Claudia Michelsen
Claudia Michelsen unterwegs in ihrer Heimatstadt Dresden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Porträt Claudia Michelsen: Jede Rolle ist eine Reise in ein anderes Leben

Claudia Michelsen gilt als große Charakterdarstellerin. Sensibel und hintergründig wirkt sie in vielen ihrer Rollen, in der Verfilmung von Uwe Tellkamps "Der Turm", Stephan Thomes "Grenzgang" oder auch als Kommissarin Doreen Brasch im "Polizeiruf 110". Jede einzelne dieser Rollen sei wie eine Reise in ein anderes Leben – und ein Geschenk, sagt die gebürtige Dresdnerin, deren Herz immer noch für das Theater schlägt.

von Andrea Morgenthaler, MDR KULTUR

Claudia Michelsen
Claudia Michelsen unterwegs in ihrer Heimatstadt Dresden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Sie spielt das nicht, sie will das sein", sagt eine Freundin. Claudia Michelsen gilt als eine der großen Charakterdarstellerinnen in Deutschland und wirkt in ihren zahlreichen Rollen sensibel und hintergründig, verletzlich und gleichzeitig taff. Mehrfach ausgezeichnet wurde sie, mit dem Grimme-Preis für das DDR-Drama "Der Turm" und für "Grenzgang", die Verfilmung eines Romans von Stephan Thome, in dem sie an der Seite von Lars Eidinger eine Hausfrau in der Provinz spielt, die Liebe und Lust fast abgeschrieben hat.

Rollen als Reise in andere Leben

Sendungsbild
Claudia Michelsen in "12 heißt: Ich liebe dich" Bildrechte: MDR/UFA/Steffen Junghans

Den Preis Fipa d'Or bekam sie für "12 heißt: Ich liebe dich", darin spielt sie eine Frau, die in die Fänge der Stasi gerät und sich in ihren Vernehmer verliebt. Seit 2013 kennen Krimi-Fans sie als Magdeburger Kommissarin Doreen Brasch im "Polizeiruf 110", die sich jenseits jeder Work-Life-Balance in ihre Fälle stürzt und manchmal buchstäblich mit ihrem Sohn herumschlägt.

Ihre Erfolge kommentiert Michelsen eher nüchtern: "Stolz ist jetzt nicht mein Begleiter. Bringt mir, glaube ich, auch nichts." Was ihr was bringt, ist die Arbeit an sich, das Vertiefen in eine Figur, in ein anderes Leben:

Ich finde, jede Figur hilft einem im Leben. Es ist ja immer eine Reise in ein Leben oder eine Situation oder ein System. (...) Und du erfährst ganz viel, kannst aber wieder rausgehen. Das heißt, du hast eine Form von Lebenserfahrung, die du geschenkt bekommst. (...) Es hat auch irgendwie was von Therapie, glaube ich, dieser Beruf.

Claudia Michelsen, Schauspielerin Lebensläufe

Aufgewachsen in Freiheit und im Theater

Nicht vor dem Fernseher oder im Kino entwickelt sie ihre Liebe zum Schauspiel. Mit ihrer Schulfreundin Christine Hoppe, der Tochter von Rolf Hoppe, sitzt sie schon als Zwölfjährige fast jeden Abend im Dresdner Staatstheater. Hoppe, sagt sie im Rückblick, sei schon so etwas wie ein Ziehvater für sie gewesen. Vielleicht nicht nur im künstlerischen Sinne. Ihren eigentlichen Vater, einen berühmten Opern-Komponisten und -dirigenten, lernt sie erst mit 15 Jahren kennen. Keine einfache Kindheit sei das gewesen, sagt sie. Aber sie sei aufgewachsen in einem "Haus voller Liebe" und mit großen Freiheiten, das Grundvertrauen ihrer Mutter habe sie selbstsicher und selbstständig gemacht.

Schauspielerin Claudia Michelsen im Gespräch mit Freundin Christine Hoppe
Freundinnen fürs Leben: Claudia Michelsen und Christine Hoppe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon mit 16 Jahren – und gemeinsam mit ihrer Schulfreundin Christine – bewirbt sich Michelsen gemeinsam mit ihrer Freundin an der renommierten Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" – und wird schließlich angenommen.

Während ihrer Ausbildung spielt sie bereits in einem Kinofilm, in Reiner Simons "Die Besteigung des Chimborazo", und bekommt nach dem Studium sofort ein Engagement an der Berliner Volksbühne. Sie arbeitet mit Regisseuren wie Frank Castorf oder Heiner Müller. Dann kommt die Wende, die sie mit Anfang 20 und trotz ihrer ersten Erfolge nicht nur als befreiend, sondern auch als große Verunsicherung erlebt. Wenn es darum geht, sich als Schauspielerin zu "vermarkten", lässt sie lieber ihre Arbeit für sich sprechen.

Wenn ich jetzt eine Tasse formen würde, dann könnten wir über diese Tasse reden, aber wenn du selber dein eigenes Produkt bist, das du verkaufst, das finde ich wahnsinnig schwer. Was heißt denn das jetzt? Das heißt, du musst dich jetzt in Bewegung setzen. Du musst jetzt sagen: Hallo, guckt mal, hier bin ich. So sehe ich aus. Diesen ganzen Irrsinn. So bin ich ja nicht aufgewachsen.

Claudia Michelsen, Schauspielerin

Brasch (Claudia Michelsen) findet Jenny und Kai an der Elbe.
Claudia Michelsen als Doreen Brasch im "Polizeiruf 110" Bildrechte: NDR/Manju Sawhney

Zwischenlandung in Los Angeles

1994 bricht sie alle Zelte ab in Berlin, zieht der Liebe wegen nach Los Angeles. Ihr erster Ehemann, der Regisseur Josef Rusnak ist auch der Vater ihrer ersten Tochter. Für Filmrollen pendelt sie einige Jahre zwischen Amerika und Deutschland; das Theater bleibt zugunsten des Familienlebens auf der Strecke, was sie aber nicht bedauert:

Meine Welt war das Theater. Durch Amerika hat sich das einfach komplett verändert. Weil ich gemerkt habe, warte mal ganz kurz, das ist überhaupt gar nicht die Welt, das ist noch nicht mal ein Krümel der Welt. (...) Und das war, glaube ich, sehr wohltuend und gesund und heilsam.

Claudia Michelsen, Schauspielerin

Sieben Jahre, nachdem sie Berlin verlassen hat, kehrt sie 2001 zurück. Allein mit ihrem Kind. Eine zweite Tochter wird geboren. Auch die Beziehung zum Vater dieses Kindes zerbricht nach ein paar Jahren. Dafür läuft es beruflich beim Film sehr gut, was wiederum durchaus mal ihre Mutterrolle strapaziert. Im Rückblick sagt sie lakonisch: "Ich glaube, ich bin eine Mutter wie viele andere, die Fehler macht." Das schlechte Gewissen, wegen der Arbeit mal nicht dagewesen zu sein, inklusive. "Aber irgendwie haben wir das hingekriegt", sagt sie. "Ging nun mal nicht anders."

Claudia Michelsen als Misses Peachum im Dreigroschenfilm.
Immer Sehnsucht nach dem Theater: Claudia Michelsen (Mitte) als Misses Peachum im "Dreigroschenfilm". Bildrechte: SWR/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch/Stephan Pick

Dass sie heute so gerne Lesereisen macht, erklärt sie mit ihrer immer noch großen Sehnsucht nach dem Theater, denn ähnlich direkt sei hier der Kontakt mit dem Publikum und großartig sei es, sich mit Literatur beschäftigen und sie neu lesen zu können. Neu entdecken durfte sie zuletzt Brecht für ihre Rolle als Misses Peachum in der Verfilmung der Dreigroschenoper. Der Autor war ihr aus DDR-Zeiten durchaus vertraut, seine Interpretation aber zu moralinsauer, sie staunt, wie "erschreckend aktuell" die Geschichte um Mackie Messer ihr nun erscheint.

Sie würde sich nie zufrieden geben mit dem Status quo, da gibt es immer was Nächstes und was Neues. Da geht sie hin, auf das geht sie zu. Mit einem großen Enthusiasmus. Nicht mit Zweifel.

Ina Peichel, Freundin

Eigentlich dürfte sie schon ein bisschen stolz auf sich sein.

Claudia Michelsen sehen und hören

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 07. Februar 2019 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 04:00 Uhr

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