Ciaran Lavery
Very irish! - Ciaran Lavery lebt in dem Dorf, in dem er auch aufgewachsen ist. Bildrechte: Andy Hughes Quelle Champion Sound Music

Albumkritik "Sweet Decay" Ciaran Lavery berührt mit Folk aus Nordirland

Ciaran Lavery holt uns mit seiner Musik in den Norden Irlands, wo er in einem kleinen Dorf lebt. Sein aktuelles Album gleicht einer akustischen Seelen-Massage, meint MDR KULTUR-Kritiker Johannes Paetzold.

Ciaran Lavery
Very irish! - Ciaran Lavery lebt in dem Dorf, in dem er auch aufgewachsen ist. Bildrechte: Andy Hughes Quelle Champion Sound Music

Ciaran Lavery hat mit seiner Musik auf Spotify bereits 80 Millionen Streams erzielt, und lebt dennoch ganz bodenständig im kleinen Dorf Aghaghallon in Nordirland. Ein Ort, der ihm die Freiheit lässt, zu sein, wie er immer schon war. Und ein Ort, der ihn, wie man auf "Sweet Decay" in jedem der 13 Songs anhört, inspiriert. Seine akustische Gitarre steht bei diesem dritten Album im Vordergrund, begleitet von Streichern und Band und gefühlvoll arrangiert mit wunderbaren Melodien im Refrain. Das alles überstrahlt noch von der samtenen Stimme des rotbärtigen Iren, die sich auch mal überschlagen darf, wenn das Herzeleid Thema ist.

Spiel mit den eigenen Zweifeln

Ciaran Lavery - Sweet Decay
"Sweet Decay" ist beim Label All points erschienen. Bildrechte: All Points

Denn ja, auch wenn Ciaran Lavery aus einer der schönsten grünen Ecken des Planeten kommt und zufrieden in seinem Dorf in einem Haus mit Hund lebt, in seinen Texten tauchen immer wieder Zweifel, Ängste und Fragen auf. "I am afraid of what I am", singt er, "Ich habe Angst vor dem, was mich ausmacht". Oder: "Love is like a suicide", "Die Liebe ist wie Selbstmord". Noch tiefer rauscht der Fahrstuhl nach unten in Songs wie Wicked Teeth: "Wirst Du Deine Zähne in mein Fleisch schlagen?"

"Sweet Decay" ist das Album eines Iren, der anscheinend bereit ist, seine Kindheit, Religion, seine Beziehungen und Gefühle aufzuarbeiten. Egal wie schmerzhaft das manchmal sein kann. Die Songtexte sind so dünnhäutig wie ein Kahn auf offener See. Aber wenn man mit so einem Schiffchen später wieder den sicheren Hafen erreicht - dann hat sich die gefährliche Reise auch gelohnt.

Als Songwriter fühle ich mich gut, wenn ich meine Gefühle in Worte fassen und umsetzen kann. Für mich ist das großartig. Ich kann die Dinge als Erwachsener benennen, die mich bewegen, sehr offen und sehr direkt. Ich zeige meine verletzlichen Seiten, ich muss mich nicht schützen. Das ist großartig und etwas beängstigend in einem.

Ciaran Lavery

Von Egozentrik keine Spur

Selbstzweifel. Sich selbst verletzlich zeigen. In "Sweet Decay" dreht sich alles um das Selbst. Ohne je selbstzentriert oder gar selbstverliebt zu sein. Das Kunststück des Singer/Songwriters ist dabei, den Hörer nicht für die Therapiesitzung auf die Couch zu holen, sondern eher den Hörer zu einer Seelen-Massage zu verführen. Denn natürlich berührt uns das alle, wenn Ciaran Lavery so schonungslos mit sich selbst bastelt, reimt und komponiert, die Schattierungen seines Selbst abklopft. Man hat das Gefühl, Ciaran Lavery hat sich mit "Sweet Decay" wortwörtlich eine Last von der Seele geschrieben. Und nun ist es Zeit, wie es das Tattoo auf seinem rechten Oberarm besagt, weiterzuziehen und den nächsten Dämonen die Stirn zu bieten.

Das Tattoo sagt: Wenn du eine Herausforderung annimmst, dann zieh' diese Sache durch bis zum Ende. Das ist der einzig gute Kampf, den es zu gewinnen gilt. Das ist aus einem Charles Bukowski Gedicht, 'Roll the Dice'. Die Sätze haben etwas in mir bewegt. Sie haben mir gesagt, wenn du als Künstler etwas erreichen willst, musst du auch Opfer in Kauf nehmen.

Und so tritt Ciaran Lavery den musikalischen Kampf gegen die eigenen Dämonen an - auf seine eigene, sehr harmonische Weise.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2018, 14:22 Uhr

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