Claude Lanzmann, Regisseur, während einer Auszeichnung auf der Berlinale in Berlin.
Für sein Lebenswerk wurde Claude Lanzmann 2013 auf der Berlinale ausgezeichnet. Bildrechte: dpa

Trauer "Shoah"-Regisseur Claude Lanzmann gestorben

Claude Lanzmann, Regisseur, während einer Auszeichnung auf der Berlinale in Berlin.
Für sein Lebenswerk wurde Claude Lanzmann 2013 auf der Berlinale ausgezeichnet. Bildrechte: dpa

Der französische Regisseur und Journalist Claude Lanzmann ist tot. Wie sein Verlag Gallimard in Paris am Donnerstag meldete, starb Lanzmann im Alter von 92 Jahren. Sein Film "Shoah" über den Völkermord an den europäischen Juden machte ihn 1985 weltbekannt. Er setzte sich Zeit seines Lebens in Deutschland und Frankreich für die Erinnerungskultur ein.

Appell an die Nachgeborenen

Bundespräsident Steinmeier würdigte Lanzmann als "unermüdlichen Mahner gegen das Vergessen" und seinen Film "Shoah" als "Meisterwerk der Erinnerung". Seine Filme appellierten an die Nachgeborenen, "nichts über die Freiheit und die Würde des einzelnen Menschen" zu stellen. Kulturstaatsministerin Grütters erklärte, mit "Shoah" habe Lanzmann Maßstäbe gesetzt für die "schonungslose Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen". Als eine der "letzten großen wirkmächtigen Stimmen der Zeitzeugen" werde Claude Lanzmann der Welt fehlen.

"Shoah" zeigt das Trauma der Überlebenden

Für seine neunstündige Dokumentation "Shoah" hatte Lanzmann auf Archivmaterial komplett verzichtet. Er filmte die Orte der Vernichtung und interviewte ausschließlich Zeitzeugen, Opfer und Täter. Kritikern zufolge führte er den Ablauf des Massenmordes an den Juden auf neue Weise vor Augen und machte das Trauma der Überlebenden der Vernichtungslager sichtbar. So taucht am Ende von "Shoah" der Widerstandskämpfer und Kurier der Exilregierung Polens, Jan Karski, auf, der 1942 ins Warschauer Ghetto und in ein Todeslager geschleust wurde. Er sollte sehen und berichten, was er auch tat.

Was heißt es zu wissen? Was bewirkt eine Information über buchstäblich unerhörte Schrecken im menschlichen Gehirn?

Claude Lanzmann über die Erinnerung an den Holocaust

Als Karski sich Jahrzehnte später vor der Kamera erinnern soll, bricht er ab und verlässt den Raum. Lanzmann zeigt das und wartet auf Karskis Rückkehr, quälend lange. Lanzmann wurde für "Shoah" mehrfach ausgezeichnet. 2013 ehrte die Berlinale-Jury den Regisseur mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk und würdigte "Shoah" als "epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur".

Ich wusste es, aber ich habe es nicht geglaubt. Und weil ich es nicht geglaubt habe, wusste ich es auch nicht.

Claude Lanzmann berichtet, was ein Zeitzeuge ihm erzählte
Ein älterer Mann steht vor einer Steinmauer.
Lanzmann in einer Szene seines Fimes "Der letzte der Ungerechten" Bildrechte: dpa

Sein Debüt gab Lanzmann mit dem Film "Warum Israel" im Jahr 1972, in dem er die Notwendigkeit der Existenz eines jüdischen Staates zeigen wollte. Wegen seiner rückhaltlosen Verteidigung für das israelische Militär stieß sein Film "Tsahal" 1994 auf Kritik. Im Jahr 2001 erschien "Sobibor", darin nimmt er den Aufstand in dem NS- Vernichtungslager in den Blick. Zu einem weiteren filmischen Wagnis wird "Der letzte der Ungerechten": Mit dieser Dokumentation wollte Lanzmann den letzten Vorsitzenden des Judenrates im KZ Theresienstadt rehabilitieren. Benjamin Murmelstein war nach dem Krieg wegen Kollaboration mit den Nationalsozialisten in Haft genommen, aber nach 18 Monaten freigesprochen worden. Präsentiert wurde der Film 2013 auf dem Festival in Cannes. 2017 erschien mit "Vier Schwestern" sein letzter Film zum Holocaust.

Philosoph, Journalist und Filmemacher

Lanzmann wurde am 27. November 1925 in Paris geboren. Als Jugendlicher engagierte er sich in der kommunistischen Jugendbewegung und im französischen Widerstand gegen die Nazis. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie in Tübingen, später lehrte er an der Freien Universität Berlin. Er war mit dem legendären Philosophen Jean-Paul Sartre befreundet und führte mit der Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir eine siebenjährige eheähnliche Beziehung.

Als Journalist reiste er unter anderem nach China und Korea und engagierte sich gegen den Algerienkrieg. Noch im vergangenen Jahr präsentierte er beim Filmfestival in Cannes den Dokumentarfilm "Napalm", für den er 2004 und 2015 als einer der ersten Westler in das diktatorisch geführte Nordkorea gereist war. Der Titel spielt an auf die von den US-Amerikanern im Korea-Krieg (1950-53) eingesetzte Brandwaffe.

Im Film erinnert sich Lanzmann an die Krankenschwester Kim Kum-sun, in die er sich während seines mehrwöchigen Aufenthalts im Jahr 1958 unsterblich verliebt hatte. Auf diese Liebesgeschichte kam er auch in seiner Autobiografie "Der patagonische Hase" zurück, damit gab er 84-jährig sein Debüt als Schriftsteller. Fünf Jahre später hielt er in "Das Grab des göttlichen Taucher" noch einmal anekdotenreich Rückschau auf sein Leben.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 05. Juli 2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2018, 11:53 Uhr