird nicht jedem Polizisten gefallen. Diese Liedzeilen sind meines Wissens aus einer Zeit, die schon einige Jahre her ist.

2011.

Wenn wir uns jetzt anschauen, was Bands wie Die Ärzte oder Die Toten Hosen oder andere große Rockstars in Deutschland für Texte hatten in ihren Frühzeiten, dann sind dort auch nicht alle Texte so, dass wir das gutheißen müssen. Fakt ist, dass diese Band, Feine Sahne Fischfilet, in den letzten Jahren sehr oft zum Thema Rechtsextremismus aufgetreten ist, kostenfrei aufgetreten ist, und natürlich eine der Bands ist, die da eine klare Haltung auch hat gegen Neonazis, und, was wir auch sagen müssen, ist, wir reden hier über eine Jugendkultur.

Und das muss nicht jeder gut finden, was da im Einzelnen abgeht. Und man sollte es auch kritisieren. Das ist auch völlig richtig. Aber wir müssen auch verstehen, dass dort junge Menschen auch anders ticken, wenn sie zu solchen Konzerten gehen. Und ich hoffe einfach, dass solche Liedzeilen heute Abend und überhaupt im Rahmen dieser Band in Zukunft nichts mehr zu suchen haben.

Und wenn jugendliche Neonazis ähnlich für ihre musikalischen Interessen werben, mit jugendlichem Leichtsinn und Übermut, würden Sie da auch Verständnis für haben?

Es ist ja so, dass wir praktisch durch diese neonazistische Musik und überhaupt durch Musik natürlich immer ein Anschlussangebot für junge Menschen haben. Und gerade mit neonazistischer Musik werden eben sehr viele junge Menschen auch erreicht natürlich, für die das ein Einstiegsangebot ist.

Aber sehen wir es mal so: Wenn Feine Sahne Fischfilet 2011 so einen Text hatten und sieben Jahre später diesen Text nicht mehr spielen und auch in keinster Art und Weise irgendwie das gutheißen, dass sie 2011 so einen Text hatten, dann ist vielleicht das Konzert heute Abend, wo ja nicht nur Feine Sahne Fischfilet, sondern auch viele andere auftreten, ein Einstiegstor und ein Anschluss für viele junge Menschen zur Demokratie.

Am Freitag in Ferropolis beim Konzert der Toten Hosen hat Campino mehrfach auf dieses Konzert in Chemnitz heute hingewiesen. Und dann kam regelmäßig ein großer Tenor aus dem Parkett: "Nazis raus! Nazis raus!" Und ich habe mich dann gefragt, wer ist denn eigentlich bei diesem Ruf gemeint? Wer sollte sich angesprochen fühlen?

Wir hatten am letzten Montag zumindest in Chemnitz eine Situation, dass Rechtsextreme die Demonstration in Chemnitz dominiert haben. Das war am Wochenende anders, will ich gleich vorwegnehmen. Und ich sage auch nicht, weil da wird man gern mit Absicht gezielt falsch verstanden, dass alle, die dort auf der Straße waren, Neonazis waren. Das sage ich nicht.

Aber die Demonstration am letzten Montag wurde von Neonazis dominiert. Und da waren praktisch Menschen, die den Hitlergruß gezeigt haben, die gerufen haben "Deutschland den Deutschen, Ausländer aus", das habe ich lange nicht mehr auf deutschen Straßen so in dieser Lautstärke mit so vielen Leuten rufend gehört. Ich glaube, diese Leute sind gemeint.

Jetzt kommt der sächsische Ministerpräsident Kretschmer und sagt, wir müssen miteinander reden, wir müssen ins Gespräch kommen, wir möchten von den Sorgen der Menschen hören. Kann man tatsächlich eine Strategie entwickeln, um auch diese Menschen zu erreichen?

Michael Nattke
Rechtsextremismusforscher Michael Nattke Bildrechte: Constanze Hertel

Es gibt sehr viele Menschen, die man erreichen kann. Das muss man erstmal festhalten. Die meisten Menschen kann man erreichen. Es waren ja auch, wenn man das jetzt prozentual sieht, es leben eine Viertelmillion Menschen in Chemnitz, da waren, fünf-, sechstausend, am Wochenende achttausend mit überregionaler Anreise auf der Straße. Das ist doch nicht die Mehrheit der Chemnitzerinnen und Chemnitzer.

Das heißt, wir haben natürlich eine Gesellschaft, wo man die allermeisten Menschen natürlich erreichen kann und mit denen sprechen kann und diskutieren kann. Aber wir müssen uns auch eingestehen, und das finde ich eben wichtig: Es gibt einen ganz kleinen Teil unter den Demonstranten, die dort in Chemnitz auf der Straße waren, die wollen auch gar nicht reden. Und mit denen kann man dann auch nicht mehr reden. Und das muss man sich eben auch eingestehen und nicht so tun, als ob wir eine Gesellschaft haben, wo alle immer und über alles miteinander sprechen können.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. September 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 11:50 Uhr

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