Intellektuelle Stimmen zu Corona Alexander Kluge vergleicht Coronakrise mit Kriegserfahrung

Der Filmemacher Alexander Kluge sieht die Coronakrise als "mentale Stunde Null". Wie 1945 sei jetzt zugleich Gelegenheit für einen gesellschaftlichen Neustart. Politikwissenschaftler Herfried Münkler betont die Bedeutung globaler Zusammenarbeit im Kampf gegen den Virus. Und Medienwissenschaftler Norbert Bolz analysiert die Rolle von Experten in der Coronakrise, die für ihn eine zweifelhafte Orakelfunktion übernehmen. Drei intellektuelle Stimmen zur Krise.

Alexander Kluge 12 min
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Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge sieht Parallelen zwischen der Coronakrise und Kriegserfahrungen. Kluge sagte MDR KULTUR, man könne zwar nicht von einem Krieg gegen den Virus sprechen, weil er nicht mit Bomben oder Artillerie zu bekämpfen sei.

Dennoch sei die Herausforderung ganz ähnlich: "Das ist ein unsichtbarer Feind. Und der geht an die Kehle. Das ist so wie im Ersten Weltkrieg das Gas eine besondere Angst auslöst, weil alles, was die Lunge, den Atem und die Kehle betrifft, da ist der Mensch am empfindlichsten überhaupt."

Der Mensch ist angesichts Corona nicht ohnmächtig

Insofern gebe es zwischen einem Krieg und der Coronakrise "einen Zusammenhang der Gewalt", so Kluge weiter: "Ich finde den Vergleich sehr treffend, und in beiden Fällen geht es darum, dass man darüber nachdenkt, wie das aufhört, wie der Mensch nicht sich ohnmächtig fühlen muss."

Dazu müsse man die Krise auch als Herausforderung betrachten: "Wenn gar keine Krise da ist, wird der Mensch träge. Damit sage ich nicht, dass Krisen etwas Gutes sind. Ich fürchte mich auch, wie alle anderen. Aber ich kann es nicht nur negativ finden, weil wir nicht ohnmächtig sind."

Was ist wirklich, was ist unsere Wirklichkeit? Welche Wirklichkeit müssen wir verteidigen? Und wo müssen wir uns ändern? Ohne dass die Viren das wollen, stellen wir uns eine sehr lebensentscheidende, lebensbedrohende, aber auch lebensbejahende Frage.

Alexander Kluge, Filmemacher und Schriftsteller

Erinnerungen an den Bombenangriff auf Halberstadt

Kluge bezieht sich auf den Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt vor 75 Jahren, den er als 13-Jähriger erlebte: "Ich habe gesehen, dass das ein Neuanfang war. In Halberstadt, meiner Heimatstadt, fing plötzlich vom Theater bis zu den arbeitenden Menschen alles neu an." So sei, wenn auch nur vorübergehend, eine neue Form der Solidarwirtschaft entstanden, bei der die Frauen Familienbetriebe am Laufen gehalten hätten, weil die Männer nicht da gewesen seien.

Auch in dieser Hinsicht gebe es Parallelen zur aktuellen Lage: "Die gesamte Gesellschaft ist neu auf dem Prüfstand, wie sie es übrigens 1945 aus ganz anderen Gründen ebenfalls war. Wir sind hier doch so etwas wie in einer mentalen Stunde Null."

Die Kunst habe in dieser Situation eine besondere Bedeutung, findet der 88-jährige Kluge: Sie sei wichtig, um die jetzt nötige Umorientierung auszudrücken. Der Virus mache der Menschheit klar, dass sie eine große Gemeinschaft sei. "Und das darzustellen und festzuhalten war in der Renaissance, in der Toskana, wenn dort die Pest war, Grund, dass alle Künste sich Mühe geben. Und denken Sie, wie die Künstler dann sich in die Berge zurückzogen von Florenz und haben dort den Decamerone geschaffen, aus dem sich noch Shakespeare seine Stücke holt."

Herfried Münkler: nationale Abschottung ist "idiotisch"

Herfried Münkler 11 min
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Erleben wir eine Abkehr von Europa und die Rückkehr des Nationalstaates, als Garant sozialer und wirtschaftlicher Absicherung - verstärkt durch das Coronavirus? Ein Gespräch mit dem Politologen Herfried Münkler.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 04.04.2020 12:15Uhr 10:50 min

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Auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler betont, wie wichtig in der Coronakrise globale Zusammenarbeit ist. Münkler sagte MDR KULTUR, die Krise habe gezeigt, dass "dieses nationalstaatliche Agieren relativ geringe Effekte hat und in vieler Hinsicht eigentlich kontraproduktiv ist." Die inzwischen gelockerten Einreisesperren für Erntehelfer in Deutschland seien dafür ein Beispiel.

"Ich könnte mir eigentlich vorstellen, dass wir an einer Wegscheide sind", so Münkler. Die Krise könne dafür sorgen, dass Europa künftig in ähnlichen Fällen besser zusammenarbeite. Statt nationaler Abschottung müsse es dann einen größeren "tendenziell autarkiefähigen Raum" geben – "mindestens Schengen, vermutlich unter Einbezug auch noch von Bulgarien und Rumänien". Diesen großen Raum könne man dann abschotten. "Aber es ist total idiotisch, auf der Ebene der nationalstaatlichen Grenzen plötzlich diese Vorhänge hochzuziehen", so Münkler.

Selbst Wissenschaftler stoßen an Wissensgrenzen

Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz begründet die Angst vor Corona vor allem mit den vielen ungeklärten Fragen rund um den Virus. Bolz sagte MDR KULTUR, die meisten Menschen nähmen die Quarantäneregeln ernst. "Und warum? Weil niemand weiß, worum es geht."

Das ist eine Bedrohung, die dadurch singulär ist, das niemand etwas dazu sagen kann, was verbindlich ist.

Norbert Bolz, Medien- und Kommunikationswissenschaftler
Prof. Dr. Bolz 9 min
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Das gelte selbst für Virologen und andere Wissenschaftler. Dennoch – oder gerade deswegen – genössen Experten in der Bevölkerung derzeit großes Vertrauen, glaubt Bolz: "Sympathisch werden uns diese Vertreter der Medizin ja gerade durch ihre Eingeständnisse des Nichtwissens." Auch deshalb werde es hingenommen, dass selbst Experten von Tag zu Tag andere Ideen und Maßregeln entwickelten.

Dennoch sei es ein Problem, "wenn Mediziner, ohne dass sie etwas Verbindliches wirklich wissen, zu Orakeln werden". Schließlich richteten sehr viele Menschen nach den Sprüchen dieser "Orakel" ihr Leben aus.

Virologen als moderne Orakel

Bolz sieht die Wissenschaft derzeit zugleich als Entlastung für Politiker, "die völlig ratlos" und "vollkommen inkompetent sind". Deshalb sei es nachvollziehbar, dass Politiker Verantwortung auf Experten abgeben wollten. "Da aber diese Experten eben auch kaum etwas wissen, kommt der Bumerang wieder zurück." Letztlich müssten Politiker entscheiden, ohne genau zu wissen, worum es gehe.

Doch darin sieht Bolz den Kern von Politik: "Im Grunde unentscheidbare Fragen trotzdem entscheiden zu müssen." Denn wären die Gründe für eine Entscheidung offensichtlich, könne man auch Computer entscheiden lassen. "Spannend, aufregend und existenziell wird es eben genau dann, wenn man Entscheidungen treffen will, ohne wirklich gute Gründe zu haben – weder gute dafür noch dagegen", so Bolz.

Wahrscheinlich ist das der Kern von Politik: im Grunde unentscheidbare Fragen trotzdem entscheiden zu müssen.

Norbert Bolz, Medien- und Kommunikationswissenschaftler

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. April 2020 | 12:10 Uhr

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