In der Mediathek "Colonia Dignidad": Doku zeigt die Schrecken der Sekte

Eine neue Fernsehdoku gibt nie dagewesene Einblicke in die berüchtigte deutsche Sekte "Colonia Dignidad" in Chile, die 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet wurde. Täter und Opfer erzählen erstmals öffentlich von ihren Erfahrungen – informativ und erschütternd, wie unser Filmkritiker findet.

Viele Menschen an einem Baum.
Paul Schäfer (Mitte), Gründer der Colonia Dignidad, mit einer Gruppe Jungen um 1968 Bildrechte: WDR/LOOKSfilm

Die Geschichte der Colonia Dignidad ist auch die Geschichte eines Skandals. Jahrzehntelang hat dort der Sektenführer Paul Schäfer Kinder und Jugendliche drangsaliert, Jungs missbraucht, später der Pinochet-Junta gedient.

In den ersten beiden Teilen der neuen Doku-Serie geht es vor allem um den Alltag unter dem psychopathischen Sektenführer Schäfer, der vor allem kleine Jungs missbrauchte, Mädchen und Frauen verachtete, jeglichen Privatbesitz verbot und Kinder von ihren Eltern trennte. In den Teilen drei und vier geht es dann mehr um die unheilvolle Rolle, die Schäfer und Komplizen im Zusammenhang mit dem Putsch von 1973 gegen Chiles Präsidenten Salvador Allende spielten. Die Gegner der Junta wurden auf dem Gelände der Colonia Dignidad gefoltert und einige sogar ermordet.

Was wussten deutsche Politiker über die Sekte?

Völlig unverständlich ist die unheilvolle Rolle der deutschen Botschaft in Santiago oder fast aller Bundesregierungen. Die ersten Dissidenten, die aus der Kolonie fliehen konnten und in der deutschen Botschaft um Hilfe ersuchten, wurden nicht nur bitter enttäuscht, sondern im Gegenteil sogar verraten. Mitarbeiter der Botschaft halfen ihnen nicht. Im Gegenteil, sie warnten mitunter sogar Schäfer.

Auch Helmut Kohl beschwichtigte noch 1991 bei einem Besuch in Chile die Situation und machte sie zu einer innerchilenischen Angelegenheit. Mit Opfergruppen wollte die Kohl-Administration im Vorfeld nicht sprechen. Erst Frank-Walter Steinmeier fand vor wenigen Jahren deutliche Worte. In Zeiten des Kalten Krieges war der BRD ein kommunistenfeindliches Regime einfach wichtiger als die Opfer der Colonia Dignidad.

Schäfer wurde aber auch nach dem Ende der Pinochet-Diktatur lange Zeit noch von mächtigen Gönnern unterstützt. Es ist ein großes Verdienst der Serie zu beleuchten, wie geschickt Schäfer und seine Komplizen die lokale Bevölkerung manipulierten.

Eine Doku mit formalen Mängeln

Sie unterhielten ein Krankenhaus, das Chilenen kostenlos versorgte, gaben sich als sozial verantwortlich und kinderlieb und gemeinnützig. Als die chilenischen Behörden Anfang der 90er-Jahre das Krankenhaus schlossen, gelang es, Massenproteste zu inszenieren, bis man ein Jahr später die Schließung zurücknahm. Vor Razzien und Verhaftungen wurde Schäfer immer wieder von der örtlichen Polizei gewarnt. 1997 floh er dann mit einem Flugzeug zunächst nach Argentinien und konnte erst acht Jahre später von der Justiz belangt werden.

Die Serie ist hochinformativ und durchaus erschütternd. Formal jedoch ist sie eher Fernsehen von gestern mit einem zu omnipräsenten Off-Kommentar, der mitunter zu belehrend, zu redundant wirkt. Das hätte man sehr viel besser und origineller lösen können. Die amerikanische Doku-Serie "Vietnam" von Ken Burns und Lynn Novick etwa, die auf Arte lief und in der kompletten Originalfassung auf Netflix, ist da sehr viel besser und setzt den  Off-Kommentar viel sparsamer ein.

Fiktionale Verfilmungen des Stoffes

Diese vierteilige Dokuserie ist nicht die einzige filmische Aufarbeitung des Themas. Es gab bereits 2016 einen Kinospielfilm mit Daniel Brühl und Emma Watson und vor allem auch eine fiktionale Serie "Dignity" beim Anbieter Joyn Plus, prominent besetzt mit Devid Striesow und Götz Otto. Sie ist eine chilenisch-deutsche Koproduktion in acht Teilen, die immerhin die erste fiktionale Serien-Eigenproduktion von Joyn Plus war, aber leider völlig unterging im Überangebot von Serien, Plattformen, Mediatheken.

Sie ist aber erstaunlich gut, sehr präzise, bei weitem nicht so reißerisch und mitunter oberflächlich wie der Spielfilm von Florian Gallenberger. Und vor allem beherzigt die chilenisch-deutsche Koproduktion eine sehr wichtige, sprachliche Authentizität, ist viel auf Spanisch mit deutschen Untertiteln und auch auf Deutsch. Dort geht es um den fast vergeblichen Kampf eines jungen chilenischen Staatsanwaltes, der einst in der Kolonie aufwuchs und perfekt zweisprachig ist. Eine richtig gelungene deutsche Serie, die auch filmisch und darstellerisch sehr überzeugt.

Angaben zur Doku-Serie "Colonia Dignidad. Aus dem Innern einer deutschen Sekte"
Regie: Annette Baumeister

Sendetermine im Ersten:
Montag, 16. März 2020, 22:45 Uhr
Montag, 23. März 2020, 22:45 Uhr

Mehr Dokumentationen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. März 2020 | 15:45 Uhr

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