Gamer vor dem Bildschirm
Gaming ist kein Randphänomen mehr – das hat auch Auswirkungen auf die Gesellschaft. Bildrechte: IMAGO-STOCK

Gaming Wie Computerspielen die Gesellschaft verändert

Zocken am Computer hat keinen guten Ruf. Der Vorwurf: Es macht süchtig und unfähig, in der Realität zu leben. Mittlerweile sind Spieler aber keine kleine Randgruppe mehr. 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt sind sogenannte Gamer. Und es sind auch nicht mehr nur Jungs und Männer – 46 Prozent aller Computerspielenden sind inzwischen Frauen. Welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat, erklärt der Medientheoretiker Mathias Fuchs.

Gamer vor dem Bildschirm
Gaming ist kein Randphänomen mehr – das hat auch Auswirkungen auf die Gesellschaft. Bildrechte: IMAGO-STOCK

MDR KULTUR: Herr Fuchs, Medien bestimmen, verändern, beeinflussen, wie und was wir denken oder was wir uns vorstellen können. Wie verändern das Computerspiele?

Mathias Fuchs: Auf der einen Seite gibt es ganz starke Veränderungen in der Vorstellung davon, was oder wie leicht man etwas erreichen kann. In den Computerspielen muss man keine langen Distanzen zurücklegen, um von Paris nach Lyon zu gehen. Also Raum- und Zeit-Vorstellungen haben sich schon verändert.

Auch hat man in den Computerspielen eine ganz andere Vorstellung von Identität. Nämlich nicht mehr diese romantisch-individualistische Identität, in der man sagt, ich bin ein Mensch, der versucht, sich in der Welt zurechtzufinden und seinen eigenen Weg zu finden. Sondern ich denke mir, dass sich ganz viele – vor allem von den jugendlichen Spielern, die ich beobachte – als Horde verstehen, als eine Gruppe von Leuten, die etwas zusammen macht.

Computerspiele wären ja nicht so erfolgreich, wenn die Gesellschaft nicht schon lange darauf gewartet hätte. Was wäre die Frage, worauf diese Spiele die Antwort sind?

Die Frage ist vielleicht: Ist so etwas wie eigenständiges Handeln möglich? Ich denke, dass viele Menschen inzwischen glauben, dass geht eigentlich in der Realwelt nicht mehr. Ich muss die ganze Zeit irgendwelchen Vorschriften folgen, irgendwelchen Anweisungen. Ich muss mich danach richten, was mir die Lehrer, die Vorgesetzten sagen. In den Computerspielen hat man plötzlich diese Möglichkeit, unglaubliche Sachen nur durch eigene Bravour bewerkstelligen zu können. Das ist ein Wunsch, der da erfüllt wird.

Sehen Sie Zusammenhänge mit dem Spielen und dem Auftreten der Spieler in der Moderne?

Auf alle Fälle. Ich habe auf einem Flug von Kyoto nach Berlin zurück einen Film gesehen und gemerkt, dass sich auf einmal die Figuren wie Computerspiel-Akteure bewegt haben. Sie springen von einer Plattform zur anderen, machen Saltos aus völlig unerklärlichen Gründen. Der Film imitiert sozusagen die Spielwelt. Und das passiert in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch.

Wir sehen sogar, dass die Bewegungsmuster von Leuten, die im öffentlichen Rampenlicht stehen, wie die der Fußballer, sich an die von Spielfiguren annähern. Es gibt beispielsweise Siegesgesten im Spiel "Fortnite", die eine unglaubliche Popularität unter den Jugendlichen errungen haben. Das machen Fußballspieler zum Teil auch auf dem Fußballfeld. Wenn sie ein Tor geschossen haben, imitieren sie die Bewegungsraster der Spielfiguren aus Computerspielen.

Das Gespräch führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. August 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 16:44 Uhr

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