Christoph Hein
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Porträt Romane für drei Deutschlands: Christoph Hein wird 75

Er lebte im Nachkriegsdeutschland, in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland. Über seine Erfahrungen schreibt Christoph Hein in seinen Büchern und gilt deshalb auch als Chronist deutscher Verhältnisse. Romane, mit denen er sich einen Namen machte, sind "Horns Ende", "Landnahme", "Trutz" und "Glückskind mit Vater". Seinen Durchbruch feierte Hein in den 80er-Jahren in Ost und West mit der Novelle "Der fremde Freund", die in der Bundesrepublik unter dem Titel "Drachenblut" erschien. Am 8. April wird Hein 75 Jahre alt. Ein Porträt von Steffen Lüddemann.

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Als fiktive Kleinstadt Bad Guldenberg hat Bad Düben Eingang gefunden in die deutsche Literatur. In Romanen wie "Horns Ende" und "Landnahme" schreibt Christoph Hein über das "verschlafenen mitteldeutschen Städtchen", in dem er aufwuchs. Aus Schlesien, wo Hein 1944 geboren wurde, war die Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hierhergekommen. Frühe Kindheitserlebnisse des Schriftstellers sind in seine Bücher eingeflossen.

Es ist eine meiner Heimaten…  Ich war vom zweiten bis vierzehnten Lebensjahr in der Stadt. Straßen, Plätze, Freunde, das ist schon durchaus prägend gewesen.

Christoph Hein
Der Autor und Schriftsteller Christoph Hein. 59 min
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Brüchiger Werdegang

Als Flüchtlingskind und Sohn des Pfarrers erfährt Christoph Hein früh Ausgrenzung. Die Mitschüler nennen ihn "Pfaffe" oder "Polacke". Beizeiten schafft er sich eine Gegenwelt – die Literatur. Er liest Schiller und Shakespeare, zwei einbändige Gesamtwerke aus dem Schrank seines Vaters, und beginnt schon als 12-Jähriger mit dem Schreiben. Da ihm wegen "politischer Unzuverlässigkeit" der Besuch der weiterführenden Oberschule verweigert wird, geht er 1958 auf ein altsprachliches Gymnasium in West-Berlin. Mit dem Mauerbau 1961 ist der Schulbesuch beendet.

Allerdings kam nun zu den zwei Makeln Flüchtlingskind und Pfarrerskind noch der dritte Makel hinzu: abgehauen. Dafür hatte ich einige Jahre zu bezahlen…

Christoph Hein

Ohne Schulausbildung hält Hein sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. In seiner Freizeit schreibt er Theaterstücke. Ein Jahr lang arbeitet er als Regieassistent bei Benno Besson – ohne Geld. Er bewirbt sich an der Filmhochschule Babelsberg und besteht die Aufnahmeprüfung. Einen Wechsel nach Leipzig, wo seine Freundin studiert, verhindert ein Brief des stellvertretenden Kulturministers Horst Brasch, der einen schlechten Einfluss auf seinen Sohn Thomas fürchtet.

Schließlich darf Christoph Hein zwischen 1967 und 1971 in Leipzig Logik und Philosophie studieren. Nach dem Studium arbeitet er als Dramaturg und Autor an der von Benno Besson geleiteten Volksbühne. Zwei Stücke, "Schlötel – oder was soll‘s" und "Vom hungrigen Hennecke", werden inszeniert. Danach verweigert die Zensurbehörde die nötigen Genehmigungen. Als Besson 1978 die Volksbühne verlässt, kündigt Hein.

Erfolg und Einmischung

Er muss sich neu orientieren und geht mit seinen Texten zum Aufbau Verlag. 1980 erscheint Heins Debüt, der Erzählband "Einladung zum Lever Bourgeoise". Der Freund Peter Hacks schreibt ihm: "Alle diese Geschichten sind unbezweifelbare und unanfechtbare Literatur." Die Akademie der Künste verleiht dem Debütanten 1981 ihren renommierten "Heinrich-Mann-Preis". Mit der Novelle "Der fremde Freund", die in der BRD unter dem Titel "Drachenblut" erscheint, gelingt Hein der endgültige Durchbruch. Das Buch über eine scheinbar unverwundbare aber einsame Ärztin war auf beiden Seiten der Mauer auf großes Interesse und Verständnis gestoßen.

Heins nächstes Buch, der Roman "Horns Ende" (1985), handelt von einem alten Kommunisten, dem Historiker Dr. Horn, der von seinen eigenen Genossen in den Selbstmord getrieben wird. Es ist das einzige Buch, das in einem staatlichen Verlag ohne Druckgenehmigung erscheint. Schon nach zwei Tagen ist der Roman vergriffen.

Christoph Hein gilt nun bereits als Autor von europäischem Rang. 1987 soll er eines der Hauptreferate auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR halten. Drei Wochen vor dem Kongress wird er gebeten, die Rede für die Übersetzer einzureichen. Hein ist klar, dass er die Rede nicht halten darf, wenn er sie abgibt. Als er weiter unter Druck gesetzt wird, streicht er den dreißig Seiten langen Text wahllos auf zehn Seiten zusammen und behauptet auf Nachfrage, er rede nach Konzept. Und kommt damit durch.

Heins Rede ist eine Sensation. Massiv kritisiert der Schriftsteller die sogenannte "Druckgenehmigungspraxis" in der DDR. Zensur sei volksfeindlich, ungesetzlich und verfassungswidrig, sagt Hein in seinem mutigen Beitrag und fordert deren Abschaffung. 

Das Genehmigungsverfahren, die Zensur muss schnellstens und ersatzlos verschwinden, um weiteren Schaden von unserer Kultur abzuwenden, um nicht unsere  Öffentlichkeit und unsere Würde, unsere Gesellschaft und unseren Staat weiter zu schädigen.

Christoph Hein Rede vor dem X. Schriftstellerkongress der DDR, 24.-26.11.1987

Im Frühjahr 1989 hat Hein ein weiteres Theaterstück fertig geschrieben. "Ritter der Tafelrunde" wird 12. April im Dresdner Staatsschauspiel uraufgeführt. "Die Menschen da draußen glauben nicht mehr an unseren Traum", sagt König Artus im Stück. Parallelen zur DDR sind leicht herzustellen. Hein sieht das Ende der DDR kommen, er beschreibt es in seinen Stücken, dass alles so schnell gehen wird, ahnt er nicht.

Chronist deutscher Zustände

1997 legt Christoph Hein ein allseits beachtetes Werk vor - "Von allem Anfang an", ein stark autobiografisch gefärbter Roman, in dem er auf seine Kindheit und frühe Jugend zurückblickt.

Es folgen Romane wie "Landnahme" (2004), "Frau Paula Trousseau" (2007) und "Weisskerns Nachlass". Christoph Hein gilt als genauer Beobachter gesellschaftlicher Zustände. Immer wieder widmet er sich brüchigen Biografien und schildert anschaulich, wie sich das politische Leben auf privater Ebene widerspiegelt. Auch seine Bücher "Glückskind mit Vater" (2016), "Trutz" (2017) und "Verwirrnis" (2018) belegen diese thematische Treue. Sein zuletzt erschienener Band "Gegenlauschangriff" (2019), eine Sammlung persönlicher Erlebnisse und Erinnerungen, wird gerade heiß diskutiert.

Christoph Hein ist bis heute ein kritischer Geist geblieben und verteidigt standhaft seine literarischen und menschlichen Werte.

Ich habe keine Botschaft. Ich weiß nicht besser als mein Leser, wie wir uns verhalten sollen, wie es weitergehen kann. Ich habe keine Zukunftsvisionen. Alles, was ich mache, ist nur, möglichst genau, möglichst mitleidslos genau aufzuschreiben, was ich gesehen, erlebt, erfahren habe.

Christoph Hein

Über den Feature-Autor Steffen Lüddemann

Steffen Lüddemann wurde 1962 in Leipzig geboren. Nach Abschluss der Schulausbildung absolvierte er eine Lehre zum Hydraulikmonteur. Er arbeitete als Buchverkäufer, freiberuflicher Verlagsmitarbeiter, Rezensent und Autor. Von 1989-1993 studierte er am Literaturinstitut in Leipzig. Seit 1993 arbeitet er als freiberuflicher Hörfunk- und Fernsehautor sowie als freier Redakteur für die Internetplattform "Damals im Osten". Von ihm stammen zahlreiche Dokumentationen und Hörfunkfeatures,  unter anderem "Foto: Billhardt" (MDR 2012) und "Der Schrebergarten des Imams" (MDR 2015).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Zum 75. Geburtstag von Christoph Hein am 8. April
"Romane für drei Deutschlands - Christoph Hein"
Porträt von Steffen Lüddemann

Sprecherin: Jutta Wachowiak
Zitator: Christian Grashof
Produktion: MDR 2014

Sendung: 03.04.2019 |22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Beiträge über Christoph Hein zum Hören

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Romane für drei Deutschlands - Christoph Hein" | 03. April 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2019, 04:00 Uhr

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